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Jacob Schweigler prüft eine Einstellung. Am Tisch warten Hubertus Schmidtke (li.) und Daniel „Barry“ Brach auf ihren Einsatz. Foto: be

Kein Geld, viel Herz

Lüneburg. Erst einmal bleibt die Küche kalt. Keine Tagliatelle, kein Tiramisu. Aber an den Tischen sitzen Männer und Frauen, und ein Kellne r, der Herr Schmidtke mit dem wallenden Haar, ist auch schon da. Er bedient ein Paar, das eigentlich keine Augen für die Karte hat, keine für den Blick aufs Wasser, sondern nur für die Augen gegenüber. Sie versinken ineinander. Die Luft britzelt. . . „Cut! Danke! Sehr gut!“, ruft Simon Schweigler. Alles nur gedreht.

Sie werden die Szene beim Italiener am Stint mehrmals wiederholen, am Ende taugen die Aufnahmen von Kameramann Jacob Schweigler für vielleicht 15 Sekunden in einem Video, das die Band Black Stains in der Stadt drehte – Zielort YouTube.

Das Videoportal ist ein gigantisches Unternehmen und Teil von Google, beide besetzen im Internet nahezu eine Monopolstellung. Auf YouTube landen, wenn man den Daten trauen darf, pro Minute 400 Stunden Film. Viel Schrott und Gelaber, einiges Gute. Der tägliche Video-Tsunami bietet ein Angebot von Musikclips bis Schminktipps, von Kunstkanälen über Verschwörungstheorien bis zu Satiren wie „Germany second“. Für Bands ist YouTube nach wie vor der Kanal, auf dem sie sich zeigen und sich hören lassen.
Die Black Stains kommen aus Buchholz. Sie sind zu dritt: Samuel Minio (Gesang, Gitarre), Dominik Minio (Bass), Jona Krall (Schlagzeug). Sie machen seit knapp zehn Jahren guten Lärm, von nervösem Bass getrieben, oft zu zweit singend. Alternativer Funk/Metal/Rock – so ordnen sie sich selbst ein. Referenzgrößen sind Rage Against The Machine, Billy Talent und andere.

Das Video, das sie in Lüneburg drehen, bebildert den Song „Attention“. Es ist nicht das erste Bandvideo, das auf YouTube läuft. Am besten läuft „Game Over“ mit bisher 3046 Aufrufen. Das ist okay, aber bis zum Ruhm ist der Weg weit. Zum Vergleich: Mit knapp 3 Milliarden Aufrufen ist das Musikvideo von „See You Again“ von Wiz Khalifa das bisher meistgeklickte.
Es ist 11.30 Uhr, das Team aus Freunden und Familie packt zusammen. Die ersten Mittagsgäste trudeln im Restaurant ein. Regisseur Simon Schweigler, der an der Leuphana sein Lehrerstudium beendet, entspannt sich kurz, später wird es bei einem Coffeeshop weitergehen. Auf dem Wasserturm, beim Solespeicher und in einem Hotel waren sie schon und im Ambrosiuskeller, einem der ältesten Teile des Rathauses. Keller muss sein, denn die Geschichte, die Song und Video erzählen, besitzt finstere Züge.

Lüneburg wird auch in Szene gesetzt

Die ganze Geschichte spielt sich im Kopf des gepeinigten Barry ab; es gibt den Gegenwarts- und den Vergangenheits-Barry. Der Gegenwärtige geht durch Türen zurück in seine Erinnerung, sieht, wie sich seine Freundin einem anderen zuwendet, erinnert sich an glückliche Zeiten und gerät in einen Zustand nackter Verzweiflung. Das ist alles etwas klischeehaft, klar, aber es rockt, die Band wird immer wieder dazwischengeschnitten werden. Effekte werden das Video aufpeppen.
„Wir wollen dabei auch Lüneburg in Szene setzen“, sagt der Regisseur, der einige Erfahrung mitbringt, was durch präzise Anweisungen deutlich wird. Lüneburg in Szene setzen, das machten auch gerade die Punk-Rock‘n‘Roller von Exat, bei denen sogar der Text die Stadt preist.

Black-Stains-Sänger Samuel sagt: „Es wird das professionellste Video, das wir bisher gemacht haben.“ Simon Schweigler fügt hinzu: „Wir drehen trotzdem auf Ultra-No-Budget-Ebene“, es ist ein Herzensprojekt.“ Sie haben einen Plan, einen sehr detaillierten. Sie haben Statisten, und für das Paar, das sich da anschmachtet, fanden sie zwei junge Schauspieler: Sara Luise Krutein und Daniel „Barry“ Brach. Hach, können sie tief blicken!
Nach dem Dreh kommt der Schnitt, eine aufwendige Sache bei Musikvideos. Es soll viel rein, die Musik muss passen, die Geschichte will abgerundet sein und nach vier Minuten ist alles vorbei. Den Rest bzw. den Erfolg zeigen die Klicks bei YouTube – voraussichtlich ab Ende August.

Von Hans-Martin Koch