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Die Schriftstellerin Katharina Bendixen lebt und arbeitet bis Ende Juli in Lüneburg. Foto: ff

Unzuverlässige Erzählerin

Lüneburg. Kleine Kinder können ihre Eltern in den Wahnsinn treiben. Zum Beispiel, wenn sie beschließen, nicht mehr zu laufen, oder nichts me hr essen – ohne ersichtlichen Grund. In vielen Familien kursieren Erinnerungen an solche Extremsituationen. Katharina Bendixen hörte von einer befreundeten Mutter die Geschichte über einen Hungerstreik im Kinderzimmer. Daraus entstand „Ich sehe alles“, der erste Roman der Autorin, die bisher mit ihren Kurzgeschichten auf große Resonanz stieß, eine Reihe von Preisen gewann – das Heinrich-Heine-Stipendium in Lüneburg zum Beispiel. Hier sammelt Katharina Bendixen nun Eindrücke für neue Geschichten und vermutlich neue Auszeichnungen.

Steter Erfolg mit Kurzgeschichten

Eigentlich sollte auch „Ich sehe alles“ (Verlag Poetenladen, 2016) eine Kurzgeschichte werden, längst hatte sich die Autorin in diese Form eingegroovt. In diesem Fall aber wuchs der Stoff auf ungewohnte Länge: Eine junge Frau arbeitet als Au-pair in Budapest. Ihr ist eine Fünfjährige anvertraut, die sich weigert zu essen und immer magerer wird. Seltsam nur, dass die Eltern völlig gelassen bleiben. Irgendwann kommen Zweifel, ob das Problem nicht ganz woanders liegt. Das Au-pair-Mädchen fühlt sich fremd in der kühlen Stadt, hofft auf ihren Freund, der sie in der Fremde endlich besuchen will – aber von ihm gibt es keinerlei Lebenszeichen. So langsam wird es etwas unheimlich, und auch das ist eine Spezialität von Katharina Bendixen.

Sie wählte die Rolle einer „unzuverlässigen Ich-Erzählerin“ – eine schwierige, in der Literatur seltene Position. Was ist objektive, was subjektive Wahrnehmung, was ist schlicht gelogen? Das will gut konstruiert sein. „Man erfindet da seine eigenen Regeln“, so Katharina Bendixen, die sich oft in einem surrealen Umfeld wiederfindet, den magischen Realismus schätzt und die Möglichkeiten, wenn es darum geht, Besessenheiten zu schildern, die ja auch im wirklichen Leben in großer Vielfalt zu erleben sind. „Ich sehe alles“ hat 155 Seiten, „eigentlich ist es eine Erzählung, vielleicht eine Novelle“, so Bendixen, die das Manuskript über die Jahre mehrfach überarbeitete, immer weiter kürzte. Es steht „Roman“ darauf, aber das hat vermutlich eher verkaufstaktische Gründe.

Probleme, einen Verlag zu finden, hatte Katharina Bendixen nicht, ohnehin lief es bisher immer irgendwie rund. Im Jahre 1981 in Leipzig geboren, studierte sie Buchwissenschaft und Hispanistik, arbeitete als Übersetzerin, Buchhändlerin und Kulturjournalistin, schrieb nebenher eigene Geschichten – und war dann irgendwann selbstständige Autorin. Die Qualität der Bände „Der Whiskyflaschenbaum“ (2009) und „Gern, wenn du willst“ (2012) führten – was sie selbst durchaus „als Luxus“ zu schätzen weiß – von einer Stadtschreiber-Stelle zur nächsten, auch zum József-Attila-Kör (Kör heißt Kreis) in Budapest. Mag ihre Protagonistin in der Wahrnehmung getrübt sein, die Schauplätze sind präzise recherchiert. Unter den Kolleg(inn)en schätzt Katharina Bendixen vor allem Christa Wolf, die Kurzgeschichten von Raymond Carver, die Kinder- und Jugendbücher von Christine Nöstlinger; apropos: Demnächst erscheint das dritte Kinderbuch von Bendixen, ihr Held ist der unerschrockene Mops „Zorro“.

Tandem-Lesung mit Thomas Lang am 31. Mai

Lüneburg wird Katharina Bendixen wohl in guter Erinnerung haben, schon deshalb, weil ihr Sohn Linus hier gerade seine ersten Schritte lief. Der Anderthalbjährige soll demnächst daheim in Leipzig in eine Kinderkrippe, weshalb es dann mit dem Nomadenleben einer Schriftstellerin erst einmal vorbei sein wird.
Bis Ende Juli bleibt die Autorin mit Kind und Partner noch im Heine-Haus. Am Mittwoch, 31. Mai, 19.30 Uhr, stellt sie sich in einer Lesung dem Publikum vor. Mit dabei ist Thomas Lang, Heine-Stipendiat 2008 und aktuell mit seinem Roman „Immer nach Hause“ über die Schaffenskrisen des jungen Hermann Hesse präsent.