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Theater Lüneburg: Gute Besuchszahlen, bitterer Beigeschmack

Lüneburg. Weit schweift der Blick zurück, um eine ähnliche Zahl zu finden: 110 601. Das ist die Zahl, die das Theater freut. So viele Besucher kamen zuletzt 1993, als Lüneburgs Kulturszene weit weniger bot als heute. Nachgeschaut hat Volker Degen-Feldmann, Co-Geschäftsführer des Theaters und der Mann, der die Zahlen kennt und Bilanz der Spielzeit 2016/17 zieht: „Wir liegen über den Soll-Zahlen, generieren also Mehreinnahmen“, sagt Degen-Feldmann. Dass am Ende der nächsten Spielzeit dennoch ein sattes Minus stehen wird, mutmaßlich 268 380 Euro, das ist die andere Seite der Medaille.

Es sind in erster Linie Personalkosten, die den Erfolg wegfressen. Steigen die Tarife, muss das Theater mit, auch wenn das ein Loch reißt. Verhandlungen mit dem Land über eine Kompensation laufen, und ohnehin muss noch in diesem Jahr begonnen werden, das Grundsätzliche zu besprechen. Der Vertrag zwischen Land und den kommunalen Trägern Stadt und Landkreis läuft 2018 aus. Wie es dann auf welcher Basis weitergeht, entscheidet die Politik. Man rede konstruktiv miteinander, sagt Degen-Feldmann.

„Jenseits von Eden“ enttäuschte

Die 110 601 sind bei solchen Gesprächen ein gutes Pfund. Ein Pfund draufpacken lässt sich beim Vergleich der Daten mit den Bühnen in Land und Bund. Seit Jahren zählt das Theater Lüneburg zu den Häusern mit den besten Quoten in Fragen der Wirtschaftlichkeit. Trotzdem: Theater ist als kulturelle Grundversorgung zu sehen wie das SaLü für die gesundheitliche. Das kostet – 62 Euro pro Platz. Das Geld sichert die Kunst und die Arbeitsplätze.

Das Plus bei den Besuchern beträgt im Jahresvergleich 5010 mehr verkaufte Karten für das Große Haus, das TNT und das T3 – bei insgesamt sechs Vorstellungen mehr. Stark zugelegt hat im Großen Haus das Schauspiel. „Frau Müller muss weg“ erzielte mit 95.8 Prozent verkaufter Karten sogar eine bessere Auslastungsquote als das traditionell starke Musical. Das war in diesem Jahr „Evita“. Dort waren 93,8 Prozent der Plätze belegt, was bei 18 Vorstellungen zu weit mehr als 9000 Besuchern führte. Mehr Besucher erreichte nur das Weihnachtsmärchen: 15 507. Sehr gut lief im Schauspiel „Effi Briest“ (Auslastungsquote: 88,6), passabel das zeitgenössische Stück „Der goldene Drache“ (70,6), deutlich unter den Erwartungen blieb „Jenseits von Eden“ (60,6).

Im Bereich Musiktheater/Ballett gelang mit der Produktion „Schlafes Bruder“ Hervorragendes: 5962 Besucher kamen zu den zwölf Vorstellungen (Auslastungsquote 92.0). Dagegen lief die Oper „Othello“ enttäuschend: 4150 Besucher bei zwölf Vorstellungen (64,0 belegte Plätze). Kein Wunder, dass mit „Figaro“ und „Carmen“ für die kommende Saison Genre-Kracher ausgesucht wurden. Den Erwartungen entsprach das „Weiße Rössl“ (Quote: 88,8).

Fast immer ausverkauft: Musiktheater mit der Leuphana

Gute Zahlen liefert das Ballett von Olaf Schmidt. Seine Produktionen „Die Geschichte von Blanche und Marie“ (70,3) und „Laura oder immer Ärger mit dem schwarzen Schwan“ (80) stärken den Ruf der Truppe. Bei „Kunst ver-rückt Tanz“ war im T.3 bei 98,7 Prozent verkaufter Plätze die Nachfrage kaum zu stillen, ähnlich beim Kinderballett „Aladin“ (97,4).

Ausverkauft sind fast immer und durchweg die Musiktheaterproduktionen, die mit der Musikschule bzw. der Leuphana produziert werden. Die Kooperationen sind Hitgaranten und zeigen, dass junges Theater nicht nur bei Kindern gut läuft: „Oliver!“ (99,3) und die „Addams Family“ (99,0) gehören in Sachen Quote zu den Top-Stücken der Saison. Die Kinderstücke liefen bis auf „Aprikosenzeit“ (44,4) gut, beim Puppentheater ist eine leicht rückgängige Quote (54,3) zu verzeichnen.

Ganz oben im T.NT lagen Philip Richerts „Viva la Diva“ (99,2) und Burkhard Schmeers „Kleines Weihnachtsspektakel“ (99,1). Humor läuft gut. Auch „Shakespeares sämtliche Werke leicht gekürzt“ (98,5) zeigt das. Da hängen die ernsten Stoffe zurück – wie „demut vor deinen taten baby“ (65,4) oder „Am schwarzen See“ (33,9).

In Lübeck wurde von einem negativen Elphi-Effekt bei den Konzerten gesprochen. Das ist bei den Konzerten der Lüneburger Symphoniker nicht zu sehen, sie stießen auf steigenden Zuspruch. Ob Musikdirektor Thomas Dorsch aber gut beraten ist, die Meisterkonzerte vom Traditionstermin Sonntag 19 Uhr wegzunehmen und auf den ohnehin mit Kultur stark bestückten Sonnabend zu legen, das wird die kommende Spielzeit zeigen. Sie beginnt am 27. August um 11 Uhr mit einem „Elefantenpups“, dem Kinderkonzert zum Theaterfest.

Die ersten Termine der Spielzeit 2017/18

▶ 27. August: Theaterfest, ab 11 Uhr.

▶ 2. September: Theatercafè im Foyer, 17 Uhr.

▶ 10. September: Konzert der Lüneburger Symphoniker als Norddeutsche Kammerakademie, Musikschule, 11.30 Uhr.

▶ 15. September: Premiere „Der Schwächere“, für Kinder ab zehn Jahren, T.3, 10 Uhr.

▶ 16. September: Premiere „Die Hochzeit des Figaro“, Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, 19 Uhr.

▶ 22. September: Premiere „Medea“, Tragödie von Euripides, 20 Uhr.

Von Hans-Martin Koch

73 Kommentare

  1. Theater ist als kulturelle Grundversorgung zu sehen wie das SaLü für die gesundheitliche. Das kostet – 62 Euro pro Platz.
    alles für die mittelschicht, sie darf sich am meisten über subventionen freuen. schließlich sorgt man ja auch dafür. politiker wollen von der mitte gewählt werden. in den oecd staaten wird die mitte gepämpert. angeblich alles wegen der demokratie.
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/transferleistungen-unserer-mittelschicht-geht-es-praechtig-1627083.html

    • Hallo Herr Bruns, schon da? Hab ich nicht oben gelesen, Ihre Spielzeit beginne erst am 27. August um 11 Uhr mit einem „Elefantenpups“?

      • Hihi, sehr spaßig pariert die dröge Brunsiade.

        • Volkmar
          ich gönne jedem seinen spaß, dumm ist nur, dass leben ist nicht immer spaßig, deswegen können ja die einen auf den kosten der anderen bei uns leben.

          • Anneliese Schuster

            Hallo Herr Bruns,

            als Eigentümer einer Reppenstedter Gartenparkvilla im Wert von € 325.000 (laut unerbeten eingereichter First-Hand-Auskunft: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/822542-eine-eigene-allee-fuer-die-uni#comment-98351) gehören Sie zur Mittelschicht wie Anikó Hauch, Boris Becker und Oskar Lafontaine auch.

            Üben Sie hier Selbstkritik?

          • Detlev Behrens

            Auch Herr Bruns als hausbesitzender Mittelschichtler lebt nach der in Deutschland geltenden Devise: „Reiche, das sind immer nur die Anderen – und deren Steuern müssen wir erhöhen, damit wir umverteilen können!“

            Aber oh Wunder, wenn dann das vermeintlich „eigene“ Steuergeld verwendet wird, dann ist plötzlich alles auf dem Prüfstand. Und echte eigene Mittel zur Behebung vermeintlicher Ungerechtigkeiten geben? Nein, „jemand“ muss, Andere sollten, Reiche müssen…

            Ist schon etwas merkwürdig!

          • Friedrich Paulsen

            Falsch! Es ist die Tugend des ritterlichen Reppenstedters, das Unrecht, das sich in irgendeiner Gestalt, sei es durch Gewalt, List, Verführung an dem Recht, besonders dem Recht der Wehrlosen, vergeht, durch persönliche Dazwischenkunft zurückzuschlagen oder dem Gerichte zur Rechenschaft zuzuführen.

        • Uwe-Peter Zacharias

          Hallo Detlev Behrens,

          Genie und eine gewisse konzentrierte Einäugigkeit am Rande der Wahrnehmungs- und Gemütsstörung gingen, darauf hat vor einigen Tagen erst wieder der bekannte LZ-Kommentator „Ron“ hingewiesen, unter unseren lieben Großen auffällig häufig Hand in Hand.

          Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, die an affektiven Störungen gelitten haben sollen waren zum Beispiel

          · Komponisten
          Die Komponisten sind bei den Gemütsstörungen häufig anzutreffen. Hier findet man Namen wie Bartok, Beethoven, Brahms, Bruckner, Chopin, Händel, Hindemith, Liszt, Mozart, Schubert, Schumann, Wagner u. a.

          · Maler und Bildhauer
          Auch die Maler und Bildhauer sind nicht nur durch van Gogh und Caspar David Friedrich, sondern auch durch Dürer, Holbein d. J., Picasso, Rembrandt, Leonardo da Vinci usw. vertreten.

          · Dichter und Schriftsteller
          Die Dichter und Schriftsteller sind zahlenmäßig am stärksten betroffen. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie sich durch ihre schriftlichen Werke am offensten, also auch ungeschütztesten offenbaren können. Wenn man nur die bekanntesten Namen herauszieht, dann findet man – zum Teil doch überraschend, wenngleich nur auf den ersten Blick – Goethe, Lessing, Schiller, Shakespeare usw., ohne auf die Depressionen von Baudelaire, Heine, Hölderlin usw. einzugehen. Und man findet nicht selten sogar Humoristen darunter (z. B. Wilhelm Busch), die zwar anderen Menschen viel Freude und Vergnügen bereiten, von dunklen Gedanken aber selber nicht verschont blieben (eine Erkenntnis, die auch von so manchen Humoristen unserer Zeit bestätigt wird).

