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Weltklasse: Das Duo von Michael Riessler (Bassklarinette) und Jean-Louis Matinier (Akkordeon). Foto: t&w

Klasse ist besser als Masse

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Geht etwas zu Ende, wandert der Blick an den Beginn. 1991 erfanden drei Lüneburger ein Festival: Detlef Schult, viel zu früh gest orbener Motor der Lüneburger Jazzszene, sowie Nema Heiburg und Gebhardt Dietsch, Programmmacher des damals gerade mal drei Jahre alten Kulturforums. Jetzt stand Runde 26 auf dem Plan, und im nächsten Jahr wird alles anders.
„Ich hoffe, es geht noch viele Jahre weiter“, sagt Pianist Benedikt Jahnel zum Ende des Auftritts mit seinem Trio. Es leitet den Abend mit Jazz ein, der zum Träumen verführen kann, mit langen melodischen Läufen. Auf verlässlich harmonischem Gerüst entwickelt Jahnel Klanglandschaften, die er mit locker perlendem Klang weitet. Er kann auch anders, vollgriffig, geradezu orchestralen Klang formend. Als kommentiere er das Geschehen, bringt sich Drummer Tobias Backhaus ein, und wie immer in solchen Formationen braucht es einen sensiblen, hellwachen Kontrabassisten: Henning Sieverts ist weit mehr als das.
Noch einmal hatte Gebhardt Dietsch drei Bands gebucht. Dietsch wird das Kulturforum zum Jahresende verlassen. Damit kommt es zum konzeptionellen Bruch. Nema Heiburg hatte zu Beginn mit Caterina Sdun, bald mit Gebhardt Dietsch den sehr engen und angestaubten Kulturbegriff in Lüneburg geweitet – ein gar nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst. Brüche aber gehen nicht ohne Schmerzen ab: Nema Heiburg stieg nicht gerade im Frieden aus, und Gebhardt Dietsch sagt, er gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Kulturforum erlebt konzeptionellen Umbruch
Den offenen Kulturbegriff, für den das Kulturforum noch steht, machte ein Duo hörbar. Weltklasse und in jeder Sekunde spannend ist das, was Michael Riessler (Bassklarinette) und Jean-Louis Matinier (Akkordeon) ersinnen. Mit hochgradig sensibler Konzentration schaffen sie Klangskulpturen von extremer Dichte. Oft atemraubend in kleinsten Schritten treiben sie ihre weit gespannten Stücke voran. Bestechnend die (Zirkular-) Atemtechnik, mit der Reissler einen unaufhörlichen Klangstrom produzieren kann. Ebenso bestechend die Klangnuancen, die Matinier dem Akkordeon entnimmt. So explosiv das Duo voranprescht, so elegant und locker wirft es mit Zitaten um sich, am Ende geht noch der barocke Bach in den schillernden Fluss der Klangereignisse ein. Sensationell – das Publikum hingerissen!
Solche hochkarätigen, aber nicht massentauglichen Programme lassen sich ohne Förderung nicht realisieren. Gebhardt Dietsch dankte dem Lüneburger Landschaftsverband als wichtigstem Unterstützer. Heiburg/Dietsch standen immer für ein kulturell fortschrittliches, dem Inhalt verpflichtetes, zugleich förderungsabhängiges Programm. Zusätzliche Eigenmittel wurden über Vermietungen verdient, zum Beispiel für Hochzeiten. Aber die werden heute nach Mitternacht nicht leiser, sondern pumpen erst dann die Bässe zum Tanzen richtig hoch. Das aber ist mit den Anwohnern nicht zu machen. Die Probleme wachsen auch andernorts. Zwar bekommt der Betreiberverein die Gebäude mietfrei, aber Instandhaltung ist sein Thema. Das Haus, die Scheune stecken tief im Renovierungsstau. Ist das Backsteinhaus auf Dauer als Veranstaltungsort noch relevant? Ist die ungedämmte, nur mit hohem Energieaufwand zu wärmende Scheune in den kalten Monaten ökologisch vertretbar? Unschöne Fragen.
Richtung Mitternacht ging es bei der mutmaßlich letzten Jazznight mit vier lässig auftretenden, aber dabei punktgenau spielenden Typen aus London. Namens- und tonangebend ist Gilad Atzmon, der Saxophon und Klarinette mit prallem, extrovertiertem Ton spielt. Konterkariert wird das vom Pianisten Frank Harrison, dessen Soli raffinierter, introvertierter wirken und doch das Klangsystem ausdehnen. Orient House Ensemble nennt Gilad seine Band, denn in das John Coltrane gewidmete Programm baut die Band – mit Yaron Stavi (Bass) und Enzo Zirili (Drums) – immer wieder Nahost-Klänge an. Stimme kommt hinzu, ein Schuss Ironie, vor allem aber pure Energie.
Mehr als bedauerlich ist es, wenn es solche kulturellen Highlights in Lüneburg nicht mehr geben sollte. Das zweite Halbjahresprogramm des Kulturforums zeigt den Umbruch, der sich gerade vollzieht. Nie war der Kalender so voll. Ein letztes Mal finden sich literarische, Jazz-, Weltmusik- und Klassikabende darin – made by Dietsch. Alles aber hat seine Zeit. Matthias Meyer, mittlerweile Vorsitzender des Trägervereins und mit Dietsch nicht gerade auf einer Welle, folgt vereinfacht gesagt dem Konzept, dass besondere Programme erst möglich sind, wenn entsprechend Geld verdient wird. Das ist im Programm sichtbar und führt über das Vermieten an Fremdveranstalter. Sie bringen neben der alten Stärke der Kabarett-Gastspiele zunehmend Comedy nach Wienebüttel, auch einen Travestie-Abend. Wenn es denn der 27. Jazznight diente – wunderbar!