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Das Thema Zwangsheirat kennen Zohra Adie (l.) und Vida Jami aus ihrer Heimat Afghanistan. Sie möchten, dass die vielen Probleme dort bekannt werden. Foto: t&w

Per Bus im Einsatz für die Menschenrechte

Lüneburg. Sie gehören zu den führenden Vertretern der größten unabhängigen Menschenrechtsorganisation. Und dafür wurden sie ins Gefängnis gesperrt. Taner Kılıç, Vorstandsvorsitzender der türkischen Amnesty-Sektion, wurde am 6. Juni festgenommen, Direktorin İdil Eser nur einen Monat danach. Ihnen wird die Unterstützung einer terroristischen Organisation vorgeworfen.

Amnesty International kämpft zurzeit für die Freilassung, auch einige Herderschüler haben sich jetzt für diese Kampagne stark gemacht. Denn in Lüneburg gastiert zurzeit der gelbe Doppeldeckerbus der Organisation, die sich weltweit für Menschenrechte einsetzt. Er bietet für zwei Tage ein mobiles Klassenzimmer auf dem Schulhof des Gymnasiums.

Friedlicher Protest über Briefe und Postkarten

Sophie Köster und Johanna Jungenkrüger gehören der Amnesty-AG der Herderschule an, sie haben ihre Mitschüler jetzt über die Aktivitäten der Menschenrechts-Organisation aufgeklärt. „Was ist Amnesty? Habt Ihr irgendeine Idee?“, wollte Johanna von den Zehntklässlern wissen. „Das ist eine Gruppe von Leuten, die sich für Minderheiten einsetzt“, sagte eine Schülerin. Sophie ergänzte: „Sieben Millionen Menschen engagieren sich mittlerweile bei Amnesty, sie erstellen im Wesentlichen Berichte und bringen sie an die Öffentlichkeit.“ Auch seien Brief- und Postkartenaktionen ein Mittel, um auf Menschenrechtsverstöße aufmerksam zu machen.

Mit verschiedenen Fotos haben die beiden 15-Jährigen auf Polizeigewalt, Zwangsheirat und Diskriminierung aufmerksam gemacht. Sie erzählten auch von Dimitri Worobiowski, einem regierungskritischen russischen Journalisten, der in die Psychiatrie eingewiesen worden sei, weil er auf einer Demonstration seine Meinung kundtat. „Amnesty hat ihn befreit. Die Organisation dringt aber nicht einfach in Gefängnisse ein, sondern geht komplett gewaltlos vor“, sagt Sophie. „Wir bauen Druck auf die Regierung auf und nerven so lange, bis sie nachgibt.“

Diese Aussage hat auch Johanna Rieckmann überzeugt, für die Freilassungs-Kampagne in der Türkei zu unterschreiben. „Ich hoffe, dass ich so Leuten helfen kann, die nichts Schlimmes getan haben.“ Die 14-Jährige interessiert sich für die Arbeit von Amnesty International, verfolgt stets die schulinternen Aktionen und die Informationen, die ihr zu dem Thema im Unterrichtsfach „Werte und Normen“ vermitteln werden. „Ich überlege auch, in die AG einzutreten.“

Kleine Mädchen werden zwangsverheiratet

15 Mitglieder zählt die Gruppe zurzeit, sie wird von David Wieblitz geleitet. Er hat das Amnesty-Mobil für zwei Tage gemietet, gestern stand es auch für drei Stunden auf dem Marktplatz. Dort hat die Lüneburger Erwachsenengruppe von Amnesty die Moderation übernommen. Der Lehrer der Herderschule findet es aber vor allem wichtig, dass die Schüler über die Arbeit der Organisation berichten. „Die anderen sind motivierter, wenn ihnen Gleichaltrige etwas erzählen. Außerdem gehen Schüler meist unvoreingenommen an ein solches Thema heran.“

Besonders bewegend waren die Geschichten von Vida Jami und Zohra Adie, Neuntklässlerinnen der Herderschule. Viele Themen, für die Amnesty eintritt, haben die beiden 17-Jährigen am eigenen Leib erfahren. Sie kommen aus Afghanistan, Vida ist etwas mehr als ein Jahr in Deutschland, Zohra lebt bereits seit zwei Jahren mit ihren Brüdern in Lüneburg. Das Thema Zwangsheirat ist in ihrer Heimat weit verbreitet. Zohra: „Viele sehr junge Mädchen müssen Männer heiraten, die 40 oder 50 Jahre alt sind.“ Vida kennt sogar jemanden, der im Alter von neun Jahren zwangsverheiratet wurde. „Sie hat mit 12 ihr erstes Baby bekommen, ihr Mann ist 70.“

Sich dagegen zu wehren, sei schwer. „Viele Mädchen, die das nicht wollen, verbrennen sich selbst“, weiß Vida. Und wer sich gegen eine Hochzeit auflehnt, wird bestraft. „Die Fingernägel werden herausgezogen, Nase, Ohren und Lippen geschnitten. Und es gibt auch Verletzungen durch Säure.“ Die beiden Mädchen glauben an Amnesty, sie möchten, dass die „vielen, vielen Probleme“ in Afghanistan offengelegt werden. Denn Frauen würden in ihrer Heimat häufig unterdrückt. „Sie müssen ihr Baby zu Hause bekommen, dürfen nicht in ein Krankenhaus. Viele Frauen sind von ihren Männern abhängig, weil sie keinen eigenen Ausweis haben.“

Von Anna Paarmann