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Dokotorand Mario Tucci und Prof. Dr. Brigitte Urban nehmen Bodenproben und untersuchen sie im Labor. Foto: t&w

Was war vor 300 000 Jahren?

Lüneburg. Noch heute erinnert sich Prof. Dr. Brigitte Urban genau an den Moment im Jahr 1995, als die Speerfundstelle im Braunkohletagebau Schöningen freigelegt wurde. Zum Vorschein kamen Jagdwaffen, hergestellt aus Kiefern- und Fichtenholz, in einem hervorragenden Zustand. „Das war wirklich großartig.“ Schon da sei ihr klar gewesen, dass diese Wurfspeere, heute bekannt als „Schöninger Speere“, mindestens 200 000 Jahre alt sein dürften.

Mittlerweile ist klar: Sie waren vor rund 300 000 Jahren im Einsatz, somit gelten sie als die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt. Noch heute sind Prof. Dr. Urban und Doktorand Mario Tucci an den Ausgrabungen des ehemaligen Sees beteiligt. Mittlerweile können sie viele Aussagen zu Klima, Umwelt und der Anpassungsfähigkeit der Menschen treffen.

Pollen und Pflanzenreste geben Aufschluss

Die Bodenkundlerin und Biologin arbeitet am Institut für Ökologie an der Leuphana, das aktuelle Projekt, das über drei Jahre läuft, wird mit 100 000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Außerdem ist Prof. Dr. Antje Schwalb von der TU Braunschweig beteiligt. Um die Entstehung des ehemaligen Sees vor etwa 300 000 Jahren zu beschreiben, untersucht Urban Pollen, Pflanzenreste und die Sedimentsentstehung der Fundstellen in Schöningen. Zuletzt war sie im Juni im Landkreis Helmstedt, um Proben zu nehmen.

Die verschiedenen Sedimente oder auch Horizonte sind treppenförmig an den Rändern des Sees offengelegt, so können sich die Forscher Schicht für Schicht vorarbeiten. Eine Erkenntnis: Während der gesamten Zeit der Seeentstehung waren Menschen am Ufer aktiv. „Man weiß nicht, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Schichten liegt, sicher ist aber, dass es immer wieder Hinweise gibt, die belegen, dass Menschen anwesend waren.“ Dass man das nun mit Gewissheit sagen könne, sei in der Geschichte ein „relatives Novum“.

Grabungshelfer suchen in dem Schöninger Tagebau nach neuen Fundstücken. Foto: phs

Gesamtes Gebiet ein biologisches Archiv

Das gesamte Gebiet sei ein reiches, biologisches Archiv und eine Möglichkeit, Fauna und Flora zu erforschen. „Sie haben zu der Zeit die Umwelt gebildet, dort haben Säbelzahnkatzen, Waldelefanten und jede Menge Biber gelebt“, sagt Urban. So habe man diverse Überreste von Klein- und Großsäugern gefunden. „Zurzeit arbeiten wir beispielsweise an einem Seeuferhorizont, in dem ein Stoßzahn und eine Rippe eines Waldelefanten gefunden wurden, der Stoßzahn wurde möglicherweise bearbeitet, er weist Rillen auf.“

Beeindruckend findet die Professorin auch die Anpassungsfähigkeit der damaligen Menschen an die Umwelt. So habe man Zeiten nachweisen können, in denen sich überwiegend Pflanzen als Nahrung anboten, aber auch solche, in denen die Menschen mehr auf Jagdbeute angewiesen waren. Auf die sich verändernden Umweltverhältnisse reagieren zu können, erfordere ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten. Die Aussage, dass die Menschen früher einfach nur „Aas-Esser“ waren, sei also nicht korrekt.

Selbst in den Jagdzeiten hätten die Menschen erkannt, dass sie für das Erlegen eines Tieres Hilfsgeräte benötigen. Die dünnen Fichtenstämmchen, die zur Herstellung der Speere verwendet wurden, stammen Urbans Untersuchungsergebnissen zufolge nicht aus der unmittelbaren Umgebung des Sees. „Sie wurden selektiv gesucht, die Rohstoffe könnten vielleicht aus dem Harz stammen.“

See soll bald wieder mit Wasser gefüllt sein

Nach Beendigung des Kohlenabbaus soll erneut ein See in diesem Tagebauabschnitt entstehen, zuletzt stand vor 300 000 Jahren Wasser in dem Becken. Dafür soll das Grundwasser angestaut werden. Die Forschungen am südlichen Rand des Seeufers werden fortgeführt, nach und nach wird der komplette Sedimentsockel abgegraben. Urban geht davon aus, dass dort noch weitere „begeisternde Funde“ gemacht werden.
▶ Interessierte haben die Möglichkeit, den Braunkohletagebau mit der Ausgrabungsstelle zu besichtigen. Dort werden Führungen angeboten. Ein Großteil der Funde sind im anliegenden Forschungs- und Erlebniszentrum Paläon ausgestellt.

Von Anna Paarmann