          · Religiöse Persönlichkeiten
          Die religiösen Persönlichkeiten jeglicher Konfession sind zwar eine kleine Gruppe, von Franz von Assisi über Sören Kierkegaard und Martin Luther bis zur Theresa von Avila. Sie dürfte aber in Wirklichkeit viel größer gewesen sein, beginnend im Alten Testament über das Neue Testament bis in unsere Zeit. Dabei kann es – selbst in unserer aufgeklärten Zeit – für die pathographisch interessierten Wissenschaftler nicht ganz risikolos zu sein, den einen oder anderen religiösen Führer aus früherer oder heutiger Zeit als psychisch krank, zumindest aber anfällig zu bezeichnen, weshalb sich dort Forschung und vor allem öffentliche Dokumentation dieser Untersuchungsergebnisse eher bedeckt zu halten pflegen. Die jüngere Geschichte einschließlich Mord-Drohungen und Verfolgung gibt ihnen recht.

          · Philosophen und Denker
          Dass auch nicht wenige Philosophen und große Geister Gemütsprobleme hatten, ist einleuchtend, obgleich man es kaum rational begründen kann. Bekannte Namen sind beispielsweise Immanuel Kant, Karl Marx, Jean Paul Sartre, Arthur Schopenhauer sowie die geistvollen Spötter Voltaire und Karlheinz Fahrenwaldt (was ja nicht selten ist, dass jemand seine schwermütige Grundeinstellung durch Ironie, Sarkasmus oder gar Zynismus zu kompensieren versucht) usw.

          Die besonders eindrucksvolle Schilderung einer Depression verdanken wir dem Theologen und Philosophen Romano Guardini, der den nicht ganz abwegigen Satz prägte: „Die Depression ist viel zu schwerwiegend, als dass man sie nur den Psychiatern überlassen dürfte…“.

          · Könige, Politiker und Feldherrn
          Machtvolle Herrscher, Politiker oder gar militärische Führer sind zwar (Berufs-) Sparten, bei denen man sich am wenigsten seelische Beeinträchtigungen vorstellen kann, vor allem wenn es sich um geniale Führerpersönlichkeiten handelte. Doch auch sie sind nicht gegen seelische Störungen gefeit, wie die zahlreichen Beispiele von König Saul im Alten Testament bis Winston S. Churchill zeigen, von zeitgenössischen Betroffenen ganz zu schweigen. Aber auch sonst finden sich durchaus illustre Namen: Bismarck, Blücher (mit einer geradezu abenteuerlichen Pathographie), den zusätzlich epilepsie-kranken Caesar, den Schwedenkönig Gustav II. Adolf, Heinrich den VIII., den Sonnenkönig Ludwig den XIV., Kaiserin Maria-Theresia, Metternich, Nelson, Peter I., den Großen, Richelieu, Talleyrand usw.

          · Wissenschaftlicher und Entdecker
          Bei den Forscher- und Erfinder-Persönlichkeiten kann man sich Gemütsstörungen wieder eher vorstellen. Allzu viel Beispiele sind allerdings nicht namhaft geworden. Wissenschaftler stehen in der Regel nicht im Rampenlicht, doch einige von ihnen scheinen sich tatsächlich seelisch schwer getan zu haben: Charles Darwin, Sigmund Freud (der in seine Psychoanalyse so manche Eigenerfahrung einbringen konnte oder musste), Galilei, Keppler, Linné (der berühmte Park-Gestalter, wobei schon früher bekannt war, dass Gartenarbeit gemütsmäßig besonders ausgleichend, ja antidepressiv ist), Mendel, Semmelweis, Edison, Alexander von Humboldt u. a.

          · Revolutionäre und Sozialreformer
          Schließlich bleiben die Persönlichkeiten, die ihre jeweilige Zeit und Gesellschaft geprägt haben. Da wundert es schon, dass so „harte Revolutionäre“ wie Danton und Robespierre aus der französischen Revolution auch ihre seelischen Nöte gehabt haben sollen (bzw. es wundert uns nicht), aber auch Henry Dunant und Johann Heinrich Pestalozzi, die aufgrund mannigfacher persönlicher Erfahrungen ihre großen karitativen Werke in Angriff nahmen.

    • @Klaus
      Gibt es auch einen einzigen Tag ,an dem Sie nicht meckern? Früher sagte man „Meckerpott“

      • Livia
        Früher sagte man „Meckerpott“
        wieso früher? sagt man heute noch. aber wieso meckern? liebt man denn hier nur einseitige informationen?

      • BEDEUTUNGSÜBERSICHT
        (von Ziegen) [lang gezogene] helle, in schneller Folge stoßweise unterbrochene Laute von sich geben
        (umgangssprachlich abwertend) an einer Sache etwas auszusetzen haben und ärgerlich seiner Unzufriedenheit Ausdruck geben

        HERKUNFT
        älter: mecken, spätmittelhochdeutsch mechzen, zu mittelhochdeutsch mecke = alter Ziegenbock; lautmalend

        SYNONYME ZU MECKERN
        Anstoß nehmen, auszusetzen haben, beanstanden, sich beklagen/beschweren, Beschwerden vorbringen, Klage führen, klagen, Kritik üben, kritisieren, monieren, murren, reklamieren, tadeln; (österreichisch) beanständen; (umgangssprachlich) bekritteln, bemäkeln, herumkritisieren, herummäkeln, herummeckern, herumnörgeln, kein gutes Haar lassen, mosern, motzen, rummäkeln, rummotzen; (ostösterreichisch umgangssprachlich) ausstallieren; (salopp) herummaulen, herummotzen; (abwertend) kritteln, mäkeln, nörgeln; (umgangssprachlich abwertend) herumkritteln, maulen

    • Ein Bruns hört staunend und empört,

      Daß er, als Nölbock, alle stört.
      
Er nämlich bildet selbst sich ein,

      Der angenehmste Klaus zu sein.

      Ein Beispiel macht Euch solches klar:

      Der Schnarcher selbst schläft wunderbar

  2. Mal was anderes: «Dass die Mauer gefallen ist, war nicht mein Verdienst. Ich war nicht mal der Typ, der ein Lied über Freiheit gesungen hat», hat Sascha Spoun heute von seinem Presse-Korps an der Universitätsallee bekannt geben lassen. Das sei ein gutes Omen, fügte der Präsident hinzu, und könne als Pfeil in die Zukunft gedeutet werden.

    • Musste meckernd geckern. Ich beginne zu glauben, Sascha Spoun selbst möchte als solcher Pfeil in die Zukunft gesehen werden, als welchen er praktisch alles um sich herum „deutet“, was ihm gestattet, die Worte „Innovation“, „Nachhaltigkeit“ und/oder „Kreativität“ unterzubringen. Eine präsidiale Spracharmut derart leuphanatischen Ausmaßes hätte vermutlich Robert Gernhardt gefallen. „Wie ein Pfeil fliegt man daher, als ob man selber einer wär“, hat der gedichtet. Ein ominöses Omen, – aber bestimmt ein gutes!

    • Manfred Holmes

      Tjaja, es ist ein Elend mit den Leuphanesen! Aber unter allen Gestalten, die dem Schoß dieses Landes je entsproßten, gehört der vor (circa) 250 Jahren geborene Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt, Rufname „Pelle“, gewißlich zu den abscheulichsten und widerwärtigsten, eine Ekelfigur wie auch ein perverser Stelzbock sondergleichen. Nicht nur begründete der Humanismusdussel mit seinem Humanismusdusel den „Muff von tausend Jahren“ (Heidegger) an deutschen Fakultäten, er brachte auch Elend über das Staatswesen, die Schulen, die Kultur und die Landwirtschaft. Doch sei von Humboldts üblen Wurzeln her begonnen, um das ganze Ausmaß dieser geistesgeschichtlichen Verheerung adäquat fassen zu können. Humboldts Blutlinie läßt sich bis zu jener Seefahrerdynastie zurückverfolgen, die seinerzeit die Pest in Europa einschleppte. Von dort an liest sich der humboldtsche Stammbaum wie eine Verbrecherkartei, deren Gauner und Halunken in ihrer individualistischen Egomanie direkt auf Sofaakrobat und Schreibtischsonderpädagoge Wilhelm vorausweisen. Freilich, die Humboldts pflegten äußerlich einen galanten Lebensstil, es mangelte an nichts auf den zusammengeraubten Ländereien. Doch hinter der Fassade des durch Mord in Besitz gebrachten Schlosses Tegel brodelte die Besessenheit, die nun auch schon auf Wilhelm und seinen Bruder Alexander übergegriffen hatte. Dabei erwies Wilhelm sich als der bei weitem trübere, wenngleich fleißigere und untertänigere Schülerkopf, der Tag und Nacht griechische Vokabeln in sich hineinschaufelte und seine Hellenenliebe so weit trieb, daß er den heidnischen Göttern jeden Tag ein liebäugiges Kälbchen zum Opfer darbrachte.

      Doch der vorgebliche Bildungshunger war nur kühl kalkuliertes Präludium des weltanschaulichen Zerstörungswerkes, mit dem Humboldt ab ca. 1785 die aufblühende Forschungs- und Literaturlandschaft des Heiligen Römischen Reiches überzog. Weder Philosophen noch Dichter waren vor ihm und seinen Plänen zur Niederwerfung des Menschengeschlechts sicher. Dem empfindsamen Revolutionär Schiller etwa diktierte er unverblümten Frauenhaß in den Block, Kant versteckte er ständig das Ding an sich und Herrn von Goethe soll Humboldt gar den Leibhaftigen auf den Hals gehetzt haben. Während Bruder Alexander im fernen Amerika an seinen naturwissenschaftlichen Forschungen seelisch gesundete, fraß sich der Haß immer tiefer in Wilhelms Herz, arbeitete dieser daran, die Bildung, wie sie bislang in guter Tradition zur geistigen Vervollkommnung des strebenden Ichs und seiner Gemeinschaft gepflegt wurde, aus den Angeln zu heben und in ihr Gegenteil zu verkehren: als technische Abrichtungsanstalt der zur kapitalistischen Verwertung freigegebenen Generationen. Den Traum einer Universität, an der aus freien Stücken im herrschaftsfreien Diskurs um Erkenntnis gerungen wird, zerfetzte Humboldt in seiner Funktion als preußischer Bildungspolitikvandale und tauschte ihn ein gegen den des intellektuellen Kramladens mit überbordendem Verwaltungsapparat und Anwesenheitspflicht in den Vorlesungen – bis zur Bologna-Reform und damit der endgültigen Zernichtung jedes Gedankens war es nur noch ein unbedeutender Schritt. Mit Wilhelm von Humboldt wurde die Bildung zu Grabe getragen.

  3. Henrik Benjamin

    Drei Tage lang stirbt Iwan Iljitsch, dann ist er endlich tot – so grauenhaft ist sein Schreien, „daß man es hinter zwei Türen ohne Entsetzen nicht hören konnte“. Das ist der laute, gräßliche, häßliche Tod, Lew Tolstoi hat von ihm erzählt. So elend wie Iwan Iljitsch stirbt man sonst nur im wirklichen Leben.

