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Orchestercamp probt in der Turnhalle

Lüchow/Lüneburg. Der Wege zur Musik sind viele. Und sie wirken manchmal im Rückblick wie ein Zufall. Darüber können Teilnehmer des Internationalen Orchestercamp s in Lüchow berichten.

Zum Beispiel Ling-Han Tsao aus Taiwan. Er hat die klassische Musik des Westens als Kind im Auto entdeckt, wenn er mit seiner Mutter in den Kindergarten fuhr. „Wir haben immer ein Klassik-Quiz gehört“, sagt der 23-Jährige. Mit dem Beginn der Grundschule wandte er sich der Percussion zu.

Der ein Jahr jüngere Ricardo Ross aus dem brasilianischen Curitiba kam zur Klassik, als ein Freund anbot, ihm kostenlos Flötenunterricht zu geben. Vorher hatte er Keyboard und Gitarre gespielt. Leoni Thörmer aus Göttien wiederum hat das Violoncello in der Früherziehung der Musikschule entdeckt. „Meine Eltern wollten das zuerst nicht. Doch nachdem ich in die Schule kam, habe ich dann mit dem Cello begonnen“, berichtet die 14-Jährige.

In Lüchow geht es dieser Tage um Tschaikowskij, um Smetana, um Vaughan Williams. Sie haben die Werke komponiert, die sie in der Turnhalle neben der Musikschule einstudiert werden. Am Tuba-Konzert des Briten fasziniert Leonie Thörmer etwa der Solo-Part: „Ich hätte nicht gedacht, dass eine Tuba so differenziert spielen kann.“ Meist werde das Instrument ja rhythmisch verwendet. „Tatsächlich ist es sogar eine Bass-Tuba“, sagt Ricardo Ross. Ling-Han Tsao, der Tiermedizin studiert und im Orchester seiner Hochschule spielt, beschreibt das Tuba-Konzert als „recht modernes Werk“.

Die 4. Sinfonie von Pjotr Iljitsch Tschaikowski „ist die schwerste“, sagt Ricardo Ross: „Die Zeiten, Takte und Tempi wechseln ständig. Alle müssen wirklich verbunden sein.“ Leonie Thörmer meint knapp: „Mega unterschiedlich“. Auch Smetanas „Die Moldau“ gehört in die klassisch-romantische Tradition. „Wenn man es spielt, kann man sich vorstellen, was im Lauf des Flusses geschieht, etwa dass du selbst zwischen den Stromschnellen sitzt“, beschreibt Leonie Thörmer die Ausdruckskraft der Sinfonischen Dichtung.

Musik, Land und Leute kennenlernen

„Seine Fähigkeiten zu verbessern“, dafür sei Deutschland, das „für seine Musik sehr berühmt ist“, sicher ein passender Ort, beschreibt Ling-Han Tsao sein Motiv, für das Orchestercamp aus Taiwan nach Lüchow zu reisen. Ähnlich ist das Motiv des Brasilianers, „mein Spiel zu verbessern. Deutschland ist eben sehr stark in der musikalischen Tradition.“

Orchestercamp – das ist auch eine Gelegenheit, die „Neugier auf Land und Leute, auf den Lebensstil, auf die Lebenseinstellung zu befriedigen“, sagt Ling-Han Tsao. Schnell noch ein paar Eindrücke, bevor es wieder in die Probe geht: Er finde die Kühle gut, sagt der Taiwanese – „heißes Wetter hindert die Menschen, richtig nachzudenken.“ Ricardo Ross schwärmt von den bunten alten Häusern in Lüchow. Und von der langen Dämmerung: „In Brasilien ist um 19 Uhr Nacht.“ Dann fällt ihm noch etwas ein: die Eisdiele. „Ich bin jede Woche da“, antwortet Leonie Thörmer.

International ist auch das Dozenteneam um Musikschulleiter Gerd Baumgarten. Zu ihm gehören Matthew Spieker, der an der Ball State University (Indiana) unterrichtet, und Flötistin Carola Mundhenk, die in Bern im Orchester spielt.

Von Thomas Janssen