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Anke Gruss und Daniel Gebauer gehen heute in Bild und Ton auf eine Reise. Foto: oc

Mehr Betrieb in Atelier 10

Lüneburg. Wer die Dekadenz der Wohlfahrtsgesellschaft brandmarken will, kann dies mit dem Thema Reisen hervorragend machen. Menschen fliege n nach Bali und Mauritius, um zu erzählen, wie großartig der Pool war. Andere posten bei Facebook Bilder vom Weihnachtsshopping, für das sie kurz nach New York gedüst sind. Zu Hause kaufen sie dann (mit dem SUV?) „bio“ und schimpfen über den Klimawandel. Was soll alle Vernunft, wenn das Fliegen doch so billig ist? Wer gerät da nicht in Versuchung? Reisen jedenfalls ist ein großes Thema. Anke Gruss und Daniel Gebauer greifen es in einer kurzen Ausstellung samt Klangperformance im Atelier 10 der KulturBäckerei auf.

Die gern (mal-)reisende Malerin und der weltenbummlerige Musiker haben viel darüber gesprochen, was es denn mit dem Reisen auf sich hat. Völkerwanderungen, Handelsreisende, Pilgerfahrten, Bildungsreisen von (Dichter-)Fürsten, Jobnomaden, das erzwungene Reisen namens Flucht und das luxuriöse namens Urlaub. Zu Fuß, mit dem Rad, motorisiert, per Bahn, Schiff, Flugzeug? Reisen nach innen und und und. Das Thema ist zu groß für ein kleines Atelier. So hat sich das Duo konzentriert – auf einen eher unverfänglichen Ausschnitt: die Bahn. „Bahnfahren ist wie Kino“, sagt Anke Gruss.

„Streckennetz-Liniennetz“ heißt die Ausstellung, die nur heute und morgen, Freitag/Sonnabend, zu sehen ist. Anke Gruss hat eine Fülle von Reiseskizzen ausgelegt und aufgehängt. Auf den kleinen Formaten gibt es viel zu sehen, zu dechiffrieren. Es sind lichte Bilder voll mit Andeutungen und voller Bewegung. „Gedankenfetzen“ kündigt die Künstlerin für ihr Projekt an. Das Atelier wirkt wie ein Bühnenbild, mit Koffer, Schlafsack, Globus und Reisebüchern.

Daniel Gebauer hat sogar ein Stück Schiene mitgebracht. „Klong“ macht es kurz und stumpf. Dann lässt er Boulekugeln gegeneinanderklackern. Gebauer macht aus allem ein Geräusch, das Musik wird. Er hat über Jahre Klänge vom Unterwegssein gesammelt, aber dann beschlossen, die Klänge „Klänge sein zu lassen und nicht weiter zu konservieren“. Gebauer spielt Saxophon, Posaune – und auf der Mundharmonika vielleicht das Thema von „Spiel mir das Lied vom Tod“, das ja viel mit der Bahn zu tun hat.

Die Klangperformance von Daniel Gebauer ist nur heute, Freitag, zu hören, bei der Vernissage, die um 19.30 Uhr beginnt. Das Bilderszenario öffnet am Sonnabend erneut, von 11 bis 18 Uhr. „Die Ausstellung ist der Start für kommende Projekte mit anderen Künstlern in meinem Atelier“, sagt Anke Gruss. Vom 1. bis 3. September geht es erneut um ein flüchtiges Thema, das Autofahren. Sie wird dazu Bilder zeigen, ihr Bruder Holger Gruss Fotografien von Autorennen, aufgenommen an einer Carrerabahn.

Von Hans-Martin Koch