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Cora Korte hat die Stipendiatenwohnung im Roten Hahn in ein Atelier verwandelt. Foto: t&w

Chiffren des Lebens

Lüneburg. Erst einmal hat Cora Korte alles umgekrempelt. Raus mit der Gemütlichkeit, rein mit der Arbeit. Das schnuckelige Häuschen im Rote-Hahn-Stift ist ja ni cht für Ferien da. Wer hier auf Zeit wohnen darf, soll malen, malen, malen. Cora Korte ist als neue Uwe-Lüders-Stipendiatin eingezogen und hat im oberen Geschoss die Teppiche aufgerollt, die Möbel weggeräumt, die Böden abgeklebt und auch die Heizung, rundherum Tische aufgestellt und sich so den verwinkelten Raum zueigen gemacht. Das dauerte Tage. Jetzt wird gemalt.
Cora Korte kommt aus Kiel, hat viele Ausstellungen bestückt. Eine hieß „Korte – Korte – Korte“. Vater Korte, emeritierter Professor für Kunst, war dabei und Suscha, Cora Kortes Schwester, die in Köln als Künstlerin lebt. Kunst also bestimmt schon immer das Leben der Familie. „Ich wusste, dass ich Malerin werde, seit ich zweieinhalb Jahre alt war. Oder Topfbauerin“, sagt Cora Korte, so also ist es in der Familie überliefert.

Geboren ist sie in Flensburg, studiert hat sie in Kiel, heute betreibt sie ein Atelier in Kiel. Es muss was dran sein am Norden. Obwohl sie ja auch Barcelona liebt, und in Berlin hat sie ebenfalls ein Atelier eingerichtet. Nun aber erst einmal Lüneburg, eine Stadt, die sie noch nicht kannte.
„Für mich ist es das erste Mal, dass ich mich nur um meine Arbeit und mich kümmern kann und das in einem Umfeld, das ich nicht kenne“, sagt die Malerin. Sie kann bereits eine Erkenntnis der ersten Tage benennen: „Ich stelle fest, dass sich die Ruhe hier sehr positiv auswirkt, ich komme leichter in den Flow“ – also in ein konzentriertes, vom Drumherum ungestörtes Fließen des Tuns.

Sie arbeitet diszipliniert, zu festgelegten Zeiten. Das mag sich darüber entwickelt haben, dass sie drei Kinder ins Leben brachte. Da heißt es, mit der Zeit für sich selbst hauszuhalten. Nun ist Zeit. Aus dem Radiorecorder, der nur auf dem Fußboden Platz gefunden hat, laufen Songs von Tracy Chapman, Bilder stehen auf einer Staffelei, da muss das Öl trocknen, kleinere skizzenhafte Werke warten auf ihre Fortsetzung, ein Heer von Farben hat sich auf einem Tisch versammelt.

Brachten die bisherigen vier Lüders-Stipendiatinnen vorwiegend das Thema Landschaft auf Papier und Leinwand, so ist das nun anders. „Mich interessiert das nicht so sehr, eher: Wie fühlt sich ein verregneter Tag an? Wie ist die Stimmung in der Nacht an einem fremden Ort?“ Cora Kortes Bilder wollen entschlüsselt werden. „Ich setze um, was für mich Leben bedeutet.“ Das führt zu gegenständlichen Chiffren und Abstraktion, mischt Ausformuliertes und Spontanes. „Leben setzt sich aus vielen Dingen zusammen, die gleichzeitig passieren können“, sagt sie. Viele Bilder werden zu Collagen, mitunter werden sie grob zusammengenäht. Die Nähmaschine ist einsatzbereit.
Cora Korte also zeigt, dass Leben eine komplexe Angelegenheit ist. Vielschichtig wie ihre Motive ist ihr Vorgehen. Schicht um Schicht wird Farbe aufgetragen, die Bilder wachsen. Wie unterschiedlich Farbe wirkt, zeigt sie besonders deutlich mit Hinterglasmalerei auf Acrylglas.

Mit ihren Bildern öffnet sie Assoziationssräume, ausgehend von ihren eigenen. Darin stecken Erinnerungen an ein vergangenes Lebensgefühl ebenso wie aktuelle Beobachtungen. Betrachter, so ist das meistens in der Kunst, müssen und sollen ihren eigenen Zugang finden. Was das Stipendium mit Cora Kortes Kunst macht, ist noch nicht abzusehen. Lüneburg aber scheint für sie ein gutes Pflaster zu sein. Ob das stimmt, wird eine Korte-Ausstellung zeigen und ein Katalog dokumentieren.

Von Hans-Martin Koch

Hintergrund: Der Stifter und seine Ziele

Die Treuhandstiftung Uwe Lüders, angedockt bei der Sparkassenstiftung Lüneburg, bietet Maler(inne)n ein dreimonatiges Arbeitsstipendium. Ziel ist es, Künstlern aus dem norddeutschen Raum während des Stipendiums wirtschaftlichen Druck zu nehmen und optimale Arbeitsbedingungen zu bieten, damit sie Perspektiven für ihren Werdegang entwickeln können. Verbunden mit dem Stipendium ist ein monatlicher Zuschuss in Höhe von 1500 Euro und das kostenfreie Wohnen im Roten Hahn mit einer Sechs-Wochen-Präsenzpflicht.

Der Stifter Uwe Lüders ist seit 2004 Vorstands­vorsitzender bei der Possehl Unternehmensgruppe. Stipendiatinnen vor Cora Korte waren Anke Gruss, Ulrike Walther, Sonja Jannichsen und Conny Stark. Jannichsen stellt vom 4. bis 6. August in der KulturBäckerei aus.