Donnerstag , 15. November 2018
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Archäologe Prof. Dr. Edgar Ring, hier im Keramik-Lager des Museums, präsentiert einen irdenen Grapen. Foto: ff

Töpfer mussten fit sein – Ausstellung im Museum Lüneburg

Lüneburg. Auf den ersten Blick wirken die leicht angeschlagenen Töpfe in ihrem stumpfen, rußigen Grau nicht besonders aufregend. Für Prof. Dr. Edgar Ring sind d ie Fundstücke aus dem späten Mittelalter echte Schätze. Dem Lüneburger Stadtarchäologen dokumentieren sie einen Wandel der Lebenskultur in den Haushalten, sie stehen auch für eine Epoche, in der die Stadt wuchs und gedieh – als „Boomtown“ beschreibt der Wissenschaftler das Lüneburg des 13. und 14. Jahrhunderts. Dafür steht nun die Ausstellung „Graue Irdenware“ im Museum, sie ist reduziert auf das Wesentliche, findet in einer Vitrine Platz.

An entsprechenden tönernen Fundstücken ist kein Mangel, bei Grabungen und Bauarbeiten in der Lüneburger Altstadt wurden viele irdene Gefäße – meist in Scherben, zuweilen aber auch am Stück – ans Tageslicht geholt. Wenn sie in Holzkisten oder in Brunnen lagen, ist ihre zeitliche Einordnung kein Problem – der Ton lässt sich zwar nicht datieren, das Holz anhand der Jahresringe aber um so besser.

Rillen und umlaufende Stempel-Muster zeigen: Die Irdenware des 13. und 14. Jahrhundert wurde erstmals auf einigermaßen schnell drehenden Scheiben hergestellt. Dafür mussten die Töpfer allerdings körperlich fit sein: Die Scheiben wurden – ohne jede Mechanik – mit den Füßen in Schwung gebracht, und waren recht massig, schließlich sollte ihre Trägheit dafür sorgen, dass sie sich eine Weile regelmäßig drehten.

Standen früher simple Gefäße in den Küchen, wurden nun Grapen mit Henkeln und drei Füßen hergestellt, die Brennöfen schafften offensichtlich bis zu tausend Grad und ermöglichten die Haltbarkeit komplexerer Formen. Die graue Farbe entstand während des Brennprozesses, der nur aus dem Sauerstoff in der Kammer gespeist wurde. Eigene Stilelemente entwickelten die Lüneburger Töpfereien offensichtlich nicht, Dr Ring spricht von Lübecker Kannen und von Mehrpassgefäßen aus dem Nordharz, das sind Töpfe mit Außen- und Innenwölbungen am Rand. Bildquellen aus jener Zeit gibt es nicht.

Neben Trink- und Schankgefäßen zeigt die Vitrine eine kleine Spardose, was als Rarität gilt. Schließlich werden Sparschweine traditionell zerschlagen, wenn sie voll sind. Der Schlitz ist extrem schmal, er war wohl für Brakteaten gedacht. Der Begriff kommt von dem lateinischen bractea („dünnes Metallblech“), diese Münzen wurden meist nur einseitig geprägt.

Erste Glasuren des 15. Jahrhunderts enthielten Zinn

Andere Gefäße wiederum gehörten nicht auf den Tisch, sondern wurden als Kacheln für Öfen gebrannt. Damit können Archäologen die ersten effizienten Kachelöfen rekonstruieren, mit den Hohlformen sollte eine möglichst große – die Wärme abstrahlende – Oberfläche erreicht werden.

Insgesamt fallen viele wichtige, das heutige Erscheinungsbild Lüneburgs prägende Entwicklungen in die Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts, das gilt auch für den Beginn der Backsteinarchitektur. Das Rathaus und die großen Stadtkirchen haben hier ihre Wurzeln, die Bürgerhäuser und die Stadtbefestigung. „In dieser Zeit“, so Dr. Ring, „haben die Straßen und Plätze ihre bis heute gültigen Namen bekommen.“

Besonders repräsentativ waren die Tischgedecke in den Häusern von Boomtown Lüneburg allerdings nicht, es gab noch keine Glasur. Das immerhin kam den Töpfern selbst zugute. Denn die ersten Glasuren des 15. Jahrhunderts enthielten Zinn – und Blei, eine giftige Angelegenheit also. „Die Töpfer jener Zeit“, so die Keramikerin Margarete von Alemann bei der Vernissage im Museum, „wurden nicht alt, sie starben recht früh.“
Von Frank Füllgrabe