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Gesang, Tanz und Klavier-Quartett: Ein Konzert im Lüneburger Theater beleuchtet die Geschichte des Tango. Foto: be

Adios Muchachos

Lüneburg. Schummeriges Licht einer Hafen-Bar, ein Bandoneon wimmert, ein Kontrabass bollert, Tanzpaare schleichen im Zweivierteltakt zu ein em gleichförmigen Rhythmus umeinander herum : So oder so ähnlich dürften unsere Klischee-Vorstellungen vom Tango in Argentinien (es gibt ja auch noch einen in Finnland) aussehen. Alles tatsächlich richtig, aber nur winzige Facetten einer opulenten Musiktradition. Von ihr erzählte der Konzertabend „Volver“ im annähernd vollbesetzten Lüneburger Theater – eine mitreißende Revue von den überlieferten Anfängen des Tango bis zur Gegenwart.

Abendländische Harmonien und afrikanische Rhythmik

„Volver“ ist spanisch und heißt „Rückkehr“, das ist auch der Titel eine der bekanntesten Kompositionen von Carlos Gardel (1890-1953). Er wiederum gilt als eine der wichtigsten Tango-Persönlichkeiten seiner Zeit. Später kam Astor Piazzolla (1921-1992), aus dessen hunderten Werken wohl der „Libertango“ herausragt. Beide Stücke waren natürlich an diesem Abend zu hören, als Meilensteine eines Weges, der in die Werke Juan María Solares mündete: Der Pianist, Komponist und Arrangeur bildete den Dreh- und Angelpunkt des Konzertes, außerdem ist er der charmanteste schlechte Moderator der Welt. Und: Zum Ensemble gehört ein veritabler Star – der Sänger Rafael Rojas.

Rojas, der seit Jahren (allerdings eher selten) in Lüneburg lebt, meist um den Globus reist, ist eigentlich ein gefeierter Operntenor. Aber als er vor einiger Zeit für Puccinis Turandot auf der Bregenzer Seebühne stand, da wurde er mal eben für ein Tango-Projekt ausgeliehen, und seither gehört er zu den Verbündeten von Solares. Weitere Kumpane sind der Geiger Gert Gondosch von den Bremer Philharmonikern, Kontrabassist Christian Horn (Staatstheater Braunschweig) und Christian Gerber, der vielleicht wichtigste Bandoneonist in Deutschland.

Júlia Cortés und Francesc Fernández Marsal zauberten Glanzlichter auf die Bühne. Foto: be

Es muss getanzt werden

Mit solchen Leuten lässt sich schon etwas anfangen. Die Spannung zwischen virtuoser Disziplin und melancholisch-temperamentvollen Gefühlsausbrüchen, dieses Jammern und Jubilieren, ein Hauch von resignativem Humor – das ist es, was das Quintett so unglaublich beeindruckend auf die Bühne brachte. In den durchaus komplexen Liedern und Instrumentals zeigt sich, dass der Tango, das hängt mit der vielfältigen Herkunft der Einwanderer Argentiniens zusammen, aus diversen Quellen schöpft. Abendländische Harmonielehre und afrikanische Rhythmik, Johann Sebastian Bach und polnische Polka, italienischer Schmelz und die abgezirkelte Gruppendynamik des Flamenco: Dies alles transportiert der Tango in seinen besten Momenten, und von denen gab es einige an diesem Abend.

Die Noten für die Instrumente verlaufen nicht über- sonder ineinander, Motive wandern durch das Quintett, dazu gehören die Stimmungsschwankungen, süffisante Glissandi und markantes Staccato, artifizielle Sechzehntel-Ketten und lustvolle Schmiererei. Rafael Rojas zweifelt, schwelgt und schimpft in bester Opernmanier, „“ von Cardel ist so ein Gassenhauer. Und wenn dann das Lamento, der Weltmschmerz, nicht mit dramatischem Schlussakkord sondern mit einem fein gezupften Pling der Geige endet, dann löst sich alle Spannung in einem Lächeln auf – das Leben geht weiter. Muss ja.

Und es muss getanzt werden. Júlia Cortés und Francesc Fernández Marsal vom Ballett des Lüneburger Theaters setzten glutvolle Glanzlichter, fast waren sie die eigentlichen Stars des Abends Die Zugabe fand im Theater-Foyer statt, dort begleitete das Ensemble – nun unplugged – Tänzer/innen des Vereins Heidetango, der den Tango Argentino dort hinbringt, wo er herkam, nämlich in die Feste des Volkes. Eine schöne Idee – Volver eben, die Rückkehr.

Von Frank Füllgrabe