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Die großen Gefühle

Lüneburg. Die Neigung, schnelle Sätze der klassischen Musik so rasch wie möglich zu spielen, an den Grenzen des technisch gerade noch Machbaren zu rühren, ist n icht neu. Äußerstes Prestissimo ist große Mode, und längst nicht nur dort, wo Presto verlangt ist. Die dafür nötigen technischen Möglichkeiten scheinen heute ausgereizt, Temposteigerungen nicht mehr praktikabel zu sein. Doch zum Glück ordnen viele junge Virtuosen und Formationen ihre technische Meisterschaft einer musikalischen Aussage unter und eröffnen somit neue Perspektiven, legen den Fokus auf innovative, spannungsreiche und ästhetisch überraschende Aspekte.

Das erst sieben Jahre alte Aris Quartett ist so ein Ensemble. Sein fulminanter Auftritt im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals wird den Zuhörern in der Lüner Kirche unvergesslich bleiben. 2009 gegründet, wird das Streichquartett mit 1. Preisen geradezu überschüttet. Klein haben die vier Twens nach eigener Aussage angefangen, aber stets konsequent alles gegeben. Heute ist der Höhenflug der vier ganz auf das Quartettspiel konzentrierten Musiker nicht abzusehen, man spricht gar von der Zukunft der internationalen Klassik-Szene.

Dem entsprechend war die akustisch glänzend für Kammermusik geeignete Lüner Kirche ausverkauft. Perfekt intonierend und in wunderbarer Klangtransparenz lotete das Aris Quartett in der Musik von Haydn, Schostakowitsch und Schubert schlummernde Gefühlswelten aus: Anna Katharina Wildermuth (1. Violine), Noémi Zipperling (2. Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello), alle noch unter 30 Jahre alt, schufen bereits im Eröffnungsquartett Haydns ungewohnt bildträchtige Sphären. Das Streichquartett in f-Moll op. 55 Nr. 2 beginnt mit einem fantasiereichen Variationssatz. Die Interpretation des Aris-Quartetts ließ dessen tragende Melodik und verspielte Ornamentik orchestral erblühen, schuf mit enormer dynamischer Bandbreite und quicklebendiger Interaktion bezaubernde Impressionen.

Wie hochfaszinierend das Aris Quartett Sinneseindrücke plausibel machen kann, wie bildreich und mit welch starker erzählerischer Energie es Gefühle und Stimmungen heraufzubeschwören vermag, machte die Aufführung von Schostakowitschs ergreifendes Streichquartett Nr. 8 in c-Moll op 110 deutlich. Die mit großer Konzentration und Leidenschaft musizierenden Vier eröffneten frisch entstaubte, individuelle Möglichkeiten des Zuhörens. Die autobiographische Qualität der Musik eines vom Stalin-Regime gedeckelten Komponisten, der mit diesem Stück aus dem Jahre 1960 eine Art Testament voller Eigenzitate schrieb, „Dem Gedenken der Opfer von Faschismus und Krieg gewidmet“, bekam eindringliche Konturen: Die Buchstaben seines Namens, im Hauptthema D-Es-C-H verewigt, zugleich an Bachs B-A-C-H- Motiv gemahnend, verströmten Todesahnung, turbulentes Klagen, verzweifeltes Weinen. Tschaikowski und Wagner-Zitate, dynamisch ins kaum Erträgliche gesteigerte zwölftönige Passagen bekamen eine narrative Wucht, der sich wohl kaum jemand entziehen konnte.

Das Finale, Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, besaß ebensolche emotionale Erzählkraft, dazu eine elektrisierende, auch wienerische Eleganz. Die Auslegung, voller Klangintimität und aufgewühlter Dramatik, beschritt ganz eigene bezwingende Wege. Das Publikum bekam für seinen tosenden Beifall eine mit himmlischer Grazie musizierte Zugabe: Das Finale aus Dvoraks „Amerikanischem“ Streichquartett Nr. 12.

Von Antje Amoneit

Festivalbilanz: Rekordbesuch

Lübeck. Das Schleswig-Holstein Musik Festival beendet die Saison an diesem Wochenende mit einer Rekordbilanz: 171 000 Besucher seien in diesem Sommer an die 107 Spielstätten an 63 Orten in Schleswig-Holstein, Hamburg, Süddänemark und dem nördlichen Niedersachsen gekommen, so der Veranstalter.

Die Auslastung betrug 90 Prozent. Festivalintendant Christian Kuhnt: „Eine großartige Bilanz“.