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Die wohl berühmteste Lüneburger Bibel: Dieses 1672 gedruckte Prachtexemplar ist mit 153 Kupferstichen von Matthias Scheit illustriert.

Bibeln im Kloster Lüne – Mit Luther zum ersten Bestseller

Lüneburg. Der kurzsischtige Kurfürst Johann Georg II von Sachsen war seine Lesebrille leid und bestellte sich die Heilige Schrift in extra großen Lettern, drei dicke Prachtbände waren das Ergebnis – wie schön, wenn man nicht zu knausern braucht. Für weniger Geld gab es das Neue Testament im Handy-Format. Das war auch praktisch, wenn man mit kleinem Gepäck unterwegs sein musste, auf der Flucht im Dreißigjährigen Krieg beispielsweise. Dekorative Bibeln im Ledereinband schmückten die gute Stube der angesehenen Familien. Einige der schönsten und wichtigsten Exemplare stammen aus Lüneburg, aus der Stern`schen Druckerei, die damit europaweit bekannt wurde. Beispiele zeigt nun eine kleine Ausstellung im Kloster Lüne.

„Wir wissen definitiv, dass die Stern`sche Druckerei ihre großen Lutherbibeln um etwa 1670, also zu ihren besten Zeiten, in etwa 3000 Exemplaren aufgelegt hat“, so Dr. Wolfgang Schellmann bei der Vernissage. Die Lutherbibel sei „der erste wirklich große Bestseller der Weltgeschichte“ gewesen, und stellte dennoch echtes Risiko dar. Denn der Aufwand bei der Herstellung war groß, der potenzielle Käuferkreis – in einer Zeit, in der noch wenige Menschen richtig lesen konnten, die meisten außerdem tendenziell arm waren und ohnehin wenig Zeit für Bücher hatten – um so kleiner. Immer wieder wurde von Verlegern versucht, mit Sonderausgaben neue Käuferschichten zu erschließen – Bücher mit vielen Illustrationen, mit üppig verzierten Schriftbildern, und so fort. Tatsächlich sind Druckereien mit solchen Wagnissen schlicht pleite gegangen, zumal Papier teuer war.

Die Anfangsgeschichte der Lüneburger Sterne-Bibel ist ein wenig kompliziert. Die strenge Zunftordnung verbot Druckern, ihre Erzeugnisse auch zu binden, dafür gab es schließlich eine eigene Branche. Also: 1614 verlegte Hans Stern die erste Lüneburger Luther-Bibel – und druckte sie in Goslar. 1623 gründeten seine Söhne Johann und Heinrich, inzwischen waren acht Ausgaben erfolgreich auf dem Markt, ihre eigene Druckerei; ein Jahr später erschien – als Taschenbuch – die erste in Lüneburg gedruckte Ausgabe.

Gebunden wurden sie also woanders – ausschließlich Stapel von gefaltetem Papier verließen die Werkstatt. Sie waren dafür um so dicker: eine Vollbibel umfasste 1500 Seiten, eine kommentierte Ausgabe war noch einmal entsprechend voluminöser. Zu den Prachtexemplaren der von Sterns, die Familie war mittlerweile in den erblichen Adelstand erhoben worden, zählte 1711 eine Ausgabe mit Kommentaren des schwäbischen Theologen Lucas Osiander. Das gute Stück war unter anderem mit 250 ganzseitigen Kupferstichen veredelt. Kupferstiche waren noch einmal deutlich nobler (weil detaillierter) und teurer, weil sie als Tiefdruck nicht – wie die Holzschnitte – einfach zusammen mit den Texten in die Hochdruckpresse geschoben werden konnten, sondern extra gedruckt und eingeordnet werden mussten. Die Sterne beschäftigten in ihren besten Zeiten allein 14 Kupferstecher.

Gute Setzer waren Stars

Die Kloster-Ausstellung zeigt einige Edel-Exemplare. Auf der anderen Seite der Angebotspalette gabe es Mini-Bibeln mit Typen, nur wenig größer als ein Millimeter. Diese Texte ohne Lupe zu entziffern, dürfte eine Herausforderung sein. Das gilt auch für die Herstellung. Wie die Männer an den Setzkästen mit solch winzigen Holzstückchen hantieren konnten, ohne übermäßig viele Fehler zu machen (was bei Gottes Wort ja ohnehin an die Grenze zur Blasphemie führte), ist nicht bekannt. Fest steht: Gute Setzer waren Stars und wurden gern mit ordentlich Geld abgeworben.

Die Ausstellung „Lutherbibeln aus Lüneburg – Ein Verkaufsschlager im Europa des 17 und 18. Jahrhunderts“ im Teppichmuseum des Klosters Lüne zeigt vor allem Leihgaben der Ratsbücherei und läuft bis in den November, bis zur Ende der Besuchssaison. Ihre Geschichte selbst endet im frühen 19. Jahrhundert: 1821 wurde das letzte Sterne-Exemplar gedruckt.
Von Frank Füllgrabe