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Das vision string quartet eröffnete den Abend, der schließlich in Spanien enden sollte, mit Wiener Salonmusik. (Foto: ff)

Ein Gruß an Blinky Palermo

Konau. Wer war Blinky Palermo? Klingt wie ein legendärer Mafia-Boss, tatsächlich steckt hinter dem Pseudonym der Leipziger Maler und Objektkünstler Peter Heiste rkamp. Er war umstritten, sein früher Tod mit 33 Jahren, dessen Umstände nie aufgeklärt wurden, ließen den Mann zum Mythos werden, was den Galeristen recht war und den Kunstmarkt ordentlich befeuerte. Wie auch immer: Der Jazz-Pianist Omer Klein hat ihm ein Denkmal gesetzt. „Blinky Palermo“ zu den Höhepunkten des „Friends-Projektes“, einem Crossover-Konzert im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Hause „Frohe Zukunft“, Konau 25.
50 Achtelnoten
29 gegen 49 Achtelnoten
Mal davon abgesehen, dass Konau ja eigentlich zum Amt Neuhaus, also zum Landkreis Lüneburg, und nicht zu MeckPomm gehört: Es gab an diesem Abend in der Konzertscheune viele musikalische Höhepunkte. Freunde also sollten sich treffen, um Musik aus den verschiedensten Epochen zu vereinen, die Gäste waren allesamt hochkarätig. Dreh- und Angelpunkt ist der junge Percussionist Alexej Gerassimez, 1987 in Essen geboren, „Preisträger in Residence 2017“ der Festspiele. Dann: Omer Klein & Haggai Cohen-Milo, dazu das vision string quartet, klassisch mit Geigen, Bratsche und Cello besetzt, und die Schlagwerker Julius Heise und Sergey Mikhaylenko – macht insgesamt neun (vielfach preisgekrönte) international renommierte Künstler, die nach- und nebeneinander auf die Bühne gingen.
Der Requisiten-Fundus war groß, beginnend bei einem melancholischen Romantiker: Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll D 703, ein Kleinod der Wiener Salonmusik. Es gehört zu der ewigen Tragik des früh verstorbenen Schubert (1797-1828), dass er seine Komposition, die er mit 23 Jahren schrieb, für unreif hielt und sie nie vollendete.
Ganz anders: der Beitrag des zeitgenössischen dänischen Komponisten Andy Pape, gespielt von Gerassimez und Heise. Das Schlagzeug-Stück ist erklärungsbedürftig, eigentlich eine Zirkusnummer. Pape habe, so Gerassimez, einem Satz mit 50 Achteln einen mit 49 Achteln gegenübergestellt, sie seien einerseits in Vierer- und Fünfer-, andererseits in Dreier- und Siebener-Gruppen zu spielen. Noch Fragen? Das führt zu Clustern, zu Verdichtungen und Entspannungen und erfordert souveränes Durchzählen. Ob sich die beiden Musiker wirklich so penibel an die Regeln gehalten haben? Ganz bestimmt.
Fröhlich gescheitert ist Alexej Gerassimez, sagt er jedenfalls, an dem Versuch, Astor Piazzollas berühmten „Libertango“ für Klavier, Bass und Vibraphon zu arrangieren. Herausgekommen ist dafür etwas ganz Eigenes, zwischen Tango und modernem Jazz. Auch „Blinky Palermo“ ist nach allen Seiten offen, dafür stellte sich Omer Klein auch mal an das Vibraphon, wechselte dann aber wieder an den Flügel und überließ Gerassimez das Instrument. Das Stück endet – wie das Leben Heisterkamps – ein wenig diffus, was natürlich gewollt war, aber auch den Session-Charakter des Abends betonte. Im Duo mit dem Kontrabassisten Haggai Cohen-Milo führte Omer Klein in seinen eigenen Jazz-Kosmos, in dem es von Ideen und Grooves nur so wimmelt. Zwei Virtuosen, die sich nie in ihrer Technik verlieren, sondern immer den musikalischen Dialog im Blick haben.
Chick Coreas
29 Wege nach Spanien
Großes Finale, alle neun Musiker auf der Bühne: „Das Stück ist so bekannt, das brauchen wir nicht anzusagen, das erkennen Sie auch so“, sagt Alexej Gerassimez. Die ersten Takte – eindeutig das Concierto d`Aranjuez, der berühmte zweite Satz. Doch dann endet die Schwelgerei, die Musik kippt ab, bricht auf, ein anderes Thema setzt sich durch – also wohl doch eher „Spain“ von Chick Corea, der seinen Jazz-Klassiker mit einer Hommage an Joaquín Rodrigos Gitarrenkonzert beginnt. Tosender Applaus, eine Zugabe? Die Zeit wird langsam knapp, das Publikum löst sich bereits auf, denn „Tanja“ wartet, die letzte Fähre über die Elbe.

Von Frank Füllgrabe