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Als „Popcorn“ zeigt Leni Hoffmann Negativformen von Schlaglöchern. Foto: t&w

Kunst aus dem Kofferraum

Lüneburg. Den Wettbewerb um das hässlichste Haus Lüneburgs gewinnt das Gebäude gegenüber vom abgebrannten Syrer, der mutmaßlich hässlichsten Ruine der Stadt. Dort aber, wo Supermärkte deutscher und russischer Provenienz floppten und ein Matratzenlager zu viel Ruhe fand, dort ist nun auf Zeit plötzlich ein ziemlich attraktiver Ort zu begehen. Denn der Kunstverein Lüneburg bespielt die leeren Räume und macht sichtbar, dass sich zeitgenössische, dem Testen und Experimentieren verpflichtete Kunst in abgewrackten Räumen wohlfühlt.

Zeitgenössisch relevant soll es sein

„Trunk“ heißt die Auswahl, die Kurator Sebastian Dannenberg aus ganz Deutschland zusammentrug, mit tausenden Kilometern und einem Motorschaden. „Trunk“ steht für „Kofferraum“. Die einzige Vorgabe, die Dannenberg den aufgesuchten Künstlern vorgab, war, dass sie ihm ein Werk ausleihen, das in den Kofferraum passt. Also kein Motto, kein Thema. Elitär wird die Ausstellung insofern, dass sich Dannenberg mit der gegebenen Freiheit auch das Recht herausnahm, viele seiner Künstlerfreunde in die Auswahl aufzunehmen. „Sehr subjektiv“ sei seine Schau, sagt er, aber immer sei er der Maßgabe gefolgt, „zeitgenössisch Relevantes“ zu präsentieren.

Als „runterbrechen“ wird eíne Methode bezeichnet, ein großes Thema in eine gestutzte und ortsbezogene Form zu gießen. Das ginge in diesem Fall so: In Kassel die documenta, in Hannover die Überblicksschau „Made in Germany“ und in Lüneburg konzentriert auf einen Raum „diverse malerische Positionen“. So lautet der „Trunk“-Untertitel.

Arbeiten leben aus Materialität heraus

Kofferraumgröße führt dazu, dass vorwiegend kleine Formate in dem hallengroßen Raum zu sehen sind. 53 Künstler, 76 Werke. Einführungsredner Jens-Peter Koerver wich dem Herausgreifen exemplarischer Arbeiten aus. Er suchte „Grundtendenzen“. Eine wäre, dass viele Arbeiten aus der Materialität heraus leben. Eine kann man zum Start sogar riechen. Der strenge Geruch beim Hereingehen kommt nicht von Feuchte und Verfall, sondern von Lederfett bzw. Schuhcreme. Mit solcher malte Schirin Kretschmann „Polish“ aufs Glas. Das Werk lebt, das polierte Glas bekommt eine Art Netzstruktur und mag noch weiter zerfließen, so Sonne das Glas aufheizen sollte.

Der Begriff des Malerischen geht über das Malen hinaus. Zum Beispiel bei Leni Hoffmanns „Popcorn“? Sie hat Schlaglöcher mit Teer gefüllt und die Füllung dann gekippt, sozusagen eine Negativform erstellt, sodass nun die Hindernisse mit ihren Rundungen als Plastiken auf dem Boden liegen. Oder mit Natalie Oberts „Nordheim“: ein siechender Blumenstrauß in Vase auf umgestülptem Eimer. Ein Beispiel für das, was einmal unter dem Begriff „arte povera“ abgelegt wurde, und nicht das einzige. Der Umgang mit Alltagsmaterial billiger Herkunft ist oft zu beobachten.

„Nordheim“ wirkt wie im Gebäude vergessen und steht dadurch für die spannenderen Arbeiten, die nämlich stark mit der Raumsituation korrespondieren oder eigens geschaffen wurden. Es sind Werke, die das Bild im klassischen Sinn verlassen. Wie aus Resten des Matratzenshops wirkt Stephan Wäldeles „HAHAHA. . .“ Er hat den Lachlaut mit Brandlöchern in Schaumstoffplatten gebrannt.

Neuer Standort nützt der Ausstellung

Wie die genannten Arbeiten, so ist auch bei den vielen malerischen Beispielen die Kunst um der Kunst willen vordergründiges Thema. Die vorwiegend jüngeren Vertreter grenzen sich ab von ihren Vätern, die ihre Kunst häufiger als Träger von (politischen) Botschaften verstanden. Das ist zurzeit mustergültig bei der Immendorff-Ausstellung in der KulturBäckerei zu sehen. Mit „Trunk“ gibt es einen Berg voller Kontrapunkte.

Es lässt sich über Inhalt und Beliebigkeit streiten. Egal: Der Kunstverein mit seiner Vorsitzenden Angela Schoop hat sich, dem Publikum und auch dem Kurator mit dem Erschließen dieses Raums einen großen Gefallen getan. Raus aus dem zweiten Stock des schnuckeligen Heine-Hauses, in dem jeder hineingeschlagener Nagel ein Verbrechen gegen den Denkmalschutz ist. Hin zum Leben an einer verkehrsumbrausten Kreuzung. Es wird im späten Herbst eine zweite Ausstellung unterm früheren „Amiki Bowling“ geben, dann mit Kriz Olbricht, der auch bei „Trunk“ vertreten ist.
„Trunk“ öffnet bis zum 7. Juli freitags von 15 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Von Hans-Martin Koch