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Endlich erschienen: Martha Sophie Marcus präsentiert ihren neuen historischen Roman.

Diebin am Hofe des Herzogs

Lüneburg. Eine bunte Truppe zieht von Venedig nach Celle: ein Harlekin, eine Ballerina, Colombina, die lebenslustige Magd, Pantalone, der alte Kaufmann, Brighe lla, der gewitzte Bedienstete – ein klassisches Ensemble der Commedia dell`arte. Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg hat sie in sein prunkvolles Schloss eingeladen. Nicht eingeladen, aber trotzdem dabei ist Alessa. Die junge Frau trägt ein geheimnisvolles Medaillon bei sich, das recht schmucklos aussieht, aber für gewisse mächtige Kreise offensichtlich von unschätzbarem Wert ist. Ein Killer hat es darauf abgesehen, weshalb Alessa aus der Lagunenstadt flüchtet und sich den Theaterleuten anschließt. Aber ihr Abenteuer hat gerade erst begonnern.

Gezierte Gehabe und strenge Etikette

So beginnt „Das blaue Medaillon“, der neue – mittlerweile neunte – Roman der Lüneburgerin Martha Sophie Marcus. Die Erzählung führt ins späte 17. Jahrhundert, in die Epoche des Barock also, in die von strenger Etikette und unerbittlichen Standesregeln geprägte Gesellschaft am Celler Schloss. Gepuderte Perücken, turmhohe Frisuren, aufwändige steife Kleider, bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Gesichter, geziertes Gehabe, steife Tänze – ein krasser Gegensatz zur Herkunft Alessas, die am Hofe ihren Cousin, ihren einzigen Verwandten sucht: Sie ist arm, sportlich, eine akrobatische Kletterin.

Das Mädchen wurde von ihrem Großvater in Venedig zu einer Diebin ausgebildet, die sich in der altehrwürdigen Serenissima an jede Fassade herantraut. Als sie das Medaillon von ihrer Tante erbt, einer Sängerin und Schauspielerin mit alten Verbindungen zum Celler Hof, wird Alessas „Nonno“, der Großvater, noch am gleichen Tag ermordet.
Es ist zunächst ein Risiko, eine Verbrecherin als Heldin und Identifikationsfigur einzuführen. „Eigentlich steht Alessa auf der falschen Seite“, sagt Martha Sophie Marcus, „sie ist aber trotzdem sympathisch.“ Als Orientierung diente das Motiv des Meisterdiebes, der zwar klaut, aber charmant ist und mit den Gütern, die er reichen Leuten abnimmt, letztlich Gutes tut. „Die Meisterdiebin“ war auch der Arbeitstitel des Roman-Projektes.

Mutige Frauen, die sich, vom Schicksal gebeutelt, den gesellschaftlichen Erwartungen verweigern und ihren eigenen Weg gehen, das sind typische Protagonisten von „MSM“. Bestes Beispiel ist „Die Bogenschützin“ (Goldmann Verlag, 2012), ein anderes „Das Gold der Mühle“ (2014), die Geschichte einer jungen Witwe, die 1372, mitten in den Wirren des Erbfolgekrieges, quer durch das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg hetzt, auf der Suche nach einem entführten Mädchen.

Recherchen für die „Mühle“ führten schließlich zu jenem Adelsgeschlecht, dem Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1624-1705) angehört. Er war – unstandesgemäß – verheiratet mit Eleonore d’Olbreuse (1639–1722), einer Hugenottin von niederem Adel. Das Ehepaar hatte eine Tochter, Sophie Dorothea (1666–1726). Sie wurde bekannt als die „Prinzessin von Ahlden“, die aus Gründen der Staatsräson 33 Jahre lang eingesperrt war (wenn auch in einem goldenen Käfig). „Diese Geschichte ist aber schon oft erzählt worden“, so Martha Sophie Marcus, „und so habe ich mich in der Geschichte rückwärts getastet“, bis zu den Verbindungen des Herzogs nach Italien eben.

Autorin liest bei Bücher am Lambertiplatz

Die historischen Figuren des Romans sind also authentisch und so korrekt wiedergegeben wie möglich – bis hin zu Alessas Tante in Venedig, der Sängerin und Schauspielerin, die, so Marcus „gerade einmal als Einzeiler in den Geschichtsbüchern auftaucht“. Innerhalb dieses Rahmens gestaltet MSM eine wechselhafte, spannende, auch romantische Handlung, in der die Masken der Commedia dell`arte zum Bild werden für Schein und Sein der Menschen. Ein Nachfolge-Roman, keine direkte Fortsetzung, ist bereits fertig.

„Das blaue Medaillon“ (Lübbe Verlag, 400 Seiten, 11 Euro) erscheint heute. Martha Sophie Marcus stellt ihn Donnerstag, 14. September, um 19 Uhr bei Bücher am Lambertiplatz vor.