    Das Theater hingegen (ob mit oder ohne Gesang) schätzt einen anderen Tod. Den Belcanto-Tod. Das Sterben in Schönheit und mit Weinlaub im Haar. Den Tod als letzten, innigsten Liebesakt. Das Theater ist eine Kultstätte für erhabene Tode. Doch was, wenn es ihm selber ans Leben geht?

    Als im Jahr 1981 die Hansestadt Bremen ihr ruhmreiches Schauspiel einfach zumachen wollte, wurde ihr das nicht gestattet. Eine dramatische Protestversammlung im Theater und eine (wie sagte man damals: „machtvolle“) Demonstration vor dem Rathaus genügten, und der „Bremer Theatertod“ war abgewendet.

    Jetzt kommt der Sensenmann wieder. Aktuell steht das Bremer Musicaltheater vor dem Aus. Bald wird Bremen fast überall sein. Das krisengeschüttelte Deutschland will sparen, will keine „Vergnügungsgesellschaft“ (Bernd Althusmann) mehr sein. Selbstverständlich gehört das teure Theater zu den auserkorenen Opfern. Schon resignieren die ersten Intendanten. Schon machen sich auch in Teilen der niedersächsischen Theaterrepublik Sparkommissare und Strukturreformer emsig ans Werk.

    Das schadet auch nichts. Seltsam ist nur, wie still, wie beinahe apathisch die Theaterwelt der Erörterung ihrer Auszehrung und ihres Hinscheidens folgt.

    Gewiß, die bedrohten Künstler protestieren. Auch die Rezensenten sind mit mahnenden Worten flugs zur Stelle, schon im eigenen Interesse. Zwar kann die Theaterkritik den Theatertod um einige Jährchen überdauern (etwa mit der Langzeit-Serie „Unser Kulturchef erinnert sich“), aber das wahre Leben ist dies nicht.

    Doch die, auf die es wirklich ankommt, schweigen still – es gibt zur Zeit kaum ein Anzeichen dafür, daß die Lüneburger Stadtbewohner ihr Lüneburger Stadttheater bis aufs Messer verteidigen werden. Die Wiederaufmöblierung eines Dragonerdenkmals oder der Instant-Bau einer Volleyball-Arena weckt heute offenbar mehr Leidenschaften als das Weiterleben der Bühnen. Dabei ist unser vielbeschimpftes kleines Drei- (nimmt man die Leuphana hinzu, Vier-)Sparten-Subventionstheater, allen Skandalen, Pleiten und dramaturgischen Sklerosen zum Trotz, noch immer ein absolutes Unikum, eine Art Weltwunder An den Reeperbahnen 3 sogar – und seine Rettung ein paar Schreie wert.

    Mancher hält die drohende Armut für eine Chance. „Not lehrt Phantasie“, schreibt Hiltrud Lotze, „Not muß erfinderisch machen“, fordert kraftvoll Niels Webersin. Wer wollte solchen Männern widersprechen? Ein bißchen Todesangst kann nicht schaden – wenn sie die Überlebensgeister beflügelt.

    Andererseits: Wer an die kulturstiftenden Wirkungen des freien Marktes glaubt, der sollte sich von seinem Wunderglauben mit einem kurzen Blick auf die Segnungen des Privatfernsehens kurieren. Wer träumt, nach dem Ende des Subventionstheaters werde das Königreich des freien, jungen, schöneren Theaters beginnen, wird bald im trostlosen Geisterreich der Musicalphantome und Tourneetheatergespenster erwachen.

    Wieviel Theater braucht der Mensch? Lüneburger Premieren im Herbst, eine Auswahl: Im September singt man „Die Hochzeit des Figaro“, spielt „Medea“ und wagt den Tanz „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, im Oktober wird „Augusta“ geboten und im November „Eine Woche voller SAMStage“.

    Natürlich kann man über soviel Künstlertollmut lächeln. Gescheiter wäre, sich zu freuen – darüber, daß in den Mauern unserer kleinen Stadt nicht nur Beate Uhse und Ronald McDonald Herberge finden, sondern auch noch, immer noch William Shakespeare (Ein Sommernachtstraum im Mai). So lange, wie es uns gefällt.

    • Allen „dramaturgischen Sklerosen zum Trotz“?

      Ist das ein Pfeil in die Zukunft des Friedrich von Mansberg?

      • Reiner Schultz

        Ein Pfeil in die Zukunft des Friedrich von Mansberg? Warum? Wegen der „dramaturgischen Sklerose“ an den Häusern unseres kleinen Welttheaters?

        Das ist eine böse Wahrheit, Jo. Eine sehr böse!

        Hans-Herbert Jenckel hatte am 9. Dezember 2016 Veränderung prophzeit und Friedrich von Mansberg als „NOCH Chefdramaturg am Lüneburger Theater“ tituliert. Überschrieben war das Ganze mit der hellsichtigen Warnung: „Die gemütlichen Zeiten sind vorbei“!

        Nachweis: https://jj12.wordpress.com/2016/12/09/die-gemutlichen-zeiten-sind-vorbei-andrea-schroder-ehlers-bekommt-konkurrenz-ums-landtagswmandat/

        • Erich Petersen

          Friedrich von Mansberg stimmt zu! Auf seiner Hompage zitiert er an ganz prominenter Stelle Navid Kermani, der fast mal als rot-rot-grüner Kandidat für die Bundespräsidentschaft nominiert worden wäre.

          „Nur die Aussicht auf Veränderung erzeugt Begeisterung, niemals die Bewahrung des Status quo!“

    • Der Theatermann Friedrich von Mansberg hat, daran möchte ich hier gern noch einmal erinnern, sich immerhin als einziger vehement GEGEN die Spounsche Forderung nach einer schnellen Umbenennung der Uelzener Straße am Stadtausgang in „Universitätsallee“ ausgesprochen. Sein Kampf im Kultur- und Partnerschaftsausschuss bis zu dessen entscheidender Sitzung am Freitag, 10. Februar, ab 16 Uhr im Glockenhaus, FÜR eine breite Debatte mit der Lüneburger Bürgerschaft, die einer derartigen autoritär verordneten Verhunzung unserer hanseatischen Namensbotschaften vorangehen müsse, ist legendär! Ganz großes Theater:

      „Wir wollen einen Dialog führen. Mit einander und mit den Menschen in dieser Stadt. Nicht nur aber auch mit den Anwohnern in der betroffenen Straße. Wir wollen fortsetzen und vertiefen, was jetzt schon in den vielen Leserbriefen zum Thema begonnen hat: eine offene Diskussion und – in erster Linie, das sehen wir genauso wie die Verwaltung – eine Aufklärung über die Rolle des Uni-Präsidiums bei der sogenannten „Finanzierungsplanung“ des Libeskind-Baus.

      Das alles ist natürlich nicht in erster Linie eine Aufgabe der Verwaltung. Es ist unsere Aufgabe! Lassen Sie uns das gemeinsam organisieren! Wir wollen eben nicht heute entscheiden, nicht ohne den Dialog. Nicht uns selbst beweisen, was wir für tolle Leuphanatiker sind. Wir wollen den Namen Uelzener Straße am Bockelsberg nicht einfach verschwinden lassen, sondern wir wollen dass wir alle miteinander wissen, warum wir dies gegebenenfalls tun. Wir wollen auf diesem Weg möglichst viele Menschen überzeugen und mitnehmen. Wir wollen Offenheit und Transparenz, Sachlichkeit und Toleranz in der Diskussion. Wir wollen eben nicht wie Hindenburg handeln.

      Wir müssen in diesem Zusammenhang aber auch gemeinsam darüber nachdenken, wie wir zukünftig und grundsätzlich mit eventuell „belastenden“ Straßenumbenennungen umgehen wollen. Diese Diskussion wird mit der „Universitätsallee“ nicht beendet sein. Wir sind der Überzeugung, bei der Beurteilung von Straßennamen sollten wir uns von eben den Grundsätzen leiten lassen, die ich anfangs erwähnte: welche Art von Stadt wollen wir sein? Welche Signale wollen wir hinaus – aber auch hinein – senden? Und passen die Namensgeber unserer Straßen dazu? Dazu gehört auch: wie bekommen wir eine auf Fakten und weniger auf Stimmungen basierende Diskussion hin. Und gelingt es uns, in diesen Dingen gemeinsam zu agieren? Unaufgeregt und mit Augenmaß?“ (In Anlehnung an: http://www.friedrich-von-mansberg.de/wp-content/uploads/2016/12/Friedrich_v_Mansberg_Zur_Hindenburgstra%C3%9Fe.pdf)

      • Toll! Wann komm der Friedrich-von-Mansberg-Boulevard, Ratsherr Pauly?

      • Hallo Herr von Mansberg,

        kennen Sie den Ausdruck »preaching to the converted«? Also sein Anliegen einem Publikum vorzutragen, das sowieso schon der eigenen Meinung ist. Das ist ja leider sehr verbreitet. Im traditionellen Kabarett mit seinen CSU-Witzen für Studienräte, aber auch in neueren Formaten wie der »Heute-Nominierungsshow« oder dem »Satiregipfel Ausschuss« wird meines Erachtens oft nur das bedient, was bei der breiten Mehrheit der Zuschauer ohnehin schon Konsens ist. Da findet keine Aufklärung statt, sondern es werden nur Erwartungen bestätigt, ohne Überraschungen, ohne hellen, schnellen Witz. Ich halte es für unwahrscheinlich, daß diese Art von Satire eine große Veränderung im Bewußtsein der Rezipienten auslösen kann – wenn sie es denn überhaupt zu leisten vermag! Das aufklärerische Moment ist jedenfalls verschwindend gering, machen Sie sich da bitte keine Illusionen. Wenn immer nur der Erwartung der Zuschauer entsprochen, und – ob aus Bequemlichkeit oder Opportunismus – alles Provokative, den Geist Herausfordernde konsequent vermieden wird, dann kann nichts Neues entstehen. Menschen, die bereits von einer Sache überzeugt sind, noch einmal überzeugen zu wollen, ist so überflüssig wie albern. Verschwendete Energie, die auch sinnvoller eingesetzt werden könnte. Mir ist das Phänomen des »preaching to the converted« jedenfalls zutiefst suspekt. Meinen Standpunkt werde ich Ihnen bei Gelegenheit gerne einmal ausführlicher erläutern.

      • Der Theatermann Friedrich von Mansberg hat, daran möchte ich hier gern noch einmal erinnern, sich immerhin als einziger vehement GEGEN die Spounsche Forderung nach einer schnellen Umbenennung der Uelzener Straße am Stadtausgang in „Universitätsallee“ ausgesprochen.
        ich habe ihn zu mir eingeladen.als hier bekannter kunstbanause, blieb mir nichts anderes übrig. schmunzeln. ich erwarte eine antwort. wenn sie nicht kommt, was sollich dann machen? na?

        • Hallo Herr Bruns, wenn Friedrich von Mansberg Ihnen nicht antwortet, schreiben Sie ihm einfach, wie KANT sich verhielt, als es dem eimal so erging wie Ihnen häufiger und Fidi heuer:

          Eines Tages geschah es Kant,
          daß er keine Worte fand.

