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Martynas Levickis stürmt mit seinem Mikroorkéstra durch Vivaldis und Piazzollas „Jahreszeiten“. Foto: t&w

Akkordeonweltmeister Levickis spielt Zukunftsmusik

Bleckede. Die Rettung der klassischen Musik, so sie denn gerettet werden muss, vollzieht sich zurzeit auf zwei Wegen. Der eine heißt Location, der andere Charisma, verbunden mit Klasse. Alle fiebern auf die neue Top-Location hin, die Elbphilharmonie. Viele, die bei der Kartenlotterie gewonnen haben, werden vor Ort mit einer Musik konfrontiert, die bisher an ihnen vorbeizog.

Irgendwas mit ‚Ausstellung‘ war das – ja, Mussorgsky hieß der Autor. War gut. Der Raum ist wirklich toll.“ So oder ähnlich ist es oft zu hören. Der andere Weg – Charisma und Klasse – heißt in diesem Fall Martynas Levickis und erstürmt per Knopf- und Tastendruck den voll besetzten Bleckeder Schlosshof. Auch eine tolle Location.

Bleckedes Open-Air-Sommer, das ist immer ein Ritt durch alle Jahreszeiten. Es hat dort Bigbands verhagelt, aber auch After-Show-Biertrinken bis in die tiefe laue Nacht gegeben. Dieses Wochenende herrschten Frühling und Herbst, hellgrau bis nass. Auch darum passte es gut, dass Martynas Levickis und sein Mikroorkéstra Musik zu den Jahreszeiten mitbrachten. Zwanzig Stunden Busfahrt aus Litauen hatten die Musiker hinter sich, und dann – platt gesagt – barockten sie den Hof.

Neue Definition von Akkordeonmusik

Levickis, 27 Jahre jung, ist Akkordeonweltmeister 2010 und Publikumspreisträger der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2014. Er studierte an der Royal Academy of Music und in San Sebastian. Längst hat er die Berliner Waldbühne erobert und die Royal Albert Hall. Er ist ein Grenzgänger, aber der Kern seiner Musik bleibt Klassik. Als Typ ist er Pop: knall­enge weiße Hose, die Haare seitlich kurz, oben mit gegelten Locken. . . Style und Inszenierung gehören schon dazu. Aber was zählt, ist, was und wie er spielt. Es klingt großartig. Akkordeonmusik wolle er neu definieren, sagt Levickis, und damit ist er schon sehr weit gekommen, sehr, sehr weit.

Mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ist mit den Jahren viel angestellt worden. Levickis hat auch einige Zutaten vorbereitet, aber zunächst mal schmiegt und wiegt er sich in die Musik hinein, er taucht in den Klang, und immer, wenn es höllisch virtuos zu werden beginnt, zieht ein Strahlen über sein Gesicht. Er liebt die Herausforderung, blitzt, lacht und charmt sein starkes Dutzend Musiker an. Sie lassen sich nur zu gern von seiner Leidenschaft anstecken, achten dennoch penibel aufeinander und ihren Vorturner. Aber nie klingen sie steif. Um den Jazz zu bemühen, es groovt.

Das Akkordeon als Violinersatz? Kein Problem, wenn es so klangsatt, aber auch so klangfein, mit solcher Fülle und solchem Pianissimo gespielt wird. Vivaldis Musik steckt voller Lautmalerei. Bei Levickis gerät die Natur bei Sturm- und Gewitterschilderung auch mal völlig aus den Fugen, und wenn sich ein Vogelschwarm auf die Reise macht, flöten die Musiker – es klingt wie elektronische Effekte. Das ist originell, aber nicht albern. Naturstimmen von den Bäumen am Schlosshof mischen sich ja auch ein.

Stehende Ovationen für den Auftritt

Solo spielt Levickis Tschaikowskys „Herbstlied“, tief romantisch, mit langen Melodielinien und voller Sehnsucht. Dieses Sehnen und diese Melancholie kann von kaum einem Instrument so intensiv wiedergegeben werden wie vom atmenden Akkordeon. Erklingt Musik von Astor Piazzolla, sind diese Stimmungen dringend nötig. Piazzolla habe das Akkordeon nicht gemocht, erzählt Levickis und spielt mit seinem Orchester das Tango-Nuevo-Idiom mit emotionalem Tiefgang durch Avantgarde-Ausbrüche hindurch zu traumhaft schönen Melodien.

Dann kommt der Regen, schnell aber spielen sie noch ein Stück Folklore, von Levickis arrangiert. Standing Ovations – toller Abend. Haben Sie Ferien? Schauen Sie auf Levickis Tourplan. Er kommt noch einmal zu den Meck-Pomm-Festspielen, auch zum marktmitgestaltenden Schleswig-Holstein Musik Festival. Dann mit einem Saxophon-Quartett, was der Rettung der klassischen Musik, so sie denn doch der Rettung bedarf, weiteren Auftrieb geben wird.

Von Hans-Martin Koch