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Die Nordic Voices und der Jazztrompeter Nils Petter Molvær präsentierten Musik vom Mittelalter bis zur Moderne. Foto: t&w

Nordischer Stimmenzauber

Lüneburg. Wenn der Jazztrompeter Nils Petter Molvær im Altarraum sein erstes meditatives Solo anstimmt, eine Improvisation zart und impulsiv angeblasener, weit schwingender Motive, wird es mucksmäuschenstill in der 600-jährigen Hallenkirche. Nach einigen Minuten erscheinen die drei Sängerinnen und drei Sänger der Nordic Voices und umfangen die besinnlich verhallenden Trompetenklänge mit kaum hörbarem Summen. Ganz allmählich entsteht aus dem atmosphärischen Raunen ein fein gesponnener Vokalgesang menschlicher Stimmen. St. Michaelis füllt sich mit intensiv changierenden Klanggefilden von ungeheurer synästhetischer Sogwirkung.

Alles Alltägliche scheint rasch entwichen aus der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche des ehemaligen Klosters, zu dessen Chorschülern um 1700 Johann Sebastian Bach zählte. Ein idealer Ort für den „Engelsgesang“, die glasklaren, intonationssicheren, dynamische Klangteppiche webenden Stimmen von Sopran bis Bass, den „nordischen Stimmenzauber“, der das A-cappella-Sextett aus Oslo berühmt gemacht hat. Gepaart mit der Improvisationskunst des norwegischen Jazzstars Nils Petter Molvær und der fragilen Grazie seines Tons erinnert die Stimmung in der Lüneburger St. Michaeliskirche an Konzerte des Hilliard Ensembles und Jan Garbarek, die vor Jahren in St. Johannis ähnliche Sphären kreierten.

Nordisch ist auch das „Still in Silence“ getaufte Programm des Ensembles aus nordischen, mittelalterlichen bis zeitgenössischen Chorwerken. Sie reichen von den lateinischen, einstimmig in gregorianischer Manier interpretierten „Olafsmusikken“ aus dem 12. Jahrhundert (Predicasti, Alleluia) über Francis Poulencs spätromantische Weihnachtsmotette „O magnum mysterium“ (1952) bis zum drei- bis sechstimmig gesungenen Magnificat von 1989 des Esten Arvo Pärt mit imitierten Glockenklängen. Der Spezialist für computergestütztes Komponieren As–bjørn Schaathun vertonte Texte von Georg Trakl („Verklärung“), spannte im Zwiegespräch von Solo- und Ensemblegesang weite Bögen über feststehenden Tönen und Harmonien, die Todesahnungen und rauschhaften Sinnestäuschungen nachempfunden sind. Frank Havrøy von den Nordic Voices schuf mit seinem gefühlvollen Weihnachtslied „Mitt hjerte alltid vanker“ eher Tröstliches.

Die Auswahl so verschiedener musikalischer Stilrichtungen erzeugt zusätzlich Spannung. Doch überwiegen die Effekte charismatischer Gesangstechnik, das Versetztwerden in eine zeitlose, ja göttliche Welt durch die Schwerelosigkeit klangflexibel intonierender Stimmen im Raum. Man genoss die Ballung und Bewegung von warmen Harmonien und scharfen Dissonanzen, die sich auch im leidenschaftlichen Song of Grief des Jazztrompeters Nils Petter Molvær in schier unendliche Höhen und Fernen zu schrauben schienen. Sein Klagelied verbindet traditionelle Floskeln des mittleren Ostens und Nordafrikas mit Choralhaftem. „Still in Silence“ von Bjørn Skjelbred beschloss den Abend mit bezwingenden Musikgedanken inklusive Zwitschern und Insektensurren über die Vision einer stillen Natur. Zuvor hatten die Nordic Voices sich in der Kirche verteilt und zauberten hypnotische Klangbilder mit raumgreifendem Obertongesang. Nach Sekunden der Stille gab es langen tosenden Beifall.

Von Antje Amoneit