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Dr. Christian Strehk (li.), Vorsitzender des Trägervereins, und Intendant Oliver Wille genießen im Verdo-Gartenbereich ein Pre-Concert der Festival-Akademie. Foto: SMH

Ein Ort, der inspiriert

Hitzacker. Geht ein Publikum mit, wenn sich Strukturen, Inhalte, Formate ändern, Einschnitte sogar gravierend und programmatische Leitlinien mehr innovativ als etabliert sind? Oliver Wille, seit 2016 Intendant der Sommerlichen Musiktage, traute sich, öffnete Türen, überschritt Grenzen zwischen den Genres und konturierte das 72. Festival von Hitzacker zu einem Hotspot für Kammermusik und Lied. Schon Dr. Markus Fein, einer seiner Vorgänger, brach konsequent mit den Traditionen. Die Zuhörer folgten den neuen Pfaden.
Hohe Ansprüche wecken entsprechende Erwartungen. „Residenz“, so das Motto, lud Ausführende und Besucher gleichermaßen zum Entdecken und Verweilen ein. Das Musikfest ist „ein guter Ort für Überraschendes und Unerhörtes“, konstatierte Dr. Christian Strehk, Vorsitzender der rührigen Gesellschaft der Freunde.
„Ich bin hier sofort angekommen, mich inspiriert die Atmosphäre“, berichtet Oliver Wille. Der Festival-Chef liebt Veränderungen, interessante Wege, das lustvolle Zusammenspiel der Beteiligten. „Die Programme entstehen gemeinsam mit den Künstlern, sind Ausdruck von Begegnungen und Prozessen, das ermöglicht Gesamterlebnisse, die sonst undenkbar wären.“ Ein Thema soll darum nicht einengen, sondern eine freiere Dramaturgie aufreißen, „Energien bündeln, etwas Kollektives schaffen.“

Mal Mozart und mal Avantgarde

Die für 2017 gewählte Überschrift erwies sich als eine solche Basis für pulsierende Kräfte und synergetische Effekte. Fast sämtliche Mitwirkenden blieben mehrere Tage, spielten in verschiedenen Konstellationen, entwickelten Beiträge jenseits des Bewährten. „Ich bin sehr zufrieden mit den Reaktionen des Publikums, es ist erfrischend neugierig, wach und konstruktiv in der Kritik, das kann sich jedes Festival nur wünschen“. Jenseits von fragwürdigem Crossover möchte Oliver Wille gern Brücken schlagen.
Das gelang ihm während der vergangenen knapp zwei Wochen ausgezeichnet, von Jazz bis Barock, von avantgardistischen Klanginstallationen bis zu Mozart. Von morgens bis fast Mitternacht, vom öffentlichen Singen bis zur Akademie spannte sich ein weiter Bogen.

Das Thema „Gastfreundschaft“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven gab es als finales Programm: eine kurzweilige Matinee, die wiederum abseits des Gefälligen bemerkenswerte Eindrücke bot. Der unter anderem mit dem renommierten Grimme-Preis dekorierte Schauspieler Udo Samel gestaltete famos die Texte. Von Exil bis zur verweigerten Aufnahme und von Neid bis absichtsloser Zuwendung erfolgte eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigentlich Selbstverständlichen. Marc Aurel oder Ingeborg Bachmann, Antikes und Gegenwärtiges, tiefschürfende Ansichten, bisweilen auch amüsante Anmerkungen reihten sich zu einem Kaleidoskop aus Aphorismen und Betrachtungen, die Udo Samel zu vitalen Sprachbildern ausformulierte.

Musikalisch verdedelten Yura Lee (Viola), Oliver Wille (Violine), Alban Gerhardt (Cello) und Markus Becker (Klavier) das gut besuchte Abschlusskonzert, das früh genug beendet war, um auch weit angereisten Gästen eine stresslose Rückfahrt zu gewähren. In wechselnden Besetzungen widmeten sich die erstklassigen Interpreten zum Beispiel Robert Schumann, Händel oder Wolfgang Rihm, spürten in Johannes Brahms‘ Klavierquartett c-Moll im Scherzo ein Jazz-Idiom auf und elektrisierten Prokofjews Marsch aus der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ mit Volldampf.

Eine musikalisch-literarische Delikatesse vom Feinsten, die Appetit auf die 73. Ausgabe des Sommerfestivals an der Elbe weckte. „Nächstes Jahr wird Beethoven mit Blick auf seinen 2020 anstehenden 250. Geburtsstag unser ‚composer in residence‘ sein,“ verrät Oliver Wille lächelnd und schränkt gleich ein, „aber nicht im Abendprogramm, sondern als eine Art Rahmen, durchkreuzt von zeitgenössischen Werken und manch anderen unerwarteten Akzenten.“ Das verspricht Spannung und gewiss erneut volle Säle.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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