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Die Familie Trask erlebt ein Land der unbegrenzten Träume und der begrenzten Möglichkeiten. Foto: tonwert 21

Wenig Himmel, viel Hölle

Lüneburg. Weit draußen in den Weiten der begrenzten Möglichkeiten verharren sie, während ihre Träume zu Staub zerfallen. „Jenseits von Eden“. Sie hoffen auf Besseres, gieren nach Liebe, verhärten, in ihnen gärt Hass. Sie ringen mit der Natur ums tägliche Brot und noch vielmehr gegen das Wüten ihres Inneren. Ein Zweikampf, erbittert und nicht enden wollend, führt im Theater
Lüneburg hinein in das Drama einer Familie. 1952 widmete John Steinbeck ihm 700 „East Of Eden“-Romanseiten, 1955 Elia Kazan 115 Filmminuten und nun Jasper Brandis gut zwei Stunden Theater. Über die Bühne braust ein Steinbeck-Extrakt von alttestamentarischer Wucht, voll Bitterkeit, kontrastiert von groteskem, giftigem Humor.

Wie schwer es ist, die Spur der Väter zu verlassen

 Der Raum ist nackt, ganz hinten ziehen sich Kleiderständer über die Bühne. Die Schauspieler treten als Chor nach vorn, anfangs als entblößte Kreaturen bis auf die Unterwäsche, und reißen in knappen Sätzen die Welt der Familie Trask auf. Die Geschichte führt über Generationen, von 1860 bis in den Ersten Weltkrieg. Buch und Stück zeigen, wie tief die Spur der Väter ist und wie schwer es ist, sie zu verlassen. Aber es muss ja sein, und immer geht es darum, sich auf die Seite des Guten oder die des Bösen zu schlagen, auf die des Gewissens oder die des Verdrängens.
So einfach es klingt, so schwer ist es, und wiederholt führt Steinbeck zu Kain-und-Abel- Konflikten und zum Kampf der Söhne um die Liebe des Vaters. Es ist eine Welt der Männer, in der Emotionen explodieren und Gewalt Probleme lösen soll. Hat sich da heute irgendetwas geändert – Syrien, Venezuela, „Tatort“?! Einen Sog wolle er erzeugen, sagte Jasper Brandis vorab. Genau
das geschieht, ohne jede Beschaulichkeit. Brandis konzentriert den Ernst auf die Familie, die Söhne und die Väter, aber auch auf eine Frau und auf einen Diener, der wie ein Shakespearescher
Narr über den Dingen zu stehen scheint. Immer wieder wird der Chor eingesetzt, und immer schälen sich aus ihm heraus Episoden, die das Zerfallen der Familie beschreiben. Randfiguren werden
dabei zu Karikaturen. Gleich zu Beginn der eigentlichen Geschichte sind es die im wahrsten Sinn rotzigen Sheriffs, die wissen wollen, warum bei Adam Trask ein Schuss in der Schulter steckt.
Sie tragen eine Weste über der Wäsche und einen baumelnden Revolver, das genügt. Ausstatterin Barbara Bloch charakterisiert Typen durch Reduzieren und durch Übertreiben der Kostümierung.Die Geschichte mit dem Schuss ist ein Vorgriff, sie führt zu Cathy, die zu Haus nur moralfreien Zuspruch, keine Ablehnung erfährt und künftig ohne Rücksicht auf Verluste ihren Vorteil sucht, auch Adams Liebeausnutzt und ihn samt der gerade geborenen Zwillingen verlässt. Ihr Weg führt immer tiefer in die Härte, in die Gewalt, in die Kälte, ins Bordell. Beate Weidenhammerspielt mit kaltem Charme die Frau, die noch die Puffmutter (Britta Focht) umgarnen und vernichten wird. Bis sie selbst zur Hölle fährt.

Söhne, die sich mit Blicken, Worten, Fäusten bekriegen

Zu bewundern ist eine mitreißende Leistung des Ensembles. Wie Britta Focht schlüpfen viele in wechselnde Rollen, Wolfgang Erkwoh etwa und Martin Andreas Greif, der vor allem als knüppelharter, kriegsversehrter Stammvater Cyrus Konflikte schafft. Stefanie Schwab ist die junge Schöne, die schnell Bäumchen bzw. Kerle wechseln kann, Phillip Richert ein bedingt hilfsbereiter Nachbar mit Hang zum Whiskey. Matthias Herrmann legt als listiger Diener Lee eine Art Subtext aus. Das passiert subtiler noch durch Musik: Im Laufe des Abends rückt die wunderbare Pianistin Mira Teofilova stärker ins Zentrum – mit einer hochvirtuosen Ungarischen Rhapsodie von Liszt, in ihr steckt der ganze Auf-und-Ab- Strudel des Dramas.
Die bittere Wucht des Stoffes aber tragen Felix Breuel und Fabian Kloiber aus, die Söhne, die sich mit Blicken, Worten und Fäusten bekriegen. Und Paul Brusa spielt den konfliktscheuen Vater Adam, der unglücklich liebt, seinen Reichtum in falschen Projekten verrinnen lässt und schließlich einen Schlaganfall erleidet. Der Kriegstod seines Lieblingssohns Aron gibt ihm den Rest. Der andere Bruder, Cal, wird mit Arons Verlobter Abra das nächste Kapitel schreiben – aber der Abend muss ein Ende haben. Ihm folgt lang anhaltender Beifall. Einer buht. Theater muss Diskussionen provozieren, nicht einlullen. Das gelingt Jasper Brandis und Team.
Von Hans-Martin Koch

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