          Stundenlang hielt er den Mund,
          und er schwieg nicht ohne Grund.

          Ihm fiel absolut nichts ein,
          drum ließ er das Sprechen sein.

          Erst als man zum Essen rief,
          wurd‘ er wieder kreativ,

          und er sprach die schönen Worte:
          „Gibt es hinterher noch Torte?“

  4. Anneliese Schuster
    da muss ich nicht mehr üben. dieses kann ich schon. ach ja, eine villa? zuviel der ehre. ein frührentner kann nur dann zur mittelschicht gehören, wenn er vorher bei einer behörde gearbeitet hat. dann ist aber er kein frührentner, sondern früh-pensionär. schmunzeln.

    • Anneliese Schuster

      Die Frührentner Martin Winterkorn, Boris Becker, Holm Keller und David Hasselhoff haben – wie Sie – auch nie bei einer Behörde gearbeitet und zählen sich trotzdem zum Mittelstand, Herr Bruns.

      • Anneliese Schuster
        meine liebe, ich hoffe ,ich darf sie hier so ansprechen, sie haben zwar recht, aber wenn millionäre sich zur mittelschicht betrachten, wann hört das betrachten auf und es beginnt die wahrheit? eine besenkammer kann sehr teuer sein, wie boris jetzt wohl festgestellt hat. martin lebt in einem schloß. david ,wenn er mal wieder nüchtern war , konnte wieder schwimmen gehen und ein holm wird immer oben schwimmen, aber wo soll da noch für die mitte was übrig sein?

        • Anneliese Schuster

          Alles okay, Herr Bruns. Nur, Mozart hat sich nie das Ohr abgeschnitten!

          • Mädels und Jungs, ich wollte mich mal vom ganzen Herzen bedanken.
            Seit dem ich auf der Arbeit nicht mehr Baumann & Clausen hören kann, sorgt ihr kontinuierlich jeden Morgen für einen Schmunzler in meinem Gesicht. 😉

            Bitte macht genau so weiter. Es ist wirklich besser als jede andere Comedy-Show.

            Aber das wird auch mein einziger Post bleiben. Ab jetzt bin ich wieder stiller Mitleser!

            Gruß Rutzi

  5. Über Geld redet man nicht. Darüber wird allenfalls die Nase gerümpft und theatralisch und in Reppenstedter Meckermanier schamfudert. Von den Bühnen herunter wird solches anklagende Geschrei dann gern als Kapitalismuskritik markiert. Nur wenn’s um die Zuteilung von Subventionen geht, beginnt das Prahlen mit sehr konkreten Zahlen.

    Neulich, eine politische Talkshow im Fernsehen, es geht um Armut in Deutschland. Ein engagierter, liebenswerter Vertreter der Armen diskutiert mit einem Ökonomen. Dem Engagierten passen die Zahlen des Wissenschaftlers nicht in seine Geschichte, darum sagt er: „Wie es uns im Durchschnitt geht, ist völlig uninteressant. Den Durchschnitt gibt es nur auf dem Papier! Den Durchschnitt“, ruft der Engagierte, „lebt keiner!“ Das Publikum applaudiert. Der Ökonom wendet ein, dass sich das Armutsrisiko doch nun mal relativ zu einem Mittelwert bemesse. Kein Applaus dafür.

    Eine kleine Szene, die zeigt, wie heute über die großen ökonomischen Fragen diskutiert wird: mit viel Empörung, aber ohne Interesse an den Zahlen, aus denen Ökonomie sich nun mal zusammensetzt, ob man will oder nicht. Man kann das nicht nur auf der Bühne der Fernsehtalkshows feststellen, auf der Konferenzbühne im neuen Libeskind-Bau, der doch angeblich eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist, sondern auch auf der Bühne der Bühnen: im Theater. Im Thalia zum Beispiel, in der vergangenen Saison, war das möglich. „Geld“ lautete der Titel der neuen Inszenierung von Luk Perceval. Teil zwei seiner „Trilogie meiner Familie“, für die er den großen Romanzyklus des französischen Schriftstellers Émile Zola bühnentauglich gemacht hat. Das Stück erzählte Stränge aus den Werken „Das Geld“, „Nana“ und aus „Paradies der Damen“, in dem Zola von einem Pariser Großkaufhaus Ende des 19. Jahrhunderts berichtet. In Percevals Bearbeitung sind die drei Romane verknüpft durch die Figur Saccard (Sebastian Rudolph), ein Kaufhausbesitzer und Großspekulant.

    Worauf genau er spekuliert, warum er am Ende alles verliert und was das über das ausgehende 19. Jahrhundert verrät (oder gar über den Anfang des 21. Jahrhunderts), all das wusste man nach dem zwei Stunden langen Abend leider immer noch nicht. Denn immer wenn es tatsächlich mal ums Geld ging, wenn Zolas Erklärungen zum Spekulationsgeschäft und Bankwesen einflossen, wurden sie von den Schauspielern so gelangweilt wie möglich weggesprochen. Die Livemusiker taten ihr Bestes, um mit Percussion und Klanginstallationen zu übertönen, was an ökonomischen Erklärungsversuchen übrig blieb. Und die Schauspieler führetn dazu einen Tanz auf, schüttelten sich epileptisch, rieben ihre Geschlechtsteile aneinander und guckten wie Affen, denen gerade jemand beibringen will, wie Hochfrequenzhandel funktioniert. Als Saccards Angestellte und Geliebte Denise (Patrycia Ziolkowska) einmal über Marx und die Abschaffung des Hartgelds sprach, wurde dazu Ringelpiez getanzt.

    Gewöhnlich ist der Vorwurf, das zeitgenössische Theater sei pubertär, ein Ressentiment. Doch wenn die Mittel des Regietheaters eingesetzt werden, um alles Komplizierte und Anstrengende mit Sexgesten zu verjagen, geht das Klischee auf. Man denkt tatsächlich an Mittelstufenjungs, die im Matheunterricht Penisse auf die Tafel malen.

    „Man predigt immer zur eigenen Kirche, das finde ich auch so frustrierend am Stadttheater“, sagte Perceval im Oktober dem Abendblatt. Mindestens so frustrierend für den Stadttheaterbesucher ist die Analyse-Phobie. Im Durchschnitt lebt ja sowieso niemand – und dass eigentlich der Median gemeint ist, wen stört’s.

    Die Theatermacher wollen die Kapitalismuskritik nicht aufgeben. Verständlich. Aber vielleicht könnten sie mal herausfinden, wie man ökonomische Theorie auf die Bühne kriegt, ohne die im gleichen Atemzug als Eierkopfmasturbation zu denunzieren. Das wäre schockierender als alles Geschlechtsteilgereibe der Welt.

    • über geld redet man nicht??? ,die politik redet von nichts anderem. nur deren überschriften verändern sich ständig.
      Wer die Armen wirklich fördern will, lässt ihnen die Leistungen lieber direkt zukommen. Das ist günstiger. „Hätten wir von Anfang an auf Effizienz geachtet, hätten wir vermutlich ein anderes System, in dem die Mittelschicht deutlich weniger bekommt“, sagt SOEP-Forscher Markus Grabka. Dann allerdings wäre das Jammern der Mittelschicht noch lauter als heute.

  6. Simone Krüger

    Warum es manchen Alt-Linken so schwer fällt, sich klar vom Subventionstheater zu distanzieren, wäre mal ein debattenträchtiger Titel über einem Blog-Essay zu Stolz und Würde in der Lüneburger Stadtkultur.

    Bis dahin steht eine aufregende Frage über blutiges Straßentheater als konsequente Weiterentwicklung von Selfie-Narzissmus, Event-Mentalitäten und der urbanen Gier nach der Präsenz des Spektakulären zur Diskussion: https://jj12.wordpress.com/2017/07/14/warum-es-manchen-alt-linken-so-schwer-faellt-sich-von-gewalt-zu-distanzieren/#more-202

    • Simone Krüger
      18. Juli 2017 at 11:01

      Warum es manchen Alt-Linken so schwer fällt, sich klar vom Subventionstheater zu distanzieren, wäre mal ein debattenträchtiger Titel über einem Blog-Essay zu Stolz und Würde in der Lüneburger Stadtkultur.
      eine wirklich gute idee. ob dabei das verlogene zum vorschein kommt?

  7. Sie setzen jeden Abend eine Maske auf
    und sie spielen
    wie die Rolle es verlangt.
    An das Theater haben sie ihr Herz verkauft.
    Sie stehn oben und die unten schauen sie an.

    Sie sind König, Bettler,
    Clown im Rampenlicht
    doch wie’s tief in ihnen aussieht
    sieht man nicht:

    Theater, Theater
    der Vorhang geht auf,
    dann wird die Bühne zur Welt.
    Theater, Theater
    das ist wie ein Rausch
    und nur der Augenblick zählt.

    Wie ein brennendes Fieber
    wie ein Stück Glückseeligkeit,
    ein längst vergessner Traum
    erwacht zum Leben.

    Theater, Theater
    gehaßt und geliebt

    Himmel und Hölle zugleich.

    Und der Clown
    der muß lachen
    auch wenn ihm zum weinen ist
    und das Publikum sieht nicht
    daß eine Träne fließt.

    Und der Held
    der muß stark sein
    und kämpfen für das Recht
    doch oft ist ihm vor Lampenfieber schlecht.

    Alles ist nur Theater
    und ist doch auch Wirklichkeit
    Theater – das Tor zur Phantasie.
    Theater, Theater
    nur der bleibt dir treu,
    der dich vor Leidenschaft liebt.

    Theater, Theater
    ist lieben und freuen
    am Anfang und Ende zugleich

    Theater, Theater
    Ihr schenkt und aus Applaus
    wir geben alles für euch
    und Lachen und weinen für euch.
    Ja, wir geben alles für euch!

    ist ja wie in der politik, schmunzeln.

    • Hallo Herr Bruns,

      ja, das ist ja wie in der Politik! Oder, genauer, wie im Leben.

      Ein schönes Plädoyer FÜR das Theater als Eulenspiegel und Handreichung zur Selbsterkenntnis haben Sie da gedichtet.

      „Willkommen in der Gegenwart. Frauen und Migranten retten das Theater“, so war vor genau zwei Jahren ein Feature im Deutschlandfunk betitelt. Es ging davon aus, dass sich männliche Großregisseure über 50 an Klassikern und Subventionen mästen, um einer winzigen Bildungselite Freude zu bereiten. Tatsächlich aber sind die 140 subventionierten Theater in Deutschland, ob mit oder ohne tagesaktuelle Inszenierungen, keine Elfenbeintürme. Es gibt kein Haus mehr ohne Projekte und Reihen für Kinder, Jugendliche, Soziokulturen, ohne intensive Arbeit an Vermittlung, Auslastungssteigerung, Rentabilität. Das zeigt offenbar Wirkung: 35 Millionen Besucher im Jahr entsprechen etwa dem Dreifachen des Publikums der 1. Bundesliga, Tendenz steigend. Aber auch die Tarife für 39.000 Festbeschäftigte steigen.

