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Die Iwanka von der Post hat wieder einen Brief geöffnet, der Inhalt gefällt den Zuhörern gar nicht. Foto: t&w

Jeder betrügt, so oft er kann

Lüneburg. Da sind also Anton Antonowitsch, Anna Andrejewna, Marja Anotnowna, Iwan Alexandrowitsch und einige andere. Alle stehen sie bis zum Hals im Sumpf aus B etrug, Intrige, Bestechung und was noch den Alltag prägt. „Der Revisor“ hat Nikolai Gogol seine gnadenlose und groteske Abrechnung mit dem Menschen genannt. Die ganze Bagage tobt sich nun im theater im e.novum aus. Die Regler sind hochgefahren, es wird geklotzt, gestritten, gebrüllt, angebaggert und abkassiert, bis das Premierenpublikum mit donnerndem Applaus reagiert.

Jeder soll eine passende Rolle bekommen

Bei der Arbeit mit Amateurtheatern muss ein Stück gefunden werden, das alle mitnimmt. Außerdem soll die Besetzung der Rollen sowohl dem Stück als auch dem Darstellertyp gerecht werden. Allein diese Balance zu finden ist eine Herausforderung. Ohne Kompromisse geht es kaum, zumal oft Männer fehlen. Und dann fängt die Arbeit ja erst an! Sie führt in ein Städtchen, in dem die Honoratioren bibbern, weil also ein Revisor gekommen sein soll, um nach dem Rechten zu sehen. Allerdings ist der mutmaßliche Revisor lediglich ein Spieler ohne Geld, der schnell kapiert, wie er die feinen Herrschaften abzocken kann.

Gogol hat in seine bittere Komödie eine Fülle von Figuren gepackt. Wo es nicht zu ihrem Team passt, dreht Margit Weihe die Geschlechter um: Aus Gogols Kreisarzt wird eben eine Kreisärztin (Pamela Winkelmann). Andere Kerle wie den ultrabesoffenen Polizeichef und den depperten Gutsbesitzer Bobtschinki spielen Frauen, Christine Katz bzw. Julia Mitwollen. Katz‘ Bobtschinski bildet zudem mit Pawel Bryzgalskis Dobtschinski ein Pat-und-Patachon-Duo. Die Ähnlichkeit der beiden beginnt bei den durchweg liebevollen, zeittypischen Kostümen von Kirstin Rechten und Ute Glitzenhirn.

Die Zeichnung der einzelnen Figuren hat Margit Weihe deutlich ausgearbeitet, bis hin zu ekligen Details. Die Krankenhausverwalterin (Esther Judel) etwa pult gedankenverloren mit dem Bügel ihrer Brille im Ohrenschmalz herum, um diesen dann abzuschlecken. Wie aus einem Wilhelm-Busch-Comic erscheint die Poststellenleiterin (Anna Butschke), die nach Belieben Briefe öffnet und damit das finale Desaster auslöst.

Der Richter (Bert Ulrich Clausen) und der stotternde Schuldezernent (Hannes Klinke) schlottern vor Angst beim Gedanken an die Kontrolle, alle fürchten um ihre Pfünder. Als einzige halbwegs bei Verstand Gebliebene erscheint die Magd Marfa (Zorana Dammert). Obwohl: Dass sie sich von dem dauerbesoffenen Polizeichef nach Lust und Laune besabbern und begrabbeln lässt, das ist schon crazy.

Margit Weihe baut die Komödie als saftiges Stück Boulevardtheater auf. Das Tempo ist hoch, es wird viel gebrüllt, auch derbes Zeug, die Grenze zum Klamauk wird manchmal dünn. Es ist schon ziemlich krass, wie Mutter und Tochter (Corinna Langhammer, Kira Dietrich) sich an den schmierigen, betrügerischen Schein-Revisor (Dennis Bressem) ranwanzen.

Es darf auch mal grobkörnig zugehen

So fein also die Typenzeichnung, bei Dialog und Aktion wird grobkörniger zu Werke gegangen. Damit lassen sich mögliche individuelle Schwächen kaschieren, aber solche werden ohnehin von großer Spiellust weggebügelt. Herausragender Akteur dabei ist Patrick Schunk, der einen so besorgten wie verschlagenen Bürgermeister spielt – und keine Figur ausstellt.
Wichtig ist bei einer Klipp-Klapp-Komödie das Timing. Das stimmt! Wichtig ist aber auch, dass die auf- und zufliegenden Türen stabil sind. Auch das passt im Bühnenbild von Nicole Bettinger und Rolf Kienzle. Die Türen müssen noch oft halten, schon am Freitag, 25. August, werden sie wieder strapaziert.

Von Hans-Martin Koch