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Deborah Coombe führt mit dem BachChor immer wieder zu musikalischen Entdeckungen. Foto: t&w

Unterwegs an den Grenzen

Lüneburg. Konzerte des Lüneburger BachChors besitzen ihre eigene Spannung. Chorleiterin Deborah Coombe sucht und findet Werke, die sich abheben von dem, was di e vielen Chöre der Region singen. Jetzt gelang es sogar, eine deutsche Erstaufführung zu präsentieren. Außerdem verlässt der Chor, dessen Ursprünge in der Nicolaikirche liegen, gern seinen Stammort. Diesmal führte der Weg ins Museum, genauer in den Marcus-Heinemann-Saal. Der war erstens zu klein für das Besucherinteresse und deckt zweitens akustisch auch den kleinsten Ausrutscher nicht.

Der Abend hatte drei Teile, entscheidend war der Anfang. „Oceana“ heißt das Werk, das Osvaldo Golijov 1996 schuf und das nun erstmals in Deutschland erklang. In der stilistisch kaum zu greifenden Musik des damals 35-Jährigen spiegelt sich seine Biographie. Golijov ist Argentinier osteuropäisch-jüdischer Herkunft, er lebte eine Zeit in Israel, ging schließlich in die USA. Sein 30-minütiges Werk bezeichnet Golijov als Kantate, um eine Nähe zu Bach zu symbolisieren. Golijov vertonte eine hymnische Dichtung von Pablo Neruda mit Mitteln aus Avantgarde, Minimal Music, Folklore und Anklängen von lateinamerikanisch inspiriertem Jazz.

Atmosphärisch reizvoll beginnt das Werk mit Gitarre-/Harfenklängen, in die Mezzosopranistin Anna-Luise Oppelt einfühlsam das Werk tragende Soli von elegischer Weite einbringt. Im Verlauf werden ihre Parts durchsetzt von temperamentvollen, teils scat-ähnlichen Ausbrüchen. Auch Laurenz Voss wird seinen glockenhellen Knabensopran gewinnbringend einsetzen.
Die Sätze fließen ineinander und immer wesentlicher wird der Chor, der sehr anspruchsvolle Sätze zu singen hat und sich hochkonzentriert in das Werk eingibt. Das ist auch ein Markenzeichen von Deborah Coombe: Sie fordert ihre Sänger bis an die Grenze eines für Laienchor Möglichen heraus.

Ausflüge in den Jazz und nach Lateinamerika

Das war gerade im weitgehend a cappella zu singenden, choralartig anmutenden doppelchörigen Finale der Fall – mal ausgreifend, mal Klänge überlagernd, mal flüsternd und im Gebetston. Es wären hier dem Chor ein paar Stimmen mehr zu wünschen gewesen, um all die Klangfarben und Stimmenverläufe gesättigt zum Leuchten bringen zu können. Trotzdem: eine starke Leistung, an dem auch die Gruppe der Norddeutschen Symphoniker um Markus Menke neben den eher folkloristisch geprägten Musikern Anteil hatte.

Teil zwei gehörte dem Ulf Manú Quartett mit Michael Bohn (Kontrabass) und Daniel Orthey (Cajon) als ideale Basisarbeiter, Blockflötistin Iris Hammacher als neuem Mitglied und dem Gitarristen Ulf Manú Müller. Von ihm stammen die Stücke, und er spielte sie so brillant wie leidenschaftlich. Dazu fügte Iris Hammacher mal eine folkloristisch gefärbte Melodie ein, sie nutzte aber auch alle Möglichkeiten, ihrem Instrument überraschende Klänge abzuluchsen. Das Publikum hätte gern mehr gehört.

Teil drei übernahm wieder der Chor, nun mit drei lateinamerikanischen Liedern, die Lebensfreude mit einer von Emotionen geprägten Musik ausdrücken. Das Publikum dankte mit viel Beifall, und am 9. Dezember kehrt der BachChor in die Nicolaikirche zurück.

Von Hans-Martin Koch