      Trotzdem hält sich hartnäckig das Image von der Luxusanstalt, die endlich auf den Boden der Tatsachen kracht, wo die Künstler zu beweisen haben, dass sie auf gesellschaftliche Entwicklungen konkret eingehen. Dass sie das können, zeigen ungezählte Projekte zwischen Flensburg und München, zwischen Rostock und Aachen. Doch es wäre fatal, jede eher poetische als politische Regie für irrelevant zu halten. Und das Ganze sowieso für zu teuer. „Was wir da oben machen, hat per se nichts mit politischen Problemen zu tun“, sagt ein Opernstar wie der Bariton Michael Volle ratlos und fast zerknirscht.

      Dabei geht es im Theater, ob gesungen, gesprochen oder getanzt, seit Urzeiten um Beziehungen zwischen Menschen, um Outsider, Misstrauen, Masse und Individuum, Hoffen und Scheitern. Wenn aber das Theater unentwegt seine Relevanz im Bezug auf politische Gegenwart nachweisen muss, dann verliert es seine Freiheit, dann sind wir in der DDR. Es ist eben keine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft, sondern ein Ort ihres unmittelbaren Zu-sich-Kommens und ihrer Identität, der kommunalen wie der kulturhistorischen, und es ist, ja doch, kulturelles Erbe. Der in Deutschland lebende iranische Schriftsteller Said sagte 2003: „Nur der hat vor Überfremdung Angst, der seine eigene Kultur nicht kennt und nicht schätzt.“

      Wenn darüber kein Konsens besteht, gerät das Theater der Bürger, zu denen auch Sie gehören, Klaus Bruns, mit dem Rücken an die Wand, und genau das beginnt jetzt. Nicht im ganz großen Rampenlicht, wo man gleich Leuchttürme wanken sähe, sondern in den gebeutelten mittelgroßen Städten mit hilflosen Politikern: Die verschuldeten Kommunen liefern mehr als die Hälfte der Zuschüsse für Theater und Musik, der Bund dagegen beteiligte sich nach jüngster Statistik mit knapp einem Prozent an den erforderlichen ca. 3,5 Milliarden Euro. Mit ihnen wird übrigens auch einer der migrantenreichsten Berufszweige finanziert: Opernensembles sind überall international, von den Solisten über die Instrumentalisten bis zu den Choristen.

    • An Kllaus Bruns und andere Theatermuffel

      Wenn man von der Politik als einem Schauspiel spricht, ist das keine Beleidigung. Der Mensch braucht Inszenierungen und Symbole, um in der Welt klarzukommen.

      So jedenfalls Franz (Münte) Müntefering: „Wir erfinden ein Stück Welt, geben ihm Anfang und Ende, verbindlichen Text, feste Struktur, Emotionen, Sinn.“

      Den kompletten Text übers „Das große bunte Staatstheater“ finden Sie hier:

      http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/politik-als-schauspiel-das-grosse-bunte-staatstheater-13001053.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

      LG, Ihr Lutz Hansen

      • ,sie irren. ich liebe theater, sonst wäre ich in der politik nicht so involviert. sie sollte aber von denen bezahlt werden, die dieses theater lieben und nicht immer auf kosten der armen es genießen..

  8. Detlev Behrens
    wie wäre es mal mit dem versuch, ohne unterstellung zu argumentieren? an sich finde ich es ja putzig, als nestbeschmutzer der mittelschicht hier betrachtet zu werden. haben sie schon mal vom haus etwas abeißen können? ob ich jemanden finden werde, der meine nächsten hausreparaturen subventioniert? ich könnte ja zum dank theater spielen. sein oder nicht sein, dass ist hier die frage.esse aut non esse

  9. Exakt 110.601 Besucher im Jahr! Von solchen Zahlen für die Libeskind-Event-, Verkaufs- und Stadthalle an der Universitätsallee können die Leuphana Veranstaltungs- und Vermarktungsgesellschaft unter Nathalie Heinrich sowie die Leuphana GmbH unter Thorsten Kurtz, wenn Sie in 2018 oder 2019 tatsächlich mal ein, zwei oder drei marktfähige „Angebote ausgearbeitet, Preise kalkuliert und Formate entwickelt“ haben sollten, die nächsten zwanzig, dreißig Jahre doch nur träumen!

    Siehe: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/656032-leuphana-kaum-was-los-im-zentralgebaeude

    • Weit schweift der Blick zurück, um eine ähnliche Zahl zu finden!

      • Irgendwie ist Sascha Spoun nie so richtig in Lüneburg angekommen.

        Er entpuppte sich doch so manches Mal als eine Art Herr Tur Tur, der berühmte Scheinriese aus der Augsburger Puppenkiste, der riesig aus der Ferne, aber nur durchschnittlich groß aus der Nähe wirkt. Im Fall Zentralgebäude-Marketing waren die Ideen in der Theorie riesig und, je näher der Praxistest rückte, die Resultate oftmals leider mickrig.

  10. Über das gegenwärtige Theater kann man nur noch im Ennui sprechen: von ungezählten enttäuschten Erwartungen, von vergeudeten Abenden und einer Welt, die offensichtlich ihre Bedeutung verloren hat. Die schrumpfenden Publikumszahlen belegen das ebenso wie die große Theaterklage, die jedes Jahr anhebt, wenn die Kritiker Bilanz machen und wiederum eine „öde Saison“ registrieren, „mehr Pleiten als erlaubt“ oder „Melancholie im Theater“: Ein Rattenkönig der Mißerfolge, der Ärgernisse und der blanden Langeweile.

    Kein Zweifel, das Theater steckt tief in der Krise. Es hat keine Autoren, kein Publikum, kein Geld, keinen Nachwuchs. Die unentwegten Intendanten- und Dramaturgenkrisen mit all der lächerlichen Wichtigtuerei in ihrem Gefolge sind noch der vernehmlichste Existenzbeweis, dessen es fähig ist. Und doch fragt niemand, ob das Theater selbst nicht längst anachronistisch ist und ein veraltetes, bizarres Monument aus einer überholten Epoche. Immerhin könnte es an bestimmte künstlerische oder gesellschaftliche Voraussetzungen gebunden sein, die nicht mehr bestehen.

    Seine materiellen Voraussetzungen hat es ohnehin lange eingebüßt. Anders als im bürgerlichen Zeitalter, dessen elementare Theaterleidenschaft die Bühnen zu florierenden Unternehmungen machte, sind sie heute nur noch durch ein immenses Zuschußsystem aufrechtzuerhalten. Im Schnitt bringen sie knapp ein Viertel ihrer Etats aus eigener Kraft ein, kommt ein Opernbetrieb hinzu, ist es weit weniger. Der Etat des Lüneburger Theaters lag im Wirtschaftsjahr 2015/16 bei 8,9 Millionen Euro. 6,8 Millionen kamen in etwa zu 50 Prozent vom Land, zu 50 Prozent von Stadt und Kreis. Mit Umsatzerlösen von gut 1,5 Millionen Euro füllte das Theater die Kasse auf, sonstige betriebliche Erträge von 515.000 Euro kamen für Baumaßnahmen ins Haus. Nahezu 2,5 Milliarden Euro (oder 83,6 % der Kosten) steuert die öffentliche Hand (laut 50. Ausgabe der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins zur Spielzeit 2014/2015) jährlich dem theatralischen Betrieb in der Bundesrepublik bei — gewiß nicht zuviel, wenn er den Geist der Epoche, ihre Probleme, Bedürfnisse, Hoffnungen artikulierte.

    Statt dessen aber sind die Theater die in aller Welt beneideten Denkmäler einer Scheinkultur und im ganzen sicherlich nicht der Ort, an dem die Gesellschaft gleichsam mit sich selbst bekannt würde; sie sind viel eher und zunächst eine Stätte ziviler Repräsentation und unverzichtbar für die kommunale Komplettierung wie Rathaus, Kirche und Universitätszentrale. Eine Stadt kommt in Deutschland schwerlich auf ihren Begriff, solange sie kein Theater besitzt, und ein gut Teil der erwähnten 2,5 Milliarden dient dazu, ehrgeizigen Bürgermeistern, Verbandshäuptlingen oder Stadträten eine eindrucksvolle Kulturkulisse für die eigenen Auftritte zu verschaffen.

    Noch auffälliger wird die Entfremdung im gestörten Verhältnis des Theaters zu seinem Publikum. Von den ohnehin nur rund neun Prozent der Bevölkerung, die als Theaterbesucher gelten, ging in den zurückliegenden fünf Jahren jeder zehnte verloren; anhänglich blieb vor allem das ältere bürgerliche Publikum, teils aus unverwüstlicher Neigung, teils aus Statusgründen, und Frank Soldan meinte neulich zu Recht, im Theater fühle man sich meist wie auf einem Veteranentreffen. Stirnrunzelnd, mit apathischer Geduld, verfolgen pensionierte Chefärzte, Schuldirektoren und IHK-Präsidenten die Spielpläne und das fremdartige Geschehen auf der Bühne. Ihr Applaus ist eine Regung bürgerlicher Höflichkeit und hebt die stille Resistenz nicht auf, die es übt. Eine Umfrage in Hamburg ergab, daß nur ein Prozent des Publikums die Werke einheimischer Zeitgenossen wie Rebekka Kricheldorf, Felicia Zellers, René Pollesch, Ferdinand Schmalz, Wolfram Lotz oder Ewald Palmetshofer sehen will.

    Die Misere seiner verlorenen sozialen Funktion hat auch das Lüneburger Theater auf doppelte Weise zu verheimlichen versucht. Es gibt sich eminent jung und gegenwartsbewußt, auch wenn seine Jugendlichkeit etwas vom forcierten, neurotischen Schwung alternder Mätressen hat, die unsere Pietät eher als unsere Sinne in Anspruch nehmen.

    Das hat fatale Folgen: Vornehmlich geht es auf unseren Bühnen laut zu, unentwegt treten Massen an die Rampe, richten zornige Gebärden gegen einen imaginären Gegner oder traben schnaubend im Kreis, ehe sie, höhnisch auflachend, innehalten: Haha, der Klassenfeind! Natürlich ist man auch respektlos und treibt seine Clownerien mit den Klassikern, Shakespeare findet unterm Weihnachtsbaum mit Songs von Marlene Dietrich statt, der „Titus Andronicus“ wird, unter Assistenz eines margarinespuckenden Joseph Beuys, mit Goethes „Iphigenie“ verschnitten, und aus dem Kapitalistenhimmel Harpagons prasseln Talerstücke und Leichen: so billig sind Jugend und Gegenwartsbewußtsein zu haben.

