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Wo bin ich? Wo muss ich hin? Die Arbeit von Alisa Mertsch beschreibt die Orientierungslosigkeit. Foto: ff

Fotos, Objekte, Installationen: Leuphana-BA-Absolventen stellen aus

Lüneburg. Am Anfang war alles verwirrend: „Als ich das erste Mal als Austauschstudentin das Gebäude der Universität Bolzano/Bressanone betra t, wusste ich weder, wohin ich musste, noch woher ich überhaupt gekommen war“, erinnert sich Alisa Mertsch. „Die Klarheit und die Härte, die die Architektur und das Material des Gebäudes verkörpern, verschmelzen mit dem Gefühl der Ungewissheit und des Chaos, sobald man sich in diesem bewegt.“ Aus dieser Orientierungslosigkeit hat die Lüneburger Studentin eine Installation geschaffen; Titel: „360“. Sie ist Teil der „BA-Show“, die noch heute und morgen an der Leuphana rund 40 Arbeiten zeigt.

BA steht für Bachelor. In der Regie des Instituts für Kunst, Musik und ihre Vermittlung präsentieren Lehramts-Studierende ihre Abschlussarbeiten. In den Fluren, Kellern und Katakomben des Gebäudes 16 auf dem Campus ist – außer der Performance – so ziemlich jede gängige Technik vertreten: Malerei und Zeichnung, Fotografie, Film, Objekt und Installation. Eine gewisse Rätselhaftigkeit ist immer dabei. Gehört das alte Waschbecken unten im Gang zu den Exponaten, oder ist das einfach nur ein altes Waschbecken, ein Relikt aus alten Kasernen-Zeiten?

Verweigerung des Postkarten-Motivs

Manche Werke werden mit einem begleitenden Text erklärt, andere nicht. Bei „360“ denken die meisten Betrachter wohl zunächst an 360 Grad, einmal rundherum also. Tatsächlich aber hat die Künstlerin 360 Fotografien benutzt, Blicke durch Milchglasscheiben in Büros. Die diffusen Interieurs wiederholen sich, und sie beschreiben so die Empfindungen der umherirrenden Studentin: Bin ich hier schon gewesen? Habe ich mich verlaufen? Wer als Betrachter dicht an die großflächige Wand-Installation herangeht, wenn sich also die Ränder verlieren, kann das Herumhetzen an dem so abweisend wirkenden Ort besonders gut nachvollziehen. Und natürlich lässt sich die 360 dann doch als Blick im Kreis deuten, als Versuch, den eigenen Standort zu bestimmen.

Die Foto-Serie ist ein häufig wiederkehrendes Objekt der diesjährigen BA-Show. Eine Künstlerin hat ihre Verwandten porträtiert – immer so, dass eine Gesichtshälfte im Dunkeln bleibt. Welche Charakterzüge mögen da verborgen bleiben? Es gibt Bilderzyklen über den Wolkenhimmel an Urlaubsorten (also gewissermaßen eine Verweigerung des klassischen Postkarten-Motivs), Inszenierungen von Menschen in der nächtlichen Stadt, Verfremdungen von Coverfotos und eine Selfie-Serie als Kommentar zur Eigenwahrnehmung einer jungen Generation.

Installationen sind immer auch geprägt von ihrer Umgebung. Shari Nagels Arbeit „Wasserfall“, im Kern bestehend aus 36 Infusions-Systemen (gemeint ist der „Tropf“), verweigert sich, wie die Künstlerin schreibt, „durch die konzeptionelle und materiellen Komplexität einer verlässlichen Interpretation“. Es gibt Assoziationen zur Tropfsteinhöhle, aber natürlich auch Verweise auf medizinische Themen, in der düsteren Umgebung wird zudem Science-Fiction-Fans einiges dazu einfallen.

Matratzen-Altar und Drumset-Variationen

Anderswo sind neu geschaffene Räume (mit schwarzen Stoffwänden) zu betreten, Umkehrungen des klassischen „white cube“, der Galerie also, und es gibt Arbeiten, die ein Anfassen geradezu herausfordern: das „Himmelbett“ beispielsweise, ein dreiteiliger Matratzen-Altar, das griffige Triptychon lässt sich aber nicht klappen. Oder eine ebenfalls dreiteilige Arbeit, Fußmaschinen von Schlagzeugen, die auf weiche Bildoberflächen schlagen, damit die ursprüngliche Funktion in Frage stellen.

Die BA-Show ist noch heute und morgen jeweils von 12 bis 17 Uhr zu sehen. Das Waschbecken übrigens, obwohl in seiner unmittelbaren Hässlichkeit von einem gewissen Reiz, ist wirklich nur ein Überbleibsel.

Von Frank Füllgrabe