Mittwoch , 26. September 2018
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Georg Wübbolt notiert sich in einer Partitur Anweisungen für seine Kameraleute.

Dokumentation über Leonard Bernstein

Brietlingen. Wenn er nicht gerade dirigierte, dann hatte Leonard Bernstein in der linken Hand ein Glas Scotch und in der rechten eine Zigare tte. In der Öffentlichkeit war der Maestro stets präsent und meistens außerordentlich liebenswürdig. Aber Bernstein kämpfte auch mit seinen dunklen Seiten. Georg Wübbolt hat eine vielbeachtete Doku über „Lenny“ gedreht, „es war ein Glory-hallelujah-Film“, sagt er. Jetzt will der in Brietlingen lebende Regisseur „auch die Dämonen Bernsteins“ zeigen.

Mit Herumkritteln und Am-Denkmal-Kratzen hat das nichts zu tun, „Bernstein ist für mich der größte Musiker des 20. Jahrhunderts“, sagt Georg Wübbolt. Dirigent, Komponist, Pianist, Kunstvermittler – es gibt kaum einen Bereich, in dem Louis „Leonard“ Bernstein, Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie aus der Ukraine, nicht brillierte. Er starb 1990 an Krebs, am 25. August nächsten Jahres wird sein 100. Geburtstag gefeiert. Da ist mit allerhand Jubiläums-Publikationen zu rechnen. Georg Wübbolt, der als freier Regisseur und Autor mehr als 200 Live–Sendungen, Aufzeichnungen und Dokumentarfilme verantwortete, will nun die eher unbekannten Facetten beleuchten. Als Sender ist zunächst der Bayrische Rundfunk im Gespräch.

Bernstein war homosexuell – zu seiner Zeit in den USA, selbst in New York, ein echtes Problem, die Orientierung wurde schlicht als Krankheit angesehen. Als Ehemann und dreifacher Vater hat es der durchaus promiskuitive Künstler lange Zeit geheim gehalten. „Seine Frau wusste, worauf sie sich einließ“, so Wübbolt, „aber seine Kinder hatten lange Zeit keine Ahnung, Bernstein selbst hat es ihnen gegenüber abgestritten.“

Drei Monate und keine einzige Note

Zweites Beispiel: Der Meister, der so überschäumend kreativ wirkte, die ganze Welt umarmte (und auch gern küsste), war manisch depressiv. Georg Wübbolt weiß es von einem Berliner Psychiater, der mit Bernstein lange Zeit engen Kontakt hatte, als Freund wohlgemerkt, nicht als schweigepflichtiger Arzt: „Es gab beispielsweise eine Phase, in der Bernstein eine große Symphonie schreiben wollte. Er hat in drei Monaten keine einzige Note zu Papier gebracht.“

Wübbolt ist weltweit für seine Recherchen unterwegs, interviewte Angehörige und Kollegen Bernsteins. Für die Doku „Bernstein – larger than life“ erhielt er eine Reihe von Nominierungen und Preise, beispielsweise den „International Classical Music Award“ (ICMA) – eine unscheinbare, eher hässliche Plastik aus Glas, aber für das Renommee natürlich pures Gold.

Wübbolt, Jahrgang 1953, studierte Musik (unter anderem auch Lehramt), ist als Pianist, Pauker und Orchester-Schlagzeuger aktiv, als Autor, Theater-, Hörfunk- und Fernsehregisseur. Seine Spezialität sind Konzert-Übertragungen, da kommen ihm im Grunde alle Ausbildungen und Medienerfahrungen zugute.

Für sein nächstes Projekt muss der Brietlinger nicht weit reisen: Am Sonntag, 11. Juni, dirigiert Herbert Blomstedt in der Elbphilharmonie Anton Bruckners 5. Sinfonie. Wübbolt, selbst ein großer Freund der Romantik, speziell von Mahler, wird die Regie für den Livestream beim TV-Sender Arte führen. Ein aufwendiges Projekt, bei dem sechs oder sieben Kameras positioniert werden. Bereits bei der Generalprobe am Freitag zuvor sitzt Wübbolt im Ü-Wagen.

Hunderte Notizen für 80 Minuten Konzert

Die Vorbereitungen haben längst begonnen, der Regisseur hat die Partitur für das fast 80-minütige, ziemlich sperrige Werk studiert. Hunderte Notizen werden für die Kameraleute dann zu präzisen Anweisungen für ihren Einsatz. Schließlich sollen stets die tonangebenden Musiker/innen im Bild sein – und wenn es nur eine Drei-Sekunden-Einstellung für einen einzigen Paukenschlag ist. Meistens aber wird wohl der Dirigent gezeigt, denn das ist Georg Wübbolts typische Handschrift und seine Überzeugung: Über den Mann (oder die Frau) am Pult kann der Zuschauer am meisten über die Interpretation der Musik erfahren.

Von Frank Füllgrabe