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Einprägsame Bilder begleiten die neue Produktion des TanzJugendClubs. Foto: theater/tonwert21

Jeder hat eine dunkle Seite

Lüneburg. Steht beim Theater Tanz an, wird es spannend. Zweimal noch ist die Sache mit Laura und dem schwarzen Schwan zu sehen. Dann hat es sich ausgetanzt für diese Spielzeit. Aber da ist doch noch etwas. Denn Matthew Sly hat im ersten Jahr nach seiner Tänzerkarriere den TanzJugendClub übernommen. Jetzt läuft die erste Produktion der 13 Tänzer, die zwischen 14 und 18 Jahren sind. Sie haben sich ein großes Thema vorgenommen: „Die sieben Todsünden“. Das ist ernst, das hat Witz, das hat Tempo. Das rockt. 70 Minuten im T.3 verfliegen im Nu

Die sieben Todsünden sind eine Erfindung der katholischen Kirche und zeigen auf, wofür man alles in der Hölle schmoren muss. Formuliert hat das Sündenseptett – auf der Basis von Vorläufern – Papst Gregor I. (gestorben 604), der zum Missionieren auch Prügel und Folter als angemessene Methode empfahl und als Erfinder des Fegefeuers gilt. Das ist lange her, aber „totally fantastic“ fände das heute wohl der vertrumpte Teil der Welt. Nun stehen die Begriffe Habgier, Zorn, Wollust, Hochmut, Faulheit, Völlerei und Neid – per Hand auf eine Tafel geschrieben – mitten im T.3 des Theaters, und 13 junge Tänzer machen sich ihren Reim auf das, was die Worte aussagen, was sie heute bedeuten können.

Das Thema wird seit Jahrhunderten mit Mitteln der Kunst dekliniert, von (Religions-)Philosophen auseinanderklamüsert, in der Tiefenpsychologie versenkt und wieder ausgegraben. Die Begriffe lösen eben eine Flut an Assoziationen und Möglichkeiten der Deutung aus. Zum Thema Habgier etwa liefert heute die Werbung den scheinbaren Kontrast: „Geiz ist geil“. Ein Satz wie ein Fanal, das Habgier erst anstachelt, auch Wollust und Völlerei auslösen mag. Die sieben Sünden verschwimmen also ineinander, und manche gehört längst zum akzeptierten Kanon der Verhaltensmöglichkeiten: Soll doch jeder fressen, wie er will. Soll er doch seinen sexuellen Gelüsten nachgeben, soll er doch wüten. . .
Zu den Mitteln des Tanzes kommt bei der Produktion des JugendTanzClubs Schauspiel hinzu: Jede der sogenannten Todsünden erhält ein Intro, mit dem das Hier und Heute in Bezug zum Begriff gesetzt wird. Der Abend stellt viel in Frage, Antworten muss ohnehin jeder für sich finden. Unterm Strich, das machen die Szenen klar, trägt jeder etwas von Habgier über Faulheit bis Neid in sich. Es kommt darauf an, den Umgang mit den eigenen dunklen Seiten zu beherrschen.

Das könnte alles furchtbar ernst sein. Aber die Szenen besitzen mindestens so viel Witz und Ironie wie Ernsthaftigkeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei Musik. Sie ist manchmal direkter als die Tanzszenen, wenn zum Beispiel Queens „I Want It All“ zur Habgier durch die Halle kracht.
Tragend bleibt der Tanz. Matthew Sly hat mit seinen 13 Tänzern maßgerechte Bilder entwickelt. Mehr als eine Tür und 13 Stühle, die Wand, Schutz und einstürzende Turmbauten sein können, braucht es nicht. Sly hat synchrone und individuelle Gruppenszenen entwickelt, dazu solche, in denen sich einzelne Tänzer solistisch behaupten. Viele in der Truppe sind in dieser Spielzeit hinzugekommen. Es wird auch deutlich, dass einige Bal­lett­erfahrung und eine entsprechende Körperspannung mitbringen. Aber Sly formt die Gruppe zu einer Einheit.
Das sind – alphabetisch geordnet – die 13 Aufrechten für die sieben Todsünden: Paula Bellmann, Johanna Brandes, Marieke Bresser, Hannah Lily Fänger, Kaya und Lea Hansen, Jule Holzer, Janika Kaal, Lara Ka­ßat, Lea Celina Tiernan, Soraya Unuk, Arne Wachtel und Babette Sylvia Wahl. Ein paar Kerle mehr für die Truppe wären sicher gut, aber die trauen sich wohl mal wieder nicht. Das Bühnenbild schuf Simone Anton-Bünting, für die Kostüme sorgte Kay Horsinka und für viel verdienten Beifall das Publikum.
Am 20. Juni um 20 Uhr sind „Die sieben Todsünden“ noch einmal zu erleben. Sie machen – pardon! – Spaß.

Von Hans-Martin Koch