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Wie das alles weitergehen soll, weiß keiner, aber es wird weitergehen, bis alles zusammenkracht. Foto: nh

Es muss gelacht werden

Hamburg. Manche gehen zum Lachen in den Keller, manche versuchen es mit Lachyoga und die anderen sitzen im St. Pauli Theater. Wer dort die folgenden zwei Stunde n und zehn Minuten nicht lacht, gluckst und von Dauergrinsen befallen wird, der kann wieder in den Keller gehen und Kartoffeln zählen. Im St. Pauli Theater nämlich geht alles, aber auch wirklich alles schief, und das ist eine große Kunst. „The Play That Goes Wrong“ führt mitten hinein in die Freude, Theater zu spielen, auch wenn man es nicht kann.
Zu sehen ist eine Amateurtruppe mit der Premiere eines sehr britischen Krimis, gediegen wie Inspector Barnaby: „Mord auf Schloss Haversham“. Es treten auf: gemischter Landadel, der Butler, ein Inspektor, dummerweise aber auch der Techniker der Truppe und die Inspizientin. Zu klären ist der Mord an Charles Haversham, sein Bruder Cecil wird ihm in die ewigen Jagdgründe folgen.

Das Publikum sitzt schon, vorn wird noch am Bühnenbild genestelt, die verflixten Bilder wollen nicht an der Wand hängen. Was dann folgt, ist leider unbeschreiblich, etwa so, als ob Monty Pythons Anarchotruppe einen Agatha-Christie-Krimi zerlegt. Es ist so absurd, so grotesk, so schräg, so schnell, dass den Gags kaum zu folgen ist. Spieler fallen aus ihren Rollen, fuchteln dilettantisch herum, der Text ist futsch, die Anschlüsse stimmen nicht, Szenen werden x-fach wiederholt, Akteure schlagen sich versehentlich k.o., die Requisiten geraten komplett durcheinander, nicht nur Bilder klappen von der Wand. Running Gags kommen mal nach Plan, mal unerwartet, und zunehmend kracht die ganze Kulisse zusammen.
Das Stück der Herren Sayer, Shields und Lewis ist mit diesem spezifisch britisch trockenen Nonsense-Humor imprägniert, der vor nichts zurückschreckt und trotzdem elegant bleibt. Dagegen wirkt der Großteil der deutschen Komödien dampfhammerig, unterleibsfixiert und schwerfällig.

Egal was passiert: Die Haltung muss gewahrt bleiben

Entzündet wird das aus der Schweiz importierte Gag-Geprassel vom Musical- und Comedymann Dominik Flaschka. Dass er einmal Tänzer war, ist dem Abend durchaus anzusehen, denn das Geschehen verliert nie den Rhythmus. Die Szenen reihen sich wie choreographiert, und die Truppe kann das Stück nur mit absoluter Disziplin und Körperbeherrschung überstehen. Denn gespielt wird offenbar ohne Rücksicht auf Verluste und Verletzte.
Entscheidend für den absoluten Erfolg dieser Komödie aber ist, dass die Figuren bei allen Katastrophen die Haltung bewahren und mit stoischem Ernst weiterspielen – so sie nicht ausgeknockt entsorgt werden müssen. Das mit Leichtigkeit zu spielen, ist schwer. Wenn Profis sich in Laien hineindenken, die wiederum laufend aus der Rolle kippen, und wenn sie dabei ordentlich Klischees braten, wird es noch komplizierter – und in diesem Fall völlig durchgeknallt.
„The Play That Goes Wrong“ steht bis zum 17. September auf dem Plan. Holt die Muffel aus dem Keller!

Von Hans-Martin Koch