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Hannes, das ist im Theater Lüneburg Olaf Schmidt, aufgenommen bei der Hauptprobe. (Foto: t&w)

Ballett aufs Korn genommen: Hannes kann es nicht

Lüneburg. Wie viel Hannes mag wohl in Olaf stecken? Keiner kennt den Hannes so gut wie der Olaf. Hannes ist ein Typ, den die Welt nicht bra ucht. Ein Choreograph, der seine Leute schindet, zynisch abkanzelt und der selbst nicht weiß, was er eigentlich will mit seinem „Schwanensee“-Ballett. Den miesepetrigen Bühnen-Hannes hat sich Olaf Schmidt ausgedacht, und er spielt ihn auch. Der Schmidt also, der in Lüneburg Ballettdirektor ist, die Tanzkunst auf eine neue Stufe gehoben hat, und der für seine Arbeiten ständig „Ovations“ bekommt. Auch für „Laura oder Immer Ärger mit dem Schwarzen Schwan“ – einen garantiert unterhaltsamen Abend.

Nimmt sich Theater selbst aufs Korn, dann explodiert und verglüht ein Feuerwerk von Eitelkeiten und Intrigen. Das ist bei „Otello darf nicht platzen“ (1986) von Ken Ludwig so und lief schon 200 Jahre zuvor bei Mozarts „Schauspieldirektor“ nicht anders ab. Am Spiel mit Klischees haben die Klischee-Produzenten und das Publikum gleichermaßen Spaß.
Olaf Schmidt und Co-Regisseur Boris von Poser bleiben nicht eindimensional bei der Komödie. Sie kombinieren schwer selbstironische Szenen, in denen Schmidt als Hannes sein Team knechtet, mit solchen, in denen die Tänzer tatsächlich Teile von der geplanten „Schwanensee“-Produktion proben bzw. tanzen. So kreuzen sich das klassische Ballett und das zeitgenössische Tanztheater, was einen der besonderen Reize dieses Abends ausmacht. Noch intensiver sind die poetischen Szenen, in denen die Tänzer sich ganz auf ihre Berufung besinnen – und auch mal in Spiegeln verschwinden.

Verschwunden ist allerdings auch Laura, ein Star in der Hannes-Truppe. Mal ist sie beim Zahnarzt, mal steckt sie im Stau. Hannes‘ Groll kriegen die anderen ab. Geerdet wird der Zampano nur durch Doris, die Inspizientin. Gespielt wird sie von Barbara Krabbe mit trockenem Humor als Theatertier, das sich von keiner Marotte mehr aus der Ruhe bringen lässt. Schauspielerisch fällt Olaf Schmidt da denn doch ab, aber keiner kann nun mal alles gleich gut.

Júlia Cortés flippt komplett aus

Was aber weit und breit keiner so gut kann wie Olaf Schmidt: Er treibt dank sprudelnder Ideen und kreativer tänzerischer Lösungen bis hin zum Slapstick den Abend fix voran. Im zweiten Teil entschwindet allerdings die Figur des Griesgrams Hannes. Der Abend wirkt dadurch nicht ganz rund. Aber es macht einfach Spaß, wenn die vier kleinen Schwäne von Männern im Tutu getanzt werden (Kostüme: Frauke Ollmann). Herausragend ist der Part, in dem Júlia Cortés als Temperaments-Vulkan Carlotta mit Anibal dos Santos als Peter ein Duett einstudiert und ihn runterputzt. Peter findet erst alleingelassen wieder zu sich selbst. Allen und gerade denen, die unter Hannes leiden müssen, gibt Olaf Schmidt Soli, für die sie gebührend gefeiert werden. Nur Laura ist nicht da.
Eine schöne Idee ist es, Ex-Tänzer einzubeziehen. Thomas Pfeffer als Zauberer Rotbart, Oliver Hennes als Paul und Kerstin Kessel als Kostümbildnerin Coco haben viel Anteil am Erfolg des Abends. Die Schuh-Szene allerdings, in der Kerstin Kessel einen hysterischen Anfall spielt, wirkt von der Anlage her etwas aufgepropft und dramaturgisch leer.

Die Bühne bleibt weitgehend frei. Links hat Bühnenbildnerin Barbara Bloch das Arbeitspult für die Doris platziert. Am rechten Rand steht ein Flügel, an dem Kanako Sekiguchi als Liu Teile der Musik übernimmt, in locker perlendem Ton. Von den Tasten des Klaviers ist Liu so fasziniert wie von denen ihres Smartphones. Der große Teil der Musik aber wird eingespielt – mit viel Tschaikowsky.

Wie immer bringt das auf den Punkt trainierte Ballett eine Teamleistung auf die Bühne, die allen Respekt fordert. Zum Team gehören außer Genannten Rhea Gubler als Fabienne, der ehrgeizige Schatten von der niedergemachten Marina, die Gabriela Luque verkörpert. Giselle Poncet als Olga (Odette / Odile), Claudia Rietschel (Tatjana), Wout Geers als Hans (Prinz 2), Wallace Jones als Ronaldo (Prinz 1), Phong Le Thanh (Tu) und Francesc Fernández Marsal (Said) ernten wie alle Standing Ovations.

P.s. Es steckt natürlich nichts, so gut wie nichts vom Hannes im Olaf. Denn Hannes will über Druck zum Erfolg. Druck fördert Angst, Frust, Flucht und Versagen. Olaf Schmidt erzeugt einen Sog, der sein Team mitreißt und immer wieder zu bewundernswerten Leistungen treibt. Das Team bleibt zusammen, es wird auch in der kommenden Spielzeit viel Freude machen. Vielleicht ist dann ja auch Laura wieder da.

Von Hans-Martin Koch