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Eine Bühne aus Licht, mehr brauchen die Tänzer nicht, um pure Lebensfreude auszudrücken und abzuheben. Foto: eccles

Sie können fliegen

Hamburg. Sie können Kuba, sie können Argentinien, sie können New York City, und sie können tief in den Geist des schwarzen Amerikas eintauchen. Nach sechs Jahre n tanzt das Alvin Ailey American Dance Theater wieder in der Staatsoper, nur für einige Tage, noch bis zum 20. August. Vier Werke haben sie dabei, und natürlich heben sie am Ende mit Aileys Modern-Dance-Klassiker „Revelations“ ab. Das kürzestes Stück aber – „Takademe“ – bekam am meisten vom ohnehin begeisterten Beifall ab.

Was als Avantgarde beginnt, wird Mainstream

Alvin Ailey (1931-1989) baute vor knapp 60 Jahren in New York eine Compagnie auf, mit der er die Szene aufrüttelte. Die Tänzer waren schwarz, was zu der Zeit alles andere als selbstverständlich war, und sie schufen sich ihren eigenen Weg, auf dem das klassische Ballett nicht hinterherkam. Was als Avantgarde begann, wird später Mainstream. Das passiert oft, bei der Musik, beim Film und eben auch im Tanz. Nur so und mit unbedingter Klasse lassen sich große Häuser füllen. Heute fliegt die Ailey-Truppe um die Welt, kassiert überall Jubelstürme.

Sie tanzen alle mit extremer Geschmeidigkeit, mit perfekt synchron geführten Bewegungen, mit intensivem Ausdruck und einer akrobatischen Beherrschung des Körpers. Alles, was sie zeigen, passiert am oberen Limit des Möglichen, sie können fliegen. Das beginnt in Kuba: „Open Door“ wird zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Zu explosiver Bigband-Musik, die sich über karibische Rhythmen auftürmt, formen die Tänzer mit raumgreifender und -öffnender Gestik, mit fließender Körpersprache Bilder von Lebensfreude, von Aufbruch, Zärtlichkeit, Selbstbewusstein, Zweifeln. Und immer geht es auch darum, was es bedeutet, Mann zu sein und was, Frau zu sein.

Mischung aus Tango und Modern Dance

Das ist beim Tango noch extremer. Kein Tanz wird so von sinnlicher Distanz und Nähe geprägt, von Stolz und Leidenschaft, von der Nähe zu Eros und Thanatos, also dem Lebenstrieb und dem Wissen um Vergänglichkeit. Mit „Piazzolla Caldera“ aus dem Jahr 1997 kommt mit Musik des Tango-Nuevo-Buchstabierers Astor Piazzola das narrativste Stück des Abends auf die Bühne. Choreograf Paul Taylor führt in eine Hafenkneipe, in der sogar die Lampen tanzen, wenn zwischen Männern und Frauen die Luft knistert.

Das Stück mischt Tango und Modern Dance, das klappt gut – in wenigen Tagen werden sich auf Kampnagel Tango und Breakdance treffen. Hier aber taumeln nun zwei Betrunkene durch die Bühnenkneipe, sie schlagen und verbrüdern sich und das mit akrobatischem Körpervokabular. Doch wo die Leidenschaft regiert, liegt das Leiden nah. Am Ende wird eine Frau, allein geblieben, zusammenbrechen.

Akrobatik gibt es auch in der Musik. Sheila Chandra hat mit „Speaking In Tongues“ ein Stück geschaffen, in dem sie mit rasant ratternden Silbenlauten eine ganze Percussion-Truppe ersetzt, nur das betonte Atmen unterbricht den Silbenflug. Robert Battle, künstlerischer Direktor der Compagnie, hat daraus das Solo „Takademe“ geformt. Der Tänzer folgt präzise dem rhythmisch aufgebrochenen Song, das geschieht auf konzentriertem Raum und entwickelt zugleich viel Witz. Das Publikum ist hin und weg.

Keine Show ohne den Klassiker „Revelations“

Schließlich der Klassiker „Revelations“ aus dem Jahr 1960, eine gospelgetränkte Hymne an die schwarzamerikanische, im Afrikanischen wurzelnde Kultur. Der Tanz aus Lebenslust und Frömmigkeit hat an einigen Ecken über die Jahre Pathos und Kitsch angesetzt. Aber „Revelations“ ist aus seiner Zeit zu verstehen, das Stück markiert das Abheben der Schwarzen in die Freiheit und hat seine mitreißende Kraft bewahrt. Ohne Zugabe kommen die Aileys danach nicht davon.

Von Hans-Martin Koch