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Fotografien (Ausschnitt) von Arturas Valiauga: Die Totenmaske Johannes Bobrowskis und die grenzenüberspannende Königin-Luise-Brücke in Tilsit/Sovjetsk. Repro: ff

Johannes Bobrowskis Litauen: Beiderseits der Memel

Lüneburg. Die Geschichte von Deutschen mit Blick auf ihre Nachbarn, all die Irrungen, Wirrungen – das war, wie er sagte, sein Generalthema, „weil ich um die M emel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buche steht.“ Das ist vielleicht das bekannteste Zitat von Johannes Bobrowski. Der Schriftsteller, 1917 in Tilsit geboren, 1965 in Berlin an einem Blinddarmdurchbruch gestorben, galt zu seiner Zeit als einer der ganz großen Autoren. Heute ist er ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu seinem hundertsten Geburtjahr erinnert an ihn eine Ausstellung im Ostpreußischen Landesmuseum.

Die Präsentation „, zwischen Osten und Westen“ dreht sich um Leben und Werk des Lyrikers und Roman-Autors, aber nicht im engeren Sinne dokumentarisch, sondern gestaltet von einem Künstler: Der Fotograf Arturas Valiauga, 1967 in Vilnius geboren, hat sich auf seine Spuren begeben, Landschaften und ihre Bewohner erkundet, das Ergebnis sind Bilder, die auf die Wege Bobrowskis im heutigen Litauen, im Kaliningrader Gebiet und in Deutschland führen. Dazu kommen Motive aus der unmittelbaren Umgebung des Autors: seine Schreibmaschine, seine Abiturienten-Mütze, die geliebte Cordjacke, ein Stahlhelm, die Totenmaske.

Litauen war in diesem Jahr das Hauptthema der Leipziger Buchmesse, die Ausstellung mit 84 Fotos wurde dort gezeigt, 65 davon sind nun auch bis 8. Oktober in Lüneburg zu sehen. Edda Fricke hat für viele Arbeiten Textpassagen aus Prosa und Lyrik herausgesucht.

Auf Augenhöhe mit Heinrich Böll und Günter Grass

Johannes Bobrowski, Sohn evangelisch-baptistischer Eltern, zog 1925 mit seiner Familie nach Rastenburg, 1928 nach Königsberg. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er als Gefreiter in einem Nachrichtenregiment, das an zentralen Front-Schauplätzen stationiert war. Er geriet schließlich 1945 (bis 1949) in russische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung lebte er bis zu seinem Tod in Berlin-Friedrichshagen. Er war im Brotberuf Lektor, erst 1961 erschien sein erster Gedichtband „Sarmatische Zeit“ – und zwar fast gleichzeitig in der Bundesrepublik und in der DDR. Auch „Schattenland Ströme“, Romane und Erzählungen wurden in Ost und West publiziert. Bobrowski war Gast (und sogar Preisträger) der legendären „Gruppe 47“, auf Augenhöhe etwa mit Heinrich Böll und Günter Grass.

Durch die intensive Beschäftigung Bobrowskis mit seiner heute zu Litauen und Russland gehörenden Geburtsregion wird er wahrgenommen als Teil moderner europäischen Kultur – was auch für die Kuratoren des Ostpreußischen Landesmuseums ein Kriterium war, die Ausstellung nach Lüneburg zu holen. Die Fotografien zeigen melancholische Szenarien, grünes Memelland, alte Wege, Ruinen und romantische Winkel, die Königin-Luise-Brücke in Tilsit/Sovjetsk, fotografiert von litauischer Seite aus, das Bild wirkt wie ein Schlüsselwerk.
Von Frank Füllgrabe

Filmvorführung, Lesung, Fotoworkshop

Das Programm drumherum

Das Ostpreußische Landesmuseum wird im Wesentlichen erst im August 2018 wiedereröffnet, einige Räume sind aber stets für das Publikum geöffnet. Das angegliederte und neu gestaltete Brauereimuseum öffnet bereits in diesem August. Die Bobrowski-Ausstellung wird begleitet von einem ausführlichen Rahmenprogramm: mit einer musikalisch-szenischen Lesung (16. August), einer Filmvorführung in der Scala („Levins Mühle“, 6. September), einer weiteren Lesung („Beiderseits der Memel; Hermann Sudermanns Reise nach Tilsit“, 5. Oktober), einem Sommerferienprojekt für Kinder (acht bis zwölf Jahre, 25. bis 28. Juli) und einem Fotoworkshop für Erwachsene mit Ralf Peters (19. und 20. August).