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Das Ende ist nah: Hänsel und Gretel (Regina Pätzer, r., und Franka Kraneis) haben die Hexe (Karl Schneider) besiegt. Foto: tonwert 21
Das Ende ist nah: Hänsel und Gretel (Regina Pätzer, r., und Franka Kraneis) haben die Hexe (Karl Schneider) besiegt. Foto: tonwert 21

Sie wollen doch nur spielen – „Hänsel und Gretel“ feiert Premiere

Lüneburg. Kannibalismus ist nicht verboten. Aber sonst? Kinderarbeit, Freiheitsberaubung, Entführung, Mord – strafrechtlich gesehen gibt die Akte „Hänsel und Gretel“ schon einiges her. Der Fall ist in der Sache bekannt, künstlerisch ist da aber immer noch Potenzial – auch ohne aufgepropfte zeitgenössische Neu-Deutung. Das zeigte die letzte Premiere in der ablaufenden Saison des Lüneburger Theaters. Mit der – 1893 in Weimar uraufgeführten – Märchenoper „Hänsel und Gretel“ gelang dem Komponisten und Wagner-Schüler Engelbert Humperdinck der Durchbruch. Als Erfolg zu verbuchen ist nun auch die Inszenierung von Christian Firmbach, eine musikalische Geschichte mit starken Stimmen und eindrucksvollen Bildern.

Schon Humperdinck hatte einigen Muff aus dem überlieferten Märchen gestrichen: Statt süßliche Geschichten zu erzählen, sprechen – beziehungsweise singen – Hänsel und Gretel (das sind nun die Sopranistinnen Regina Pätzer und Franka Kraneis) von Armut und dem ewigen Hunger – nicht Kohldampf wohlgemerkt, sindern richtiger, existentieller Hunger. Die Geschwister sollen sich nützlich machen, Strümpfe stopfen, Besen binden, und wollen doch viel lieber spielen, sie sind ja noch Kinder. Ein Topf Milch wird zur echten Versuchung – so etwas wurde nicht gern gehört in den gutbürgerlichen Stuben des 19. Jahrhunderts und war doch bittere Realität. Die Kinder leben nicht in Lummerland.

Finsterwald und Knusperhäuschen

Solche Nachrichten transportiert die Oper eher nebenbei. Größer ist der Fantasy-Faktor, natürlich sind Finsterwald und Knusperhäuschen auch Herausforderungen für die Bühnenbildnerin, Barbara Bloch gelingen da eindrucksvolle Augenblicke. Karl Schneider sieht als Hexe ein bisschen aus wie ein durchgeknallter Alt-Hippie – dazu passt, dass er beziehunsgweise sie den elektrisch beleuchteten Zauberbesen wie eine E-Gitarre schwingt. Überhaupt, der Besen: Er wird in seinen verschiedenen Ausprägungen zum Requisit des Abends.

Solche Ideen bereichern die insgesamt doch ziemlich aberzählte Geschichte. Richtig schön wird es, hach!, wenn das Sandmännchen (Sarah Hanikel, auch als Taumännchen unterwegs) vom Himmel schwebt, Glitzerpunkte setzt und die Geister des Waldes ruft – das ist der Kinder- und Jugendchor, der später, im Finale einen starken Auftritt hat: als Armee der Lebkuchenmännchen, darin stecken die Geister der von der Hexe gefangenen Kinder.

Mutter und Vater (Signe Ravn Heiberg und Ulrich Kratz) erscheinen wie ihre Kinder in einem recht zeitlosen, nicht übertriebenen Arme-Leute-Outfit. Der Vater ist gerade heiter gestimmt, weil er ausnahmsweise mal etwas zu beißen mit nach Hause gebracht hat, die Mutter macht sich hauptsächlich Sorgen. Wo bleiben Hänsel und Gretel? Sie sollten doch Erdbeeren sammeln, müssten längst zurück sein. Aber auch der in der Romantik vielbesungene deutsche Wald konnte eben eine reale Bedrohung sein.

Eine beseelte Musiklandschaft

Robin Davis, der sich bei den nächsten Vorstellungen mit Ulrich Stöcker abwechseln wird, führte die Symphoniker ortskundig durch eine besselte, vielschichtige Musiklandschaft: mal mit operettenhafter Leichtigkeit angesichts des strahlenden Hexenhäuschens, dann höllisch feurig, wenn die Hexe in den Ofen gestoßen wird, die Tür noch einmal aufstößt und zu entkommen versucht. Stephen-King-Momente, nichts für Weicheier. Aber natürlich gilt: Alles wird gut, und am Ende gibt es langen Applaus für alle Beteiligten, denen der Spaß anzumerken ist und der Ehrgeiz, nicht nur das Märchen, sondern auch die Spielsaison zu einem Happy End zu führen.

Von Frank Füllgrabe