    Daneben wird die abhanden gekommene Funktion des Theaters aber auch durch zunehmende Moralisierung der Bühne vertuscht. Das Vergnügen ist verpönt, die Moral führt Kalten Krieg gegen das Publikum. Wer könnte heute noch eine Vorstellung verlassen, ohne allerlei einfältige (Bruns’sche) Kalenderweisheiten als Wegzehrung zu erhalten: „Krieg ist schlimm!“, „Geld regiert die Welt!“, „Der kleine Mann zahlt immer!“, „Die Lobbyisten sind überall!“oder knapp, in der Sentenz eines Stücks von Wolfgang Bauer: „Die Wölt is nämlich unhamlich schiach!“

    Es sind Erkenntnisse, die den gegenwärtigen Theatermachern mit überwältigender Wucht aufgegangen sein müssen; denn sie pfropfen sie in unermüdlichem Repetitionszwang jedwedem Stückeschreiber jeder Zeit auf: „Wallenstein“ wird auf diese Weise zur dröhnenden Antikriegsfanfare, „Tasso“ zur Polemik gegen Goethes feudale Anpassungsneigungen, Molière zum Kritiker des Kapitalismus: Man hat den Klassikern nicht umsonst den Marx, den Marcuse und den Mitscherlich voraus oder den Feyerabend, den Ficino und den Foucault. Wer einen Begriff von der intellektuellen Armut und anmaßenden Blödigkeit gewinnen will, die sich da dem theatralischen Material nähern, hatte auch in Lüneburg manche Gelegenheit dazu, der brauchte gar nicht nach Hamburg ins Thalia zu fahren, um von Luk Perceval bestätigt zu bekommen, dass „Geld“ stinkt, dem hätte beispielsweise schon „Effi Briest“ in der Inszenierung von Achim Lenz genügen können, in der ein komplexes Zeitporträt auf den Konklikt von „bunter“ Lebenslust und „grauer“ Arbeitsfron zusammengedampft wurde. (https://www.landeszeitung.de/blog/kultur-lokales/537502-achim-lenz-lueneburg-effi-briest)

    Genaugenommen dekuvriert das Theater mit diesen Praktiken nicht nur die Krise, die es verbergen will; es offenbart damit auch seine Publikumsverachtung. Zwar ist es längst die Regel geworden, dem Widerstreben der Öffentlichkeit beleidigt zu begegnen und dem Verdummungsbemühen von TV, sozialen Medien und „Bild-Zeitung“ in die Schuhe zu schieben, was eigenes Unvermögen ist. Tatsächlich aber scheint es, als erfasse das Publikum genauer, daß die plakative, auf eine einzige agitatorische Dimension reduzierte Praxis ein Theater für unmündige Menschen ist, in dem das Parkett als dummer August dient, dem willkürliche Interpretationen autoritär verordnet werden.

    Daniel Kehlmann meinte gelegentlich, es komme nicht darauf an, besseres Theater zu machen, sondern „richtiges“. Doch was immer das europäische Theater gewesen ist: Es hat nie dazu gedient, Klein-Leute-Weisheit in Parolenform zu propagieren. Es hatte, wo es auf seine eigene Idee kam, mit dem Recht antagonistischer Positionen zu tun, mit unausweichlichen Konflikten, und seine Kritik entstammte einem gebrochenen Weltverständnis. Wer schlechthin alles vom Klassenegoismus determiniert sieht, den Pessimismus verwirft und Tragik als faschistoide Kategorie begreift, für den endet die Möglichkeit dessen, was Theater bisher war. Denn es hatte niemals „richtige“ Überzeugungen zu bieten, keine schlichte Moral und zog keine Fahnen auf — es sei denn als Studienratsdrama oder Passionsspiel.

    Es ist denn auch nicht auszuschließen, daß die Erscheinungen, von denen die Rede ist, den Beginn einer neuen Epoche des Theaters andeuten; doch müßte es dann auch neue, eigene Formen entwickeln, die über die subalterne Verunstaltung der traditionellen Bühnenliteratur hinausreichen. In der Tat hatts sich schon Peter Weiss kurz vor seinem Tod 1982 dem Modell von Oberammergau mehr und mehr angenähert, und man kann vor der Konsequenz, mit der er nicht zuletzt das eigene Talent sabotierte, menschlich nur Respekt äußern.

    Andere Versuche, den unterbrochenen Zusammenhang zwischen Theater und Gesellschaft wiederherzustellen, zielten auf die Eroberung neuer Publikumsschichten. Doch weil das Theater in der bestehenden Form seinem Wesen nach eine bürgerliche Institution ist, sind alle Anstalten gescheitert, die Jugend oder die Arbeiterschaft dafür zu gewinnen; die einen verwies der antibürgerliche Generationsaffekt auf theaterfremde Wege, die anderen blieben stets indolent gegenüber der bürgerlichen Kultur. Die Volksbühnenidee war ebenso ein Fehlschlag wie die Ruhrfestspiele oder etwa Weskers „Centre 42“, das mit Unterstützung der englischen Gewerkschaften Arbeiterfestspiele in allen größeren Industriestädten organisierte und in gewaltigem Katzenjammer endete. Die „kleinen Leute“, die einst schon „Die lustige Witwe“ den „Webern“ vorzogen, verzichten bis heute nicht auf den „Zigeunerbaron“ zugunsten eines Popanz aus Lusitanien oder sonstwoher. In Hildesheim plante der Intendant Ende der 70er mal Sondervorstellungen für Arbeiter und Angestellte. Aus 23, teilweise großen Betrieben meldeten sich 163 Interessenten, von 28 Betriebsratsvorsitzenden machten sechs von dem Angebot Gebrauch.

    Vor diesem Hintergrund gewinnt die Problematik der Subventionen einen neuen, schärferen Akzent. Denn es geht nicht um die Pfennigfuchserfrage, ob der Aufwand den Verhältnissen entspricht; auch nicht um die Subventionsgerechtigkeit, die beispielsweise den Schriftsteller fragen läßt, ob man seine Texte erst hersagen, singen oder inszenieren müsse, um in den Genuß regelmäßiger, nicht unerheblicher Bezüge zu gelangen (im Falle des Hamburger Opern-Intendanten und seines Stellvertreters beispielsweise rund eine Viertelmillion). Vielmehr zielt die Überlegung darauf, ob die Gesellschaft eine Institution stützen soll, die ihr weitgehend entfremdet ist und diese Fremdheit in eine besondere aufklärerische Sendung umstilisiert. Auch ist die Vermutung ja nicht unbegründet, daß die Subventionen der Entfremdung Vorschub leisten und gerade das hervorrufen, was Peter Brook einmal das „tödliche Theater“ genannt hat. In seiner vorhandenen Form spiegelt es jedenfalls weder die Gesellschaft noch ihr Problembewußtsein auf angemessene Weise wider und spielt, außer einer parasitären, keine Rolle mehr.

    Es ist das Relikt einer vergangenen Epoche. Aber mit dem Ende der bürgerlichen Ära, das die fortschrittlichen Theaterleute so lärmend proklamieren, ist auch das des bürgerlichen Theaters gekommen. Man muß Abschied nehmen.
    Das ist, für sicherlich nicht wenige, so schmerzlich wie andere Abschiede auch: der von der Beletage, von den Klassenschranken, der ehelichen Treue oder vom Dienstpersonal. Doch führt kein Weg daran vorbei. Die Bühnen hatten einst fast den gesamten Unterhaltungsstoff für die Welt in der Hand. Inzwischen sind ihnen längst, von Film, Fernsehen, Netflix und ungezählten anderen Einrichtungen eines weitverzweigten kulturellen Service-Systems, zahlreiche Konkurrenten erstanden, die ihre einstigen Funktionen weitgehend übernommen haben. Die Krise des Theaters ist Ausdruck dieses Sachverhalts.

    Immerhin besteht ein begründetes Bedürfnis, die unvergeßliche Leistung des historischen Theaters zu bewahren. Wer diesem Bedürfnis gerecht werden will, muß vom musealen Charakter der Institution und ihres Materials ausgehen. Unter den Möglichkeiten, die sich für ein neues, zeitgerechteres Theatersystem anbieten, ließe sich wohl am überzeugendsten für eine Art Nationaltheater plädieren, das, hochsubventioniert, im Stil eines Museums die Theaterliteratur unverfälscht zur Anschauung brächte und dem Besucher einige Gewähr dafür böte, unter dem Titel „Faust“ nicht eine Polemik für Unisex-WCs in Berliner Behörden oder als Kleistsche „Penthesilea“ kein Oratorium über Gender Mainstreaming vorgesetzt zu bekommen.

    Der leidigen Standortfrage, der ein Land ohne Hauptstadt sich gegenübersieht, ließe sich durch drei oder vier über das Bundesgebiet verteilte Häuser begegnen, und so irritierend der Gedanke zunächst erscheinen mag, es lohnte, über seine Vorzüge nachzudenken. Auch ist er keineswegs ohne Vorbild: Im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm, das das Erbe Bertolt Brechts verwaltet, ist dieser museale Typus erstmals verwirklicht worden.

    Daneben sollte sich in aller Breite und Vielfalt, die es aufzubringen vermag, ein wirklich modernes Theater entwickeln. Es sollte, wie ungewohnt ihm das vorkommen mag, das Interesse des Publikums zu gewinnen versuchen, nicht bloß die öffentlichen Etats. In Recklinghausen wurde vor Jahren verlangt, das Theater solle eher eine Werkstatt als ein Museum sein. Die situationsgerechte Lösung verlangt das Museum wie die Werkstatt. Ohnehin werden die theatralischen Bemühungen Peter Handkes und anderer damals jüngerer Dramatiker vorwiegend auf Experimentierbühnen aufgeführt, und auch hier ist wiederum die Konsequenz von Peter Weiss zu rühmen, der die Aufführung seines „Viet-Nam-Diskurses“ in den Schauspielhäusern als Notbehelf betrachtete und es eher auf öffentlichen Plätzen oder in Fabrikhallen gespielt sehen wollte; er wohlgemerkt, nicht das Publikum.

    Was ginge tatsächlich verloren, wenn das Theater in seiner bestehenden Form endete? Gewiß nicht die Kultur, als deren Sachwalter es sich aufführt; und gewiß auch litte das öffentliche Bewußtsein keinen Schaden, weil das Theater nichts dazu beiträgt. Max Frisch jedenfalls fand die Vorstellung vom plötzlichen Ende des Theaters „belebend“.

    Vieles würde auch überdauern: nicht weniges darunter, was sich durch Leistung auswiese und seine Legitimation nicht aus der puren Publikumsverhöhnung herleitete. Was tatsächlich endete, wäre die Unerträglichkeit oder, wie die modische Vokabel lautet, Obszönität eines Systems, das es erlaubt, daß in piekfeinen Stadttheatern ein piekfeines Publikum sich von piek-progressiven Theaterleuten subventioniert en canaille behandeln oder zum Narren halten läßt.

