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Sie hat den Brautstrauß gefangen und „fiebert nach der einen großen Liebe“. Tahere Nikkhoyemehrdad ist das Temperamentsbündel im Wettenbostel-Team. (Foto: oc)

Ein Sommernachtstraum in Wettenbostel

Wettenbostel. Noch picken sich Hühner über den Hof. Aber Tische sind aufgestellt, auf einem türmen sich Geschenke: Heute ist Hochzeit. 200 Gäste trudeln ein, di e Kapelle swingt dezent, Getränke stehen bereit. „Der schönste Tag“ läuft für Alina und Tobias, das Ja-Wort fiel und nun wird – aber hallo! – gefeiert. Und doch: hoppla! Kein Tag ist so verplant wie dieser, keiner so mit Erwartungen befrachtet, und nie platzte der Plan so schön wie an diesem Abend. Das Jahrmarkttheater ist wieder da, die Regenzeit beendet, und auf dem Hof von Maria Krewet, dem charmantesten Theaterort weit und breit, geht ein Sommernachtstraum über die Bühne.

Fürs zehnte Jahr der Open-Air-Spiele hatten die Jahrmarkttheaterleiter Thomas Matschoß und Anja Imig überlegt, an Runde eins anzuknüpfen. Damals hatten sie Shakespeare gespielt, „Was ihr wollt“, mit den Schiffsbrüchigen, die durch den Dorfteich an Land wateten. Legendär! Es blieb über all die folgenden Jahre und Stücke eine Frage unbeantwortet: „Was macht eigentlich die Liebe?“ Jetzt ist eine Antwort fällig. Hat Shakespeare sie? Thomas Matschoß schlug nach, las, aber fand zum runden Geburtstag bei Shakespeare nicht das Passende. Also schrieb er selbst und baute vom Text bis zu den Figuren und Szenen offene und verdeckte Shakespeare-Zitate ein.
Es geht um Großes, die Erfindung der Liebe

Erst aber wird ein Hochzeitsfoto geschossen. Alle ziehen in die Reithalle, der Fotograf ist startklar, nur die Hochzeits gesellschaft will nicht so, wie sie sollte. Der eine fehlt, die andere giftet, schon bröckelt die Schminke vom rissigen Familienputz.

Nach dem Klick geht es zurück. Das Brautpaar nimmt vorn Platz, doch bevor die fälligen Reden in die Hosen gehen, peinliche Spiele beginnen und Lieder über die Liebe erklingen, raunt ein Sound aus Flaschenhälsen unheilvoll über den Platz. „Die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler…“ Shakespeare-Verse spricht Berta, die Catering-Chefin, aber ist sie nun Berta oder doch die Halbgöttin, die mit dem da oben, dem Zeus oder wem auch immer, eine Wette austrägt. Es geht um die Erfindung der Liebe. Was sonst?
So heißt das Stück ja auch komplett: „Der schönste Tag oder die Erfindung der Liebe, Teil eins“. Wie noch in jedem Jahr bricht Thomas Matschoß die Spielform auf, das Publikum als Festgemeinde wird einbezogen und sogar zum Walzer gebeten. So weit, so schön.

Doch der Brautvater glitscht mit seiner Rede aus, die ersten Gäste sind hacke. Als Tobis Tischtennistrainerin von anno dunnemals auftaucht, und über Alina das Sturmtief Dr. Paul hereinbricht, wallen alte Gefühle auf und wirbeln die neuen mächtig durcheinander. Denn die Tischtennistrainerin Stella, heute Abend im Cateringdienst, hat mit dem Tobi einst nicht nur Pingpong gespielt. Und das Sturmtief Dr. Paul Schröder kann von seiner Alina-Liebe nicht lassen und schüttelt die Braut kräftig durch. Zu allem Überfluss und Verdruss schneit dazu der nicht geladene Vater von Tobias herein, er unterbricht seine Jahrzehnte währende Ich-Suche und wird endlich erleuchtet werden.
Thomas Matschoß führt den Strudel seiner Ideen mit ihren vielen auseinanderdriftenden shakespearigen Figuren und Szenen stets beizeiten zusammen, sodass ein Sog entsteht. Von dem lässt sich das geneigte Publikum mit Lust und guter Laune mitziehen.

Posse und Poesie, Slapstick und Musik

Dass es so gut aufgeht, war gar nicht so sicher. Denn nie waren die Proben so mühsam wie in diesem Sommer. Die Regenzeit ließ nur einen einzigen Durchlauf des Stücks über den Hof gehen, zur Premiere konnte zum ersten Mal Licht eingesetzt werden. Aber Posse und Poesie, Derbes und Nachdenkliches, Lautes und Leises, Slapstick und Musik, Böses und Herzenswarmes – das ganze Leben mischt sich im Hochzeits-Chaos zum Ganzen.

Im Team stehen viele gute Bekannte der vergangenen zehn Jahre. Etliche wechseln rasant Rolle und Kostüm – und wenn es fix hinter den Buchsbäumen sein muss, bei denen eine Art Showdown des Liebens choreografiert wird. Ob Tahere Nikkhoyemehrdad ihr Temperament hinausschleudert, Dörthe Breidenbach ergreifend die Liebe besingt, Ingrit Dohse die resolute, lebensverbitterte Tobias-Mutter gibt, Martin Skoda als liebeskranker Dr. Paul verschmachtet – sie haben alle gleichermaßen Anteil am Gelingen wie Ercan Altun, Sii­ne Behrens, Linda Finke, Tino Frers, Herbert Imig, Anna Sinkemat, Mike Schlünzen, Maurice Schneider und Thomas Matschoß. Die Musiker mit Tornado Rosenberg, Anja Imig als Ausstatterin, sie alle bilden wie beim Wanderzirkus eine Familie, das Publikum inklusive. Zum Schluss lassen es alle „rote Rosen“ für den Thomas und die Anja regnen.

Auch der „schönste Tag“ geht zu Ende. Das Stück knüpft bis ins Zitat an den Start mit Shake­speare an, einmal raunt Berta, die Halbgöttin: „Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort.“ Auf weitere zehn Jahre hofft das Publikum. Wer Hochzeitsgast 2017 sein will, muss sich sputen, die Plätze sind schon rar. Wie es um die Erfindung der Liebe steht, das muss jeder aber selbst herausfinden oder auf Teil zwei hoffen, der im Herbst „indoor“ verhandelt wird.

Von Hans-Martin Koch