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"Wir sind keine Barbaren!" - Agnes Müller, Raimund Becker-Wurzwallner, Birgit Becker und Henning Karge halten sich fit und probenfür die nächste Premiere den Kampf der Ehepaare.
"Wir sind keine Barbaren!" - Agnes Müller, Raimund Becker-Wurzwallner, Birgit Becker und Henning Karge halten sich fit und probenfür die nächste Premiere den Kampf der Ehepaare.

„Wir sind keine Barbaren!“

Lüneburg. Die Gesellschaftskomödie wurde erfunden, um das Bürgertum aus seinem Wohlfühlschlaf zu reißen. Sie brandmarkt Schwächen und Eitel keiten und das mit Witz und Biss. Oft dreschen dabei zwei Paare mittleren Alters und gehobenen Stands aufeinander ein. Das schön fiese Metier beherrscht der Dramatiker Philipp Löhle blendend – und ihm folgt nun das Theater zur weiten Welt. heißt es ab Donnerstag, 22. Juni, 19.30 Uhr in der KulturBäckerei.

Die Generation Prosecco

Philipp Löhle erforscht die Generation Prosecco. Zwei Paare also treten auf – Typ Elektroauto, Zumba-Bokwa-Yoga, Großbildfernseher. Sie sind alle irgendwie politisch korrekt und ökomäßig drauf, jedenfalls solange sie alle Annehmlichkeiten des Wohlstands genießen können. Eines Nachts aber klopft es bei Barbara und Mario, ein Flüchtling steht vor der Tür. Fast schon eine Situation wie in der Bibel. Barbara nimmt den Flüchtling auf, nicht nur für eine Nacht. Damit bricht das Schlamassel los und verheddern sich die Wohlmeinenden in Widersprüchen.

Das Theater zur weiten Welt gehört zu den professionellen Bühnen, die in Lüneburg neben dem großen Theater ein Auskommen suchen. Nie war in der Stadt so viel Theater wie heute. Das große Haus spielt mehr Produktionen denn je, bedient nahezu alle Genres. Die freien Profigruppen, die es über Jahrzehnte in der Stadt überhaupt nicht gab, und die ambitionierten Amateurbühnen müssen sich mehr oder minder mühsam einen Nebenweg bahnen. Manche haben sich einen festen Stamm an Besuchern erarbeitet. Das gilt für das theater im e.novum mit seiner Präferenz für Kinder und Jugendliche, ebenso für Rampenlicht oder die plattdeutschen Sülfmeister, zwei Erfolgs-Amateurtruppen.

Das Theater zur weiten Welt hat viele ernste Stücke gespielt, zuletzt Dea Lohers „Am schwarzen See“. Da stehen auch zwei Ehepaare im Zentrum, aber die Sache ist so finster wie der See. Die Produktion lief nicht überragend, und das Team um Birgit Becker und Raimund Becker-Wurzwallner setzt nun wieder auf einen leichteren Stoff– wie die meisten ihrer Kollegen. Thomas Ney zum Beispiel, ebenfalls in der KulturBäckerei angesiedelt, hat gerade Yasmina Rezas Jungklassiker „Kunst“ ausgestellt und plant die Sozial-Groteske „Kaspar Häuser Meer“.

Vom Gutbürger zum Wutbürger

Aufs Komödienfach reduzieren lassen will sich das Weite-Welt-Team aber nicht. „Wir wollen nach wie vor Stücke machen, die wir für gesellschaftlich relevant halten“, sagt Birgit Becker. Raimund Becker-Wurzwallner betont, wie bissig der Humor in Löhles Stück ist, in dem der Weg „vom Gutbürger zum Wutbürger“ führe.

Regie führt Laura Jakschas. Sie war schon beim „schwarzen See“ dabei und garantiert eine Produktion, die so kraftvoll ist wie ihr Händedruck. Der hat Orgelbauerstärke. Jakschas lebt in Hamburg, arbeitet als freie Regisseurin, oft in den Niederlanden, wo sie studierte. Sie bringt klare Vorstellungen mit, sie ist direkt, fordert in den Proben, diskutiert mit Leidenschaft. „Hier geht es um Biederdeutsche vom Prenzlauer Berg oder aus Eppendorf. Wie äußert sich Rassimus im Mittelstand, was passiert, wenn die Dinge plötzlich an sie heranrücken?“ Das sind Themen, die das Stück über eine scheinbar liberale, sich als aufgekärt verstehende Gesellschaft aufgreift.

Spielen werden Birgit Becker, Agnes Müller, Hennig Karge und Raimund Becker-Wurzwallner. Außerdem tritt ein etwa 15-köpfiger Heimatchor auf, eine Besonderheit, die den bitterbösen Witz beflügelt. Vor der Sommerpause folgt noch eine zweite Aufführung – am Sonnabend, 24. Juni.

Von Hans-Martin Koch