    Zweifellos müßte die Abschaffung des subventionierten Theaters mit Abwehrreaktionen rechnen; vereint erschienen die Nutznießer des Systems zum Protest: Honoratioren, Praeceptoren der Nation, Gesellschaftsumkrempler, sie alle Hand in Hand. Doch hätte der Plan auch mit dem Widerstand zu rechnen, der aus der tiefverwurzelten deutschen Neigung zum Theater stammt.

    Denn als eine vorwiegend kultische Kunstübung, die das Publikum wie zum Gottesdienst versammelt und die selten gewordenen Wonnen der Massenüberwältigung verschafft, hat es in diesem Lande, selbst in seinen desolatesten Erscheinungen, immer noch freigebigere Mäzene gefunden als beispielsweise der ans individuelle Bewußtsein appellierende Roman; und der Dichter, vornehmlich der Dramatiker, galt hier immer mehr als der Schriftsteller, Wildenbruch mehr als Fontane, Brecht mehr als Thomas Mann. Die Unangefochtenheit des Theaters beruht nicht zuletzt darauf, daß es seiner Natur nach gerade nichts mit dem Fortschritt im Bewußtsein zu tun hat, daß es Erhebung viel eher als Aufklärung, magische viel eher als rationale Erfahrungen bietet und seelische Ausnahmezustände ermöglicht: Es ist der Idee nach die Trennung von Kunst und Realität, Kunst und gesellschaftlicher Wirklichkeit, der Triumph des Scheins über den Alltag.

    Niemand hat diesen Charakter des Theaters so erfaßt, gesteigert und ausgebeutet wie Richard Wagner. Theater ist durch ihn in Deutschland immer „Bühnenweihfestspiel“, und selbst wo es sich heute plebejisch aufführt, holt es seine heimliche Wirkung gleichsam aus dem Schauder des Sakrilegs. Insofern partizipieren noch immer alle an der Idee des alten Theaters; für die einen ein Objekt verklärender Erinnerung, ist es den anderen nützlich als Gegenstand der Zerstörung; aber irgendwann wird die Erinnerung erlöschen und nichts Zerstörbares mehr sein. Denkbar, daß dann selbst das museale Theater keine Aussicht mehr besitzt. Theater muß nicht sein.

    • Theater muß nicht sein?
      Jedenfalls eine Exzellente Lagebeanalyse! Eine ebenso eloquente und gut unterrichtete Verteidigungsrede würde ich mir wünschen, die Theater nicht wieder nur wie sauer Bier als einen Vermarktungsfaktor für die Fremdenverkehrsförderung anpreist, sondern seine Notwendigkeit mit Gründen plausibel macht.
      Eine Agonie, die nun schon seit vierzig bis fünfzige Jahren anhält.

    • Kalenderweisheiten als Wegzehrung ,tja,hochmut kommt vor dem fall.so klingen nun mal volksweisheiten. ein,,künstler,, darf sie von sich geben,die kunst deckt ihn.

    • allerlei einfältige (Bruns’sche) Kalenderweisheiten
      ich frage mich immer, warum haben selbsternannte intelligenzbolzen es immer nötig , so zu argumentieren? versucht er nur von sich abzulenken? nein! er versucht sich wichtig zu machen.

      • Hallo Klaus Bruns,

        wie hatte Claudius Becker so schön geschrieben: „Auch der arme K. B. übrigens besaß, was die Verbesserung der Weltverhältnisse angeht, einen geradezu Olaf Meyerschen Sinn für Lokalpatriotismus und dafür, daß einem das Maßhemd näher ist als die Hose von der Stange.“ (https://jj12.wordpress.com/2017/07/14/warum-es-manchen-alt-linken-so-schwer-faellt-sich-von-gewalt-zu-distanzieren/#comment-904)

        Wenn, um mit Büchner zu reden, seine eigenen Phrasen beim Wort genommen werden, wird aus dem schimpfenden Theaterschleifer also plötzlich ein glühender Verteidiger der „zunehmenden Moralisierung der Bühne“? Wo „das Vergnügen verpönt ist und die Moral Kalten Krieg gegen das Publikum“, Ihre Mittelschicht nämlich, führt? „Wer könnte heute noch eine Vorstellung verlassen“, schreibt Joachim, ohne allerlei einfältige (Bruns’sche) Kalenderweisheiten als Wegzehrung zu erhalten: „Krieg ist schlimm!“, „Geld regiert die Welt!“, „Der kleine Mann zahlt immer!“, „Die Lobbyisten sind überall!“ oder knapp, in der Sentenz eines Stücks von Wolfgang Bauer: „Die Wölt is nämlich unhamlich schiach!“

        Das regt Sie auf? Da fühlen Sie sich durchschaut? Da wurden Sie beim Dreschen von leerem Wörterstroh ertappt?

        Ja ist das denn nicht das großartigste Kompliment, das ein Betonkopf der billigen Wahrheiten, der in den Kritikastereien seiner kleinen Vernunft eingespert ist, aber gerne zum freien Reppenstedter Weltgeist werden würde, dem Theater machen kann?

        An Ihrer Stelle würde ich mich schleunigst um ein Premierenabonnement für Schauspiel und Oper in der Saison 2017/18 bemühen!

        Hier geht’s zur Kasse: http://www.theater-lueneburg.de/sitzplan-preise/

        • Uta Horn
          falsch verstanden, ich habe mir nur eine frage gestellt. ich kann sie jetzt beantworten, aber warum soll ich hier perlen vor die säue schmeißen? bieten sie eine vermeindliche volle hülse, ich merke es immer, wenn sie doch nur leer ist. dann antworte ich, für dumme anmache fühle ich mich einfach zu schade. sie nicht?

          • Sie haben nicht nur eine Frage gestellt, Herr Bruns. Und Sie können sie auch nicht beantworten. Außerdem merken Sie gar nichts. Versuchen Sie nur, von sich abzulenken? Nein, Sie versuchen, sich wichtig zu machen.

            Ich bleibe bei meiner Empfehlung. Gehen Sie öfter mal ins Theater. Auf der Bühne werden Sie aufregenderen Figuren, aber immer wieder auch sich selbst begegnen.

            Man treibt das Zuschaun von den Rängen
            Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
            Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt
            Und nach und nach wird man verflochten;
            Es wächst das Glück, dann wird es angefochten
            Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,
            Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.
            (…)
            In bunten Bildern wenig Klarheit,
            Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
            So wird der beste Trank gebraut,
            Der alle Welt erquickt und auferbaut.
            Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte
            Vor sinn’gem Spiel und lauscht der Offenbarung,
            Dann sauget jedes zärtliche Gemüte
            Aus solchem Werk sich melanchol’sche Nahrung,
            Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt
            Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.

        • ich breche hier mal eine lanze für herrn bruns. er war nie bei einer behörde angestellt und sieht deshalb in erster linie tatsächlich in die richtung. kann man ihm nicht vorwerfen. mit vielem hat er recht. sein blickwinkel ist natürlich eingeschränkt. auf dem sogenannten freien theatermarkt geht es anders zu.wölfe sind da nur schoßhunde. deswegen sind ja auch einfaltspinsel in der frührente nich in der lage, die wirtschaftszwänge und ihre gemeinheiten zu erkennen. damit meine ich nicht herr bruns, damit keine irrtümer auftreten, dieses werfe ich boris becker , anikò hauch fdp und anderen vor.

      • Sie fragen sich immer, „warum haben selbsternannte intelligenzbolzen es immer nötig , so zu argumentieren?“ Und Sie antworten: „versucht er nur von sich abzulenken? nein! er versucht sich wichtig zu machen.“

        Das halte ich aber mal für eine zutreffende (wenn auch sicher unfreiwillige) Selbsbeschreibung des großen Klaus aus dem Hause Bruns im Reppenstedter Dichterviertel.

    • Vielen Dank für die klaren Worte, Herr Harth!
      Für die Krise sind die hochsubventionierten Theater zu einem großen Teil selber verantwortlich. Alle wollen zur Avantgarde gehören, «postdramatisches Theater» machen, wie es im Fachjargon heißt. Das bedeutet: Stücke werden bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, der klassische Bildungskanon wird mit einem ironischen Unterton belegt, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den alten Stoffen gilt als bieder. Das höchste der Gefühle ist, wenn ein populäres Stück von einem aus Berlin eingeflogenen «Starregisseur» völlig entstellt wird, wie dies zurzeit am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg bei Michael Thalheimer mit Heinrich von Kleists Klassiker «Der zerbrochne Krug» aus dem Jahr 1808 der Fall ist (Premiere am 25/03/2017, nächste Vorstellung am Fr, 06/10/2017 / 20.00 Uhr).

      • Gastleser,
        leider haben sie recht. die netteste behauptung ist immer:sie scheinen das stück nicht verstanden zu haben. hm hm. deswegen antworte ich nicht mehr auf unterstellungen und beleidigungen. ob von studenten, oder theaterintendanten. schmunzeln.

        • Sehr gut, Herr Bruns,

          dem Gruppendruck des Establishment entschlossen sich zu verweigern und den Zwang zum Bedeuten per inverser Dialektik ins Bedeuten des Bedeutungslosen hinüberzureflektieren, ist dem gemäß, der weiß, für das Glück des Harmlosen muss heute ein Blick einstehen, der aufs Grauen insgesamt geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Kein Kunstwerk, kein Gedanke hat eine Chance zu überleben, dem nicht die Absage an den falschen Reichtum die erstklassige Produktion, an Farbenfilm, Facebook und Fernsehen, an Millionärmagazine und Toscanini innewohnte. Was schön sein soll, nur weil es lebt, ist eben darum bereits das Häßliche. Ungerechtigkeit ist das Medium wirklicher Gerechtigkeit. Uneingeschränkte Güte wird zur Bestätigung all des Schlechten, das ist.

          Das war jetzt ohne Maulkorb für den Willen dahingesagt, Herr Bruns.

          Aber lassen Sie uns nun einmal die Logik als einen Steigriemen für den Geist nutzen: damit Studenten oder Theaterintendanten Ihnen gegenüber „immer“ behaupten können: „sie scheinen das stück nicht verstanden zu haben“, müssen Sie es doch zuvor angeschaut haben! Also praktizieren Sie entweder heimlich, was Sie hier öffentlich so vehement verurteilen (den exzessiven Theaterbesuch als ein Vertreter des Mittelstands nämlich), oder Sie stänkern die ganze Zeit gegen etwas, das Sie aus eigener Erfahrung gar nicht kennen und schwindeln uns darüber hinaus noch die Hucke von Intendanten, Politikern und Studenten voll.

          Beides würde einem kritischen Reppenstedter Popperianer und Ehrenmann wenig gut zu Gesicht stehen und ihn auf bedenkliche Weise in die unmittelbare Nähe all der Windbeutel rücken, denen er in den Leserbriefspalten der LZ mit scharfem Gebell nachsetzt.

