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Der Holz-Bildhauer und -Drucker Walter Knolle lädt ein letztes Mal in seine Radbrucher Kunstscheune zur Ausstellung. Sie hat diesmal den Charakter einer Retrospektive. Foto: ff

Letzte Ausstellung in der Radbrucher Kunstscheune

Lüneburg. Der Efeu hat sich darangemacht, den großen hölzernen Schriftzug „Kunstscheune“ zu überwuchern. Aber noch ist zu erkennen, dass hier, im ehemaligen Stall an der Schäfer-Ast-Straße 15 A, eine Ausstellung läuft. Es ist die vorerst letzte, nach zehn Jahren schließt Walter Knolle seine hölzerne Galerie – zu aufwändig, auf Dauer zu teuer, es gibt schließlich keinen Trägerverein. So ist die Jubiläums-Präsentation auch als Retrospektive angelegt. Vernissage: Sonnabend, 10. Juni, 15 Uhr.

Jedes Jahr hatte Walter Knolle im Sommer überregional bekannte Gastkünstler aus dem Bundesgebiet eingeladen, ein Thema gesetzt – „Dialog mit Afrika“ (2010) beispielsweise, „50 Jahre Plakat“ (2013), „Das Medium Holzschnitt“ (2014) oder „Himmel musikalischer Luftgeister“ (2015). Jetzt also gibt es so etwas wie ein „Best of“ mit Zitaten aus den zehn Jahren.

Üppige Weibsbilder und dürre Hungergestalten

Es wird zu einem großen Teil vom Hausherrn selbst geprägt: Walter Knolle ist Holzbildhauer (kein Künstlername!), außerdem Grafiker, hat in der geräumigen, wenn auch etwas zugigen Kunstscheune Atelier und Werkstatt. Auffällig sind seine riesigen Objekte, die auch im Garten rundherum zu sehen sind – plakative Skulpturen, ein Basketballspieler beispielsweise, der sechs Meter hoch unter dem Scheunendach hinaufragt (und in dessen hohlem Rücken gerade eine Amsel brütet).

Aber die Figuren, üppige Weibsbilder oder dürre Hungergestalten, kantig herausgesägt oder fein modelliert, sind nicht nur dekorativ. Walter Knolles Arbeit ist auch geprägt von einem gesellschaftspolitischen Anliegen. Folter, Machtmissbrauch, Ausbeutung, Kolonialismus, Repressalien durch autoritäre Regime, in Deutschland, Afrika oder Lateinamerika, das sind Themen, die immer wiederkehren.

Aktuell ist eine düstere, begehbare Installation, in der sich die Besucher durch die fast schwarzen Gänge eines Folterkellers tasten können, da hat der Gastgeber vorsichtshalber an die Eingangstür ein Warnschild geschraubt: Das hier ist nichts für Kinder. Anderswo ist sein Holzschnitt-Zyklus „Tortura“ zu sehen, und in einem Guckkasten steht nun eine Figurengruppe, die sich um Rohrstock-Pädagogik der 50er-Jahre dreht.

Es ist nicht alles so düster. An eine Ausstellung mit dem „Kinetik-Bildhauer“ Werner Gergaut erinnert ein galoppierender Stier, dessen komplizierte Holzmechanik unermüdlich von einem alten Küchenquirl angetrieben wird. Die Malerin Regina Schween präsentiert in warmes Licht getauchte Innenarchitekturen des 19. Jahrhunderts, dazu passen die modernen Interieurs von Peter Hansen, die allerdings deutlich kühler, aufgeräumter ausfallen.

Durch Gänge und über Treppen

Arbeiten von Erich Brüggemann, Heiner Studt und Hartmut Wolf (alias Lupus) kommen noch einmal zu Ehren – und wiederum Walter Knolle: Ein Zyklus von 23 zweifarbigen Holzschnitten mit Bildmotiven aus der Odyssee, mit Texten aus der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt, zu sehen in einem abgetrennten Holzdruck-Studio – es gehört zum Charme dieser Ausstellung, die Winkel der Scheune zu erkunden, auch, die rustikale Treppe in den ersten Stock zu erklettern, wo hinter einem Vorhang ein Afrika-Raum eingerichtet ist. Manches wirkt eher wie ein Panoptikum oder eine vollgepackte Wunderkammer als eine Galerie.

Die Kunstscheune wird auch künftig ein Ort der Kreativität bleiben, Walter Knolle erwägt, hier einen Arbeitsplatz für einen „artist in residence“ einzurichten, er selbst bleibt natürlich auch aktiv. Jetzt aber läuft erst einmal die Ausstellung „10 Jahre Kunstscheune Radbruch“, geöffnet bis 2. Juli jeweils sonnabends/sonntags 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung. Auch diesmal gilt: Eintritt frei, Spenden willkommen.

Von Frank Füllgrabe