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Drei Menschen aus Königsberg: Walentina Afinogenowa Schumilowa (Verwaltungsangestellte), Wadim Mitjaew (Schüler, 14 Jahre) und Nikolai Spiridonow (Bühnenarbeiter). Fotos: Pawlow/nh
Drei Menschen aus Königsberg: Walentina Afinogenowa Schumilowa (Verwaltungsangestellte), Wadim Mitjaew (Schüler, 14 Jahre) und Nikolai Spiridonow (Bühnenarbeiter). Fotos: Pawlow/nh

270 Menschen aus Königsberg

Lüneburg. Um einen Menschen zu erfassen, braucht es viele Worte oder einen sehr genauen Blick. Juri Pawlow entschied sich für die zweite Variante. Pawlow, 1958 in Odessa geboren, ist Fotograf in Kaliningrad, dem früheren Königsberg. Seine Frage: Was macht die Charakteristik der Menschen in dieser westlichen Enklave Russlands aus? Seine Antwort: 270 Bilder in vier Jahren. Eine Auswahl zeigt das Ostpreußische Landesmuseum bis zum 18. Juni.

Auslöser war eine Fotoserie des legendären amerikanischen Mode- und Dokumentarfotografen Richard Avedon (1923-2004): „In the American West“. Pawlow schuf das östliche Gegenstück. Er zitiert Avedons Methode: Zu sehen sind Menschen in der Regel vor neutralem Hintergrund, eingepasst in schwarze, zum Teil offene Rahmen, schwarz-weiß, frontal im Halbporträt. Natürlich wurden diese Aufnahmen mit einer analogen Kamera gemacht, einer japanischen Rittreck 5×7 inch.

Pawlow wählt bei seinen Aufnahmen immer eine ähnliche Anordnung und Perspektive. Die Blicke der Frauen und Männer, der jungen und der alten Menschen aus Kaliningrad und Umgebung sind in der Regel ernst, skeptisch. Kinder wie der 14-jährige Wadim tragen schon den desillusionierten Blick von Erwachsenen. Bei anderen aber schaut doch Kampfeslust heraus, sie scheinen dabei zu sein, einer Situation der Armut und der Begrenzung den eigenen Willen entgegenzustellen.

Pawlow porträtiert sie alle: den Bäcker und den Historiker, den Schweißer und den Tonmeister, die Choreografin und den Bühnenarbeiter, den Landvermesser und die Frau mit der Berufsbezeichnung Barista. Das sind die Barkeeper der Coffeeshops und ist in diesem Kontext interessant, weil Pawlow mit dem Foto eine Brücke zwischen Rückständigkeit und Gegenwart baut. Es gibt Verlierer und Gewinner, wenige Gewinner.

Workshop im Ostpreußischen Landesmuseum

Gesichter können sprechen, in sie sind das Land und das Leben eingeschrieben. Die Kerben, die Furchen und auch die Furcht und die Vorsicht. Davon ist viel in dieser Ausstellung zu sehen. Die Bildauswahl ist aber schon recht stark auf Menschen aus dem künstlerischen und akademischen Feld fokussiert.

Pawlow ist mit seinen Arbeiten seit Jahren unterwegs. Er gewann Preise, war Stipendiat im Ahrenshooper Künstlerhaus Lukas und künstlerischer Leiter der Baltischen Fotografie-Biennale. Er lebt nach wie vor in Kaliningrad.

▶ Am 20. und 21. Mai gibt der Lüneburger Künstler Ralf Peters einen Workshop im Landesmuseum, für Fotografen, die tiefer ins Metier einsteigen wollen.
Von Hans-Martin Koch