Donnerstag , 22. Februar 2018
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Es läuft nicht so recht rund bei Barbara (Agnes Müller, li.), Mario (Raimund Becker-Wurzwallner), Linda (Birgit Becker) und Paul (Henning Karge) in der Komödie "Wir sind keine Barbaren". Foto: t&w
Es läuft nicht so recht rund bei Barbara (Agnes Müller, li.), Mario (Raimund Becker-Wurzwallner), Linda (Birgit Becker) und Paul (Henning Karge) in der Komödie "Wir sind keine Barbaren". Foto: t&w

Die Komödie „Wir sind keine Barbaren“ ist bitter ernst

Lüneburg. Es gibt generell und an diesem Abend ganz besonders zwei Arten Mensch in der Übersättigungsgesellschaft. Die einen specken sich durch die Fettlebe, da s sind Barbara und Mario. Die anderen schwitzen am Gegenpol – als Zwangsfitnesser. Das sind Linda und Paul in Philipp Löhles pechschwarzer Mittelschichts-Komödie „Wir sind keine Barbaren.“ Wir, das sind wir im Saal, und das ist ein Chor, der uns laufend unser „Wir“ vorführt. Laura Jakschas hat das Stück jetzt mit dem Theater zur weiten Welt in der KulturBäckerei inszeniert – ambitioniert und mit Erfolg.

Der Chor summt schon vor dem Beginn

Beim Warten auf Einlass in den Saal fangen einige an zu summen, es wird die nationale Hymne daraus. Der Chor macht summend sehr deutlich: Es geht ums Deutschsein an diesem Abend. Im Saal wird es ziemlich eng für den 14-köpfigen Chor, aber Jakschas und Bühnenbildnerin Judith Schibli finden mit Podesten und Stühlen eine praktikable Lösung.

Den Chor bilden gecastete Laien, sie machen einen starken Job. Ihr Chor wird zu einem Träger des Abends, er hat eine Menge „Wir sind“-Sätze unisono zu sprechen. Sätze, in denen sich wohl geordnet unser saturiertes Bessermenschentum ausbreitet.

Die ungleichen Paare, die trotzdem zueinanderfinden, werden von Laura Jakschas bis zur bösen Karikatur getrieben und entsprechend von Magdalena Michal ausstaffiert. Die Alten im Haus, das sind die Proseccoschlürfer Barbara und Mario. Zum Geburtstag bekommt sie von ihm eine riesige Ultra-HD-Flachbildglotze. Da freut er sich. Agnes Müller spielt die durch und durch frustrierte Frau, Raimund Becker-Wurzwallner den Gatten; keiner kann so finster dreinschauen wie dieser Wurzwallner-Mario.

Gut sein ist echt super, aber nur solange mein Kamin brennt

Die Neuen nebenan scheinen viel Spaß zu haben, immer wieder ist ihr Stöhnen zu hören. Haben sie so viel Sex? Kommt es vom exzessiven Auspowern? Birgit Becker wirbelt bald als stylishe Pilates-Yoga-Balance-Swing-Trainerin über die Bühne. Henning Karge muss als ihr Sidekick ein komplett überdrehtes, grelles, geiles Tier spielen. Es dauert, bis er etwas Tiefe in die Figur träufeln kann. Dann klopft es nachts an die Tür.

Ein Flüchtling! Barbara nimmt ihn auf, er bleibt. Und nun kullern lauter Sätze aus den Mündern, in denen sich die schrecklich alltägliche Angst vor dem Fremden, vor Kontroll- und Statusverlust spiegelt. Erkenntnis: Gut sein ist echt super, aber nur solange mein Kamin brennt und das Unerwartete bitte hübsch vor der Tür bleibt.

Philipp Löhle liegt mit seinem Stück auf einer Ebene mit den französischen, etwas flockigeren Zeitgeist-Stücken von Yasmina Reza, Florian Zeller und Delaporte/de la Patellière, deren „Vorname“ Ende Oktober ins Theater Lüneburg kommt. Immer geht es um Paare/Menschen, die sich eingerichtet haben im Leben und sich zurücklehnen – bis die Lehne unverhofft wegkippt.

Immer geht es um uns

Löhle/Jakschas führen gnadenlos bis zum streckenweise Überdeutlichen vor, wie sich Formen von Rassismus bei den Gutfühlmenschen einnisten. Ist es eigentlich legal, einen Flüchtling aufzunehmen? Andererseits finden die Frauen, dass der Bobo richtig süß ist, hat er doch Augen wie „Gletscherseen bei Nacht“.

Laura Jakschas lässt die „Barbaren“ nicht als rasant bittere Komödie flitzen. Sie will, dass die Worte wirken, nachhallen und nimmt dafür oft das Tempo raus. Flüchtling Bobo – oder heißt er Klint? – tritt nicht auf in dem Stück, was eine gute Idee ist, beherrscht aber fortan die Debatte. In den Streit und Vorurteilshagel der Paare schneidet der Chor seine unheimlich gleichförmig gesprochenen Mantren von den Milchaufschäumern, Mülltrennern und Bio-Einkäufern. Immer geht es um uns.

Und dann ist Barbara tot. Wer es war, ist doch klar. Diese Wende im Stück kippt das Stück aus der Balance, der Krimi wird wichtiger als die Innenschau bzw. führt er zu einer Überdosis an Schnellurteilen. Wäre nicht nötig, steht da aber und wird in der Inszenierung zum Glück nicht überstrapaziert.

Ein Abend wie Sonne und Gewitter, sehenswert und streitbar. Ende offen, alles offen. Viel Beifall.

Von Hans-Martin Koch