          Ihre Freundin Anikó Hauch, Ortsvorsitzende des FDP-Ortsverbands Gellersen und frisch gekürte Beisitzerin im Kreisvorstand des Lüneburger Kreisverbands Freier Demokraten, der auf seiner Mitgliederversammlung vom 29.März 2017 in der Wassermühle Heiligenthal Berni Wiemann in Anwesenheit des liberalen Bundestagskandidaten Dr. Edzard Schmidt-Jortzig mit großer Mehrheit zum Kandidaten des Wahlkreises 49 für die Landtagswahl am 14. Januar 2018 wählte, hat in einem ihrer mitreißenden Grußworte einmal formuliert:

          „Am unerbittlichsten wüten wir offensichtlich meist gegen die, die uns bis auf’s Haar gleichen.“

          • vor sehr langer zeit gab es im lüneburger theater,, mutter courage und ihre kinder,,. für so manche hier wäre es wohl gut gewesen, es auch gesehen und gehört zu haben. ich kann es sehr empfehlen. aber verwechseln sie da nicht was? die wühlmäuse kommen auch ohne subventionen aus. und warum machen sie so gern reklame für die fdp? mitglied?

  11. Elena Schünemann

    Kann mir mal einer verraten, was der junge, müde Ben Becker-Typ auf dem Foto oben in der riesigen Ohrmuschel zu suchen hat?

    Muss in Lüneburg eigentlich alles größer sein als in Uelzen, Amelinghausen oder Bardowick?

  12. nur mal so am rande, ich streite mich gern um die sache, wer dabei persönlich wird, zeigt mir nur, er hat es nicht begriffen. für einen studenten wäre es ein armutszeugnis. über das einzige ,wo ich mich drüber aufrege, ist die dummheit, egal aus welcher richtung sie kommt. Berni, was meinen sie? kalenderweisheiten, wer hat sie erfunden?

    • Klaus Bruns, über das einzige ,wo sie sich drüber aufregen, ist die dummheit? da haben sie aber auch allen grund zu!

      Zwei mal drei macht vier
      Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
      Ich mach‘ mir die Welt
      Widdewidde wie sie mir gefällt ….

      Das ist das Prinzip so ziemlich all Ihrer Einlassungen hier. Heute hü und morgen hott. Mal so und mal das genaue Gegenteil. Hauptsache das Revier markiert. Im Dreckauskübeln rundherum über alle Köpfe sind Sie groß, aber wenn Sie selbst ein paar Spritzerchen abbekommen, reagieren Sie dünnhäutig wie nur irgendeiner von denen, die Sie gern als Politiker verhohnepipeln und von denen Sie sich nur dadurch unterscheiden, dass die sich einsetzen und nölen, während Sie nur rumsitzen und nölen.

      Wer die Kalenderweisheiten erfunden hat? König Midas hatte seinem Barbier verboten, weiter zu verbreiten, dass ihm Eselsohren gewachsen waren, die er unter seinen Haaren verbarg. Doch der Barbier konnte das Geheimnis nicht für sich behalten und rief es in ein Erdloch. Die Binsen aber, die dort wuchsen, flüsterten es weiter (eine Beobachtung des Geräuschs wehender Binsen), bis alle Binsen davon sprachen und alle Welt es wusste – es war zur „Binsenwahrheit“ geworden. Dann kamen Esel, Klaus Bruns, die jeden Tag wiederholten „Krieg ist schlimm!“, „Geld regiert die Welt!“, „Der kleine Mann zahlt immer!“, „Die Lobbyisten sind überall!“. So sind aus den Binsen- durch 365-maliges Iahen im Jahr die Kalenderweisheiten geworden.

  13. Dummheit zeigt sich in solchen Nonsense-Sätzen: „über das einzige ,wo ich mich drüber aufrege, ist die dummheit“ Unerträglich !

    • Spruch des Tages der LZ
      Moral, ein
      Maulkorb für den
      Willen; Logik, ein
      Steigriemen für den
      Geist.“
      Von Franz Grillparzer
      (1791 – 1872), Wiener Hofkonzip

      SPRUCH DES TAGES(von Gestern)
      „Was soll mir
      das Lob von
      Menschen, welche
      nicht tadeln
      können?“

      • Klaus Bruns
        falsch verstanden, niemand hat sie gelobt, bruns. sie haben sich nur eine frage gestellt. ich kann sie jetzt beantworten, aber warum soll ich hier perlen vor die säue hinschmeißen? bieten sie eine vermeindliche volle hülse, ich merke es immer, wenn sie doch nur leer ist. dann antworte ich, für dumme anmache fühle ich mich einfach zu schade. sie nicht?

        p.s.: der grillparzer-spruch klingt, als hätte der von holm keller für martin winterkorn sein neoliberales poesiealbum gemeint gewesen sein würden oder daraus hervor stammen.

        schönen gruß vom mittelstand dachtmissen

  14. Diskutiere NIE mit Dummen .. sie ziehen Dich auf ihr Niveau herab und schlagen Dich mit Erfahrung !! Soll heißen … lasst es, es bringt nichts. Auch wenn es schwer zu glauben ist.

    • Ok, Ron.

      Eine Antwort spare ich mir dann einfach.

      • Josefine
        benehmen soll für manche glücksache sein. haben sie welches? Ron hat doch hier recht. deswegen, was soll eine diskussion mit menschen bringen, die zwar sich für das theater einsetzen, selbst aber völlig kulturlos sind? bei diesen menschen steht die persönliche anmache ganz hoch im kurs. da fallen mir gleich eine menge theaterstücke ein, die dieses thema aufgreifen. es darf hier gern weiter auf diesem niveau sich,,unterhalten,, werden. ich klinke mich hier jetzt aus. möchte da nicht weiter stören. schmunzel.

  15. Das Angenehme und das Nützliche

    sind nicht nur in der Lüneberger Theaterwelt häufig unvereinbar!

    Den Widerspruch zwischen sich ausschließenden ästhetischen Bedürfnissen auszuhalten, bis dereinst eine bessere, sie aufhebende Ordnung der Dinge vom Himmel fallen möge, ist Aufgabe aller heute Denkenden. So kann ich entweder vierlagiges Luxus-Komforttoilettenpapier kaufen ODER in einem schnieken Altbau mit leider historisch viel zu knapp bemessenen Abwasserrohren leben. Mögen spätere Generationen unserer Leiden eingedenk sein.

    Leo Fischer aus dem frisch bezogenen Viskulenhof

  16. Auch unsern Lüneburger Jung‘, Christoph Meyer, der noch bis 2024 Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein bleibt, muss sich mit solchen kindisch „modernen“ Anverwandlungen auseinandersetzen:

    „Den kritischsten Moment am Rhein musste Meyer durchstehen, als er 2013 nach wütenden Protesten eine „Tannhäuser“-Inszenierung stoppte. Szenen wie eine realistisch dargestellte Erschießungsszene schockten das Publikum, einige mussten zum Arzt. Der Regisseur weigerte sich, sein Konzept zu entschärfen, Meyer ließ die Produktion daraufhin nur noch konzertant aufführen, worauf ein Shitstorm auf ihn niederging.“(https://www.landeszeitung.de/blog/kultur-lokales/884942-der-lueneburger-am-rhein)

    Die Premiere des Tannhäuser hatte wegen der krassen Darstellung von Nazi-Morden durch SS-Schergen und Tod in Gaskammern Empörung bei vielen Zuschauern ausgelöst. Die jüdische Gemeinde in Düsseldorf hatte die Inszenierung als geschmacklos kritisiert.

    Die Zuschauer der Premiere reagierten mit Buh-Rufen und verließen teilweise den Saal. Der jüdische Gemeindedirektor Michael Szentei-Heise sagte in Bezug auf die Premiervorstellung, Wagner sei zwar ein „glühender Antisemit“ gewesen. Aber dem Komponisten dies „auf der Bühne so um die Ohren zu schlagen, halte ich für nicht legitim“.

    In einer Mitteilung im Namen Meyers hieß es: „Mit allergrößter Betroffenheit reagieren wir jedoch darauf, dass einige Szenen, insbesondere die sehr realistisch dargestellte Erschießungsszene, für zahlreiche Besucher sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar so starken Belastung geführt haben, dass diese Besucher sich im Anschluss in ärztliche Behandlung begeben mussten.“

    Zwar wolle eine stehende Schaubühne wirken.

    Aber eine so extreme Wirkung könne ein Theater dann doch nicht verantworten.

    • Arno Ludwig
      so ist das nun mal, die gleichen menschen, die hier sich entrüstet haben, essen fleisch. wenn man ihnen im theater schlachtszenen genau so vorspielen würde, gäbe es ebenfalls gejammer. die wirklichkeit kann eben sehr brutal sein und deswegen wird sie oft verdrängt. die frage ist doch nur: wo zu soll theater dann gedacht sein? nicht zum nachdenken? doch nur zum amüsieren? wer ins theater geht, sollte auf alles gefasst sein, finde ich.

      • Schlachtszenen auf dem Theater sind doch keine Schlachtszenen in der Wirklichkeit, Herr Bruns! Auch wenn die noch so genau vorgespielt werden.

        Christoph Meyers Schauspieler in Düsseldorf sind doch von ihren SS-Kollegen nicht voll in Echt erschossen worden. Ich meine, können Sie sich vorstellen, was das dem Theater allein an Personalkosten pro Abend gebracht hätte?

        Das wär ja fast so wie mit meiner Brille. Seit ich ’ne Brille habe, denken auf einmal einige Menschen, daß ich ’ne richtig schöne Frau wäre, wenn ich die Brille nicht hätte. Aber als ich die Brille noch nicht hatte, waren sich viele Menschen sicher, ich wäre noch häßlicher, wenn ich noch dazu ’ne Brille hätte.

        • Kirsten Fuchs

          Ich meine, können Sie sich vorstellen, was das dem Theater allein an Personalkosten pro Abend gebracht hätte?
          kann ich. schmunzeln. bei unserer friedhofsatzung wird es richtig teuer.

  17. Hey, Theaterkasse-Lüneburg

    »Unsere Mitarbeiter befinden sich derzeit alle in einem Kundengespräch«, läßt Du Deine Telefon-Warteschleife beschwichtigend flöten, und natürlich sieht man sofort ein, daß sich da mit irdischen Mitteln praktisch überhaupt nichts machen läßt. »Kundengespräch«, das Wort hat schließlich den bezwingenden Klang von barem Geld. Aber könntest Du nicht vielleicht doch, durchaus auch mit Blick auf Deinen Profit, Deine fast 10 000köpfige Mitarbeiterschar auf mehrere Kundengespräche gleichzeitig verteilen?

    Für weitere Ratschläge bitte die »1« drücken!

  18. Ganz einfach falsche Eintrittspreise. 2,50 € je Besucher mehr und schon passt es. Um das Defizit von diesem Jahr mit auszugleichen, nächste Spielzeit 2,50 € Eintrittspreise erhöhen und wenn die Personalkosten weiter ausgeweitet werden, noch ein wenig mehr erhöhen.

  19. wäre der theatermann von mansberg bereit, eine einladung von mir nachzukommen? kulturbanausen reden viel, machen selbst aber wenig. ob die lz mein angebot weiter reicht?