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Rixdorfer und Verleger: (v.l.) Johannes Vennekamp, Albert Schindehütte, Andreas „Merlin“ Meyer und Uwe Bremer. Foto: zimmermann

Merlin Verlag wird 60

Lüneburg. „Wir waren der Kollegenschreck“, sagten sie und: „Wir haben alles versucht, keine Karriere zu machen.“ Das lässt sich nachlesen, hat aber nicht so rec ht geklappt. Der Erfolg holte sie ein. Die Rixdorfer, wie sich vier aus Berlin kommende Künstler nannten, waren und sind definitiv anders und scherten sich nie um Mainstream und Kunstmarkt. Sie druckten wunderbare Bücher und Plakate und sind darüber alt geworden. Einer, der große Bleistiftler Arno Waldschmidt, hat seinen Weg bereits beendet. Nun aber ist zu sehen, was sie und was der von ihnen meistgeschätzte Verlag namens Merlin herausgebracht hat – in der KulturBäckerei.

„Der “ ist die Ausstellung überschrieben. Der Gifkendorfer Verlag hat in diesem Jahr noch mehr Jubiläen zu bieten: Seit 30 Jahren nährt der dazugehörige Little Tiger Verlag dank der Janosch-Bestseller das Haus zu großen Teilen. Und der, der an allem „schuld“ ist, wird in diesem Jahr 90: Andreas J. Meyer, der den Kurzruf Merlin-Meyer seit Jahrzehnten erträgt.

Was Verlag und die Rixdorfer eint, ist der Mut, sich nicht an „political correctness“ zu orientieren und lustvoll Grenzen zur Freiheit der Kunst zu weiten. Das hat – gewonnene – Prozesse mit sich gebracht, entsprechende Aufmerksamkeit und auch mal einen Preis. Anders gesagt: Provokation und Lebenslust vertragen sich blendend, gelegentlicher Tiefgang schadet auch nicht.

Typographische Wunderkammer

Die Rixdorfer Aktiven Uwe Bremer, Albert Schindehütte und Johannes Vennekamp bilden heute die älteste Künstlergruppe Deutschlands. Na ja, das ist kein Titel, um besonders stolz zu sein. Sie starteten 1963, angetrieben vom Autor Günter Bruno Fuchs, und sorgten mit spektakulären und fröhlich-frechen Aktionen für Aufsehen – und natürlich mit Mappenwerken, Buchillustrationen etc. Zustande gekommen ist dabei eine typographische Wunderkammer. In den 70ern entdeckten sie wie viele Künstler das Wendland als Zufluchtsort, Uwe Bremer bezog „Schloss“ Gümse. Dort waren auch SPD-Mann Gerhard Schröder zu sichten und Horst Janssen, das Genie-Unikum aus Hamburg.

Der Merlin Verlag pflegte weit über die Rixdorfer hinaus Künstlerkontakte. Das ist in der KulturBäckerei zu sehen. Johannes Grützke, der Fotorealist Jan Peter Tripp, besagter Horst Janssen, Horst Antes und so einige mehr vertreten eine Künstlergeneration, die ihre große Zeit in den 60ern, 70ern, 80ern hatte.

Es lässt sich somit in dieser üppig bestückten Ausstellung eine Teilgeschichte der Republik lesen. Der „Muff von 1000 Jahren“ wurde auch mit Rixdorfer Hilfe weggeblasen. Aber primär politisch in engem Sinn – wie die Studenten der 68er-Generation – verstanden und verstehen sich Verleger, Künstler und Autoren nicht. Ihnen geht es um individuelle Freiheit und die mit ihr verbundenen Rechte. Das lässt sich von der frühen Verlagsgeschichte mit der Veröffentlichung von Genet und de Sade bis heute verfolgen. Autoren wie Boualem Sansal führen vor, wie der Kampf um Freiheit in Nordafrika ganz andere Probleme gebiert.

Wer kommt, sollte Zeit mitbringen

Die Auslegung, was Freiheit betrifft, geht in der Ausstellung sehr weit. Wer in der KulturBäckerei genau hinguckt bzw. liest, kann auch mal rote Ohren bekommen – auch wenn Sex und Porno heute Alltag sind. „Sex“ bei Google bringt in 0,98 Sekunden mehr als drei Millionen Textvorschläge, „Porno“ in 0,51 Sekunden mehr als eine Million. Wahnsinn!

Uwe Bremer rühmte zur Eröffnung den Verleger, also Merlin-Meyer, als furchtlos, untadelig und ritterlich. Meyer, der das Geschäft längst an seine Tochter Katharina Eleonore weitergegeben hat, steuerte zum Start seinen Dank hinzu, nicht ohne ein wenig von Manuskript abzuschweifen. Aber das macht er seit Jahrzehnten so.

„Der “ ist bis 27. August zu sehen. Wer kommt, sollte Zeit mitbringen.

Von Hans-Martin Koch