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Sie kämpfen für Amin Aslan (M.): (v.l.) Martina Früchtnicht-Truxius (Willkommensinitiative), Leuphana-Mitarbeiter Sven Prien-Ribcke, Oona Braaker und Moritz Reinbach (No Border Academy/Welcome and Learning Center) sowie Eva Kern (Kulturgarten). Foto: t&w

Paradebeispiel für Integration: Abschiebung soll verhindert werden

Lüneburg. Das Engagement seiner Freunde ist enorm: Sie haben nicht nur einen 80-seitigen Ordner an die Härtefallkommission in Hannover geschickt, sondern auch eine Online-Petition gestartet. „Amin gehört nach Lüneburg! Stoppt seine Abschiebung!“, so der Titel. 5600 Personen haben unterschrieben, binnen weniger Tage.

Der Link wurde im Internet vielfach geteilt, zahlreiche Initiativen und Organisationen bitten um eine Unterschrift für den jungen Afghanen. Ob die Bemühungen erfolgreich sind, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Dann entscheidet die Härtefallkommission, ob sie den Fall Amin Aslan überhaupt zur Beratung zulässt.

Mit Online-Petition Abschiebung verhindern

Der 24-Jährige lebt seit drei Jahren in Lüneburg, für seine Freunde ist er ein Paradebeispiel für Integration. Sie beschreiben ihn als jemanden, der zuletzt an sich selbst denkt, stets für andere kämpft. Denn das kennt der junge Mann aus seiner Heimat. In Afghanistan wurde er von den Taliban verfolgt, weil er als Übersetzer für die NATO gearbeitet hat. Immer wieder musste er umziehen, seine Eltern an vermeintlich sicheren Orten unterbringen.

Große Teile seines Freundeskreises wurden durch Selbstmordattentate ausgelöscht, die Angst davor war es auch, die Amin Aslan letztlich zur Flucht bewegte. Er wollte in Deutschland ein besseres und vor allem sicheres Leben führen.

Grenzpolizei nahm ihn in Rumänien fest

Heute weiß er, dass der Plan mit seiner Festnahme in Rumänien eigentlich schon gescheitert war. Er überquerte mit 43 anderen auf einem kleinen Boot das Schwarze Meer, als die Grenzpolizei auf sie aufmerksam wurde. „Wir wurden in ein Gefängnis gebracht, dort haben sie unsere Fingerabdrücke genommen und uns einen Asylantrag vorgelegt.“ Den habe er ausfüllen müssen, die andere Option sei die Rückkehr nach Afghanistan gewesen. Aslan willigte ein, dachte über die Konsequenzen nicht nach. Er reiste gleich weiter nach Deutschland. Und dort stellte er einen Asylantrag.

Bekannt wie ein bunter Hund 

Seitdem sind Jahre vergangen, Amin Aslan ist in Lüneburg bekannt wie ein bunter Hund. Wer mit ihm in die Stadt geht, muss damit rechnen, alle paar Meter stehen bleiben zu müssen. Durch sein Engagement und Interesse hat er sich ein großes Netzwerk aufgebaut. Er hat als Gasthörer an Vorlesungen und Seminaren der Leuphana teilgenommen, als Kulturmittler bei der Arbeiterwohlfahrt gearbeitet und sich bei zahlreichen Initiativen und Organisationen engagiert. Einige von ihnen haben auf LZ-Nachfrage erklärt, warum Amin Aslan unbedingt in Lüneburg bleiben sollte.

Denn seit Ende 2016 steht fest, dass er Asyl in Rumänien erhalten hat. Deshalb kann ein Verfahren in Deutschland überhaupt nicht aufgenommen werden. Aslan nahm sich juristischen Beistand, es kam zur Klage, doch blieb ohne Erfolg. Die einzige Hoffnung: Das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge hat festgestellt, dass eine Rückkehr nach Afghanistan keine Option ist. Doch nach Rumänien möchte Aslan auch nicht zurück. „Ich kenne Afghanen, die von dort abgeschoben wurden und zurück nach Afghanistan mussten. Ich habe große Angst.“ Seine Hoffnung liegt jetzt in der Härtefallkommission, dem Gremium liegen Zeugnisse, Zertifikate, rund 30 persönliche Einschätzungen, unter anderem von Lüneburger Politikern, und Presseartikel vor.

Eva Kern kennt Amin Aslan durch den Kulturgarten, dort gärtnern Lüneburger und Geflüchtete gemeinsam. „Er hat uns bei Übersetzungen, bei der gesamten Organisation geholfen. Ich habe Amin als jemanden kennengelernt, der immer erreichbar ist und auch kurzfristig einspringt. Er hat viele Geflüchtete zum Gärtnern gebracht.“

Veranstaltungsreihe maßgeblich mitgeprägt

Moritz Reinbach hat ihn über die No Border Academy kennengelernt, die er zu dem Zeitpunkt gründete. „Er war sofort Feuer und Flamme, hat in den Unterkünften davon erzählt. Dadurch, dass er Arabisch, Türkisch, Farsi, Deutsch und Englisch spricht, hat er uns geholfen, Sprachbarrieren aufzubrechen. Amin war und ist ein entscheidender Faktor dafür, dass wir so viele Geflüchtete bei uns begrüßen konnten.“ Und auch als nach einem Jahr das „Welcome and Learning Centre“ in der Bleckeder Landstraße aufgebaut wurde, sprang Aslan ein. „Er hat uns bei der Planung und Konzeption geholfen, Finanzanträge geschrieben.

Amin hat einige Semester BWL studiert in Afghanistan, mit dieser Expertise konnte er uns unter die Arme greifen.“ Auch für die jungen Menschen, die noch minderjährig und ohne ihre Eltern geflohen sind, sei er ein Ansprechpartner. „Er hilft ihnen bei Hausaufgaben, geht mit positivem Beispiel voran. Er lebt anderen vor, was Integration bedeutet.“

Sven Prien-Ribcke leitet seit 2010 die Konferenzwoche an der Leuphana und hat Amin durch die Veranstaltungsreihe „Einwanderungsland Europa“ kennengelernt. Auch da war er an der Planungsphase beteiligt. „Er ist auch selbst aufgetreten, hat anderen seine Geschichte erzählt und darüber debattiert, wie ein Zusammenleben in der Region aussehen könnte.“
Sollte der Fall von Amin Aslan zur Beratung zugelassen werden, kann es bis zu einem Jahr dauern, bis darüber entschieden wird. In der Zwischenzeit soll ein Ausbildungsplatz für den Afghanen gefunden werden, er würde am liebsten im kaufmännischen Bereich arbeiten. Und durch eine Stelle könnte er auch an ein Bleiberecht kommen – in Lüneburg.

Von Anna Paarmann