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Ruhe strahlen die Rundlingsdörfer in der Regel aus, bei der Landpartie aber werden sie kräftig belebt. Foto: oc

Kulturelle Landpartie im Wendland: Radeln und jodeln, filzen und politisieren

Lüchow-Dannenberg. Der touristische „Hotspot“ im deutschen Norden liegt zwischen Himmelfahrt und Pfingsten wieder zwischen Meudelfitz und K ussebode, Salderatzen und Schnackenburg. Die Kulturelle Landpartie (KLP) lockt, und wie in jedem Jahr liefert sie Zahlen, die zeigen, wie die KLP sich vom Politischen zum Event wandelte. Spürbar bleiben soll die Idee vom Widerstand gegen die Atomenergie mit Mitteln der Kultur – 40 Jahre nach Benennung Gorebens als Atommüllort.

Geblieben ist der Begriff Wunde.r.Punkte für die 121 Orte, an denen 611 Ausstellungen, 858 Veranstaltungen mit insgesamt 1712 Terminen um Besucher buhlen. Ein erheblicher Teil der Künstler und Musiker, Kunsthandwerker und Theatermacher kommt nach wie vor aus dem Wendland und der näheren Umgebung. Aber die Spanne der Aussteller und Akteure reicht von Pirna bis Gomera, wie der weitgehend ausverkaufte „Reisebegleiter“ ausweist.

Vom Wiesenlabyrinth zum Pfingstmarkt

Auf 368 Seiten finden sich alle Orte, alle Akteure, alle Aktionen. Das reicht von Xhigung Thai Xhi im Wiesenlabyrinth (Eintritt frei oder ein Sack trockenes Brennholz) in Zeetze bis zum Schnüredrehen aus Brennesseln im Tipi in Weitsche. Oder von Wandas Mokkastunde mit Trommelmusik in Schnega bis zur Jodel-Konzert-Radtour ab Maddau. Dazwischen stehen Vorträge zur Atompolitik und eine Fülle von Ausstellungen, die Gedrehtes, Gefilztes und Gedrechseltes anbieten, oft auf gehobenem (Preis-)Niveau.

Einige hängen sich seit Jahren an die basisdemokratisch organisierte Kernveranstaltung an, etwa der Pfingstmarkt in Satemin. Andere haben sich längst abgelöst wie die parallel laufende Mützingenta, die wie eine Kompaktausgabe der KLP aufgebaut ist.

„Landpartie ist wendische Kultur — aus der Widerstandsbewegung entsprungen und dort auch noch verwurzelt. Was außerhalb dessen ist, ist Begleiterscheinung“, schreibt Georg Hohenbild vom Wunde.r.punkt Breese im Bruche. Ob die Begleiterscheinungen nicht doch die Wurzeln überwuchern, kann jeder selbst entscheiden.

Die Qualität der Langsamkeit entdecken

Man solle die Qualität der Langsamkeit entdecken, heißt es im Reisebegleiter, sich über Gott und die Welt, Atompolitik und „Urban Gardening“ austauschen, Gras unter den Füßen spüren, auf Unerwartetes und Unverhofftes stoßen etc. Da muss nur noch das Wetter mitspielen.

Frauen und Männer aus dem Raum Lüneburg mischen kräftig mit. Für Musik sorgen zum Beispiel Saxophonist Daniel Gebauer (Lüneburg) in Zadraus alter Schule, der Motettenchor Bardowick im Oktogon Hitzacker und die Band Schön Dick Butter in Neu Darchau. Kunst bzw. Kunsthandwerk zeigen die Lüneburgerin Kathrin Matzak (Skulptur, Installation) in der Güstritzer Villa Wendland, Imke Erbuth aus Bienenbüttel in Prisser (Textil, Filz, Leder) und Cornelia Woitun aus Betzendorf in Kussebode (Keramik, Glas). Literarisches bieten Klaus Behr in Hitzackers Alter Sargtischlerei und Hilal Sezgin in Brünkendorf. Die Sparte Theater wird zum Beispiel von Pamela Fleck aus Barnstedt in Beesem vertreten.

Der Reisebegleiter ist auch online komplett zu finden und gut gegliedert: www.kulturelle-landpartie.de. Die Vorschläge für Radtouren sind allerdings nur in gedruckter Form zu finden, was schade ist, da es ja nur mit dem Rad möglich ist, zu spüren, was das Wendland ausmacht. Gut aber, dass im Netz auf die Wendlandbahn von Lüneburg nach Dannenberg verwiesen wird, sie schiebt Extrafahrten ein.

Von Hans-Martin Koch