Donnerstag , 13. Dezember 2018
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„Fuck Art, Lets Dance“ beim Bad in der Menge – pro Tag kamen 3500 Besucher auf die Leuphana-Wiesen. Foto: phs

Tage des Kopfnickens

Lüneburg. Manchmal gehört auch ein bisschen Glück dazu. Mit dem Wetter zum Beispiel, wenn man ein zweitägiges Open-Air-Konzert veranstaltet. Rock- und Popmusik, Rap und House lassen sich zur Not auch im Regencape vor der Bühne hören beziehungsweise tanzen. Aber das 14. Lüneburger Lunatic-Festival auf den Leuphana-Wiesen sollte mehr sein: ein Treffpunkt mit Kunst und Gastspielen von Performance-Kollektiven, Mitmach-Aktionen und vielen anderen Gelegenheiten, beim Bummeln stehen zu bleiben, zu staunen oder den Kopf zu schütteln. Die für den zweiten Tag angekündigten schwarzen Wolken schütteten sich anderswo aus.

„Jedes Team fängt wieder ganz von vorn an, jedes Festival kann völlig anders aussehen“, betonte Pressesprecherin Léa Oltmanns. Im Wintersemester begannen 25 Studierende mit den ersten Entwürfen, zuletzt, in der heißen Phase, arbeiteten 43 an dem Festival, das zwei Wochen vor Eröffnung mit jeweils 3500 Tickets ausverkauft war. Zu den vielen kleinen Teams – von Marketing über Booking bis Pressearbeit – gehörte nun auch erstmals eine Gruppe, die für Kunstvermittlung zuständig war. Lunatic 17 stand unter dem Thema „Blickwechsel“, dazu gehörte, so Oltmanns, „auch Irritation und Kunst, die zunächst nicht unbedingt als solche zu erkennen ist“.

Audio-Installation und Einhornkatzen

Also zum Beispiel das Projekt „Eigenwelt“ – auf den ersten Blick ein kleiner Campingplatz, auf den zweiten eine Audio-Installation mit zehn Zelten. „Hubbabudda“ schreibt fragmentarische Texte im Großformat und wirbt – „Hast Du Zeit? Du kannst natürlich einfach aufhören zu lesen“ – um die Aufmerksamkeit der Passanten. Russ & Ebinger bauen eine Klanginstallation, die Einhornkatzen errichten (zweistöckige!) Hexenhäuschen mit dem Angebot, Klamotten zu tauschen.
Manches wirkt ein bisschen abgedreht, vereinnahmt gleich das ganze Universum beziehungsweise die Menschheit an sich, aber dieser Hauch des Irrationalen gehört zu einem jungen Festival einfach dazu. Auf der anderen Seite sorgten Organisationen wie amnesty international für die nötige Erdung.

Zu den bereits vertrauten Gesichtern gehört der Sprayer (und Lüneburger Kulturpreis-Träger) Björn Lindner alias Jayn. Mit Blick auf die Wetterprognose hatte er sich diesmal ein bisschen mit seinen Farbdosen beeilt, um noch vor dem Regen mit seinem riesigen Bild – immerhin 2,80 mal sieben Meter – fertig zu werden. Zu sehen ist ein mons–tröser Hai, ein Wesen zwischen Fisch und Roboter. Jayn wird sein Werk verschenken oder auseinandernehmen, vielleicht lässt es sich für einen guten Zweck auch versteigern. Sprayer arbeiten nicht für die Ewigkeit.
Eher auf die Zukunft gerichtet: das Essen. Es gab ausschließlich Vegetarisches und Veganes – wer sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, kann schlecht Produkte verkaufen, deren Erzeugung weltweit erheblich die Umwelt belastet.

Musikalische Vielfalt auf den Bühnen

Zuallererst ist und bleibt Lunatic aber natürlich ein Musikfestival. Es gab keine Top Acts im engeren Sinne, die Bands kamen aus dem ganzen Bundesgebiet, aus Schweden, Niederlande Belgien, Bewerbungen für das Line-up gab es reichlich. Den kürzesten Anreiseweg hatte „Brass Riot“ aus Lüneburg, die Band hatte einen Lunatic-Contest und damit die Teilnahme am Festival gewonnen. „Der Freitag steht im Zeichen des Kopfnickens“, so kündigten es die Veranstalter an, der Sonnabend stehe „zwischen perfekt-unperfekten Akkordfolgen und sphärischen Klangteppichen. „Dada Disco“, „Organic Electronic, Garagenpop oder Soul, Vielfalt war auch hier angesagt, erstmals gab drei Bühnen mit Livemusik. Tag Nummer eins sollte also im Zeichen des HipHop stehen, der zweite war als Indie-Tag konzipiert, so streng ließ sich das dann aber nicht mehr trennen, wozu auch. Die Rapper von „Megaloh“ und das Ensemble „Drangsal“, das seine musikalischen Wurzeln in den 80er-Jahren verortet, gestalteten jeweils das Finale. War es schön? Allgemeines Kopfnicken, auch am Sonnabend.

Von Frank Füllgrabe