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Plattdüütsch lernen kann man auch beim Singen: Urte Gehrckens-Gärtner gibt den Takt an, Klaus Stehr aus Reppenstedt zupft die Saiten. Er ist Musiker und Teil der Gruppe „Noordlücht“. Foto: t&w
Plattdüütsch lernen kann man auch beim Singen: Urte Gehrckens-Gärtner gibt den Takt an, Klaus Stehr aus Reppenstedt zupft die Saiten. Er ist Musiker und Teil der Gruppe „Noordlücht“. Foto: t&w

Freedag is Plattdag

Lüneburg. Julia findet Geheimnisse doof. Zumindest, solange sie von ihnen ausgeschlossen wird. „Immer dann, wenn mein Vater und mein Opa etwas vor mir verheimlichen wollen, sprechen sie Platt“, sagt die Siebenjährige, „und das ärgert mich.“ Nicht mehr lange: Julia hat Maßnahmen ergriffen und lernt jetzt an der Hermann-Löns-Schule die niederdeutsche Sprache. Einige Wörter versteht sie bereits.

Seit gut zehn Jahren existiert die Plattdüütsch-Arbeitsgemeinschaft an der Lümborger Grundschool, seit zehn Jahren wird sie von Urte Gehrckens-Gärtner geleitet: „Mein Ziel war und ist es, die alte Sprache zu erhalten“, sagt die Lehrerin – nicht ohne Grund: „Es ist eine Mundart voller Humor. Man kann schlimme Dinge sagen, ohne den anderen zu verletzten, sie gehört einfach zu unserer Kultur und war zu Zeiten der Hanse die Weltsprache.“

Bis in die jüngere Vergangenheit hat sich in vielen Regionen Norddeutschlands das Plattdeutsche gehalten – auch in der Familie von Urte Gehrckens-Gärtner: „Ich komme aus Nordfriesland, meine Eltern haben ausschließlich Platt miteinander gesprochen. Ich durfte das allerdings nicht.“ Und das aus gutem Grund: „Mein Vater war Dorfschullehrer und hat tagtäglich erlebt, welche Probleme die Kinder mit der hochdeutschen Grammatik hatten. Das sollte mir erspart bleiben.“

 Aktion Freedag is Plattdag von Landesschulbehörde und Landschaftsverbänden

Im Zuge der Entwicklung zur modernen Gesellschaft wurden die Überlebenschancen des Niederdeutschen immer stärker beschnitten, die Sprache galt als Idiom der armen Leute, der Menschen vom Land und wurde in den 1950-/1960er-Jahren sogar regelrecht verboten, wie die Grundschullehrerin weiß. Erst jetzt erlebt sie so langsam ihre Renaissance.

„Das Plattdeutsche wird wieder verstärkt – und auch verpflichtend – an den Schulen eingebracht“, erzählt Urte Gehrckens-Gärtner erfreut, „es fließt in den Deutschunterricht ein, steht bei den Lehramtsstudenten auf dem Plan, außerdem gibt es ab sofort die Aktion ‚Freedag is Plattdag‘ von Landesschulbehörde und Landschaftsverbänden. Und findet immer mehr auch in den Arbeitsgemeinschaften statt.“ Wie an der Hermann-Löns-Schule.

Jeden Freitag treffen sich dort rund 20 Jungen und Mädchen aus den 2. bis 4. Klassen, um mit Hilfe von Liedern, Reimen oder Geschichten die alte Sprache zu lernen. Sie üben kleine Stücke für das alle zwei Jahre stattfindende plattdeutsche Theaterfestival ein. Außerdem nehmen sie regelmäßig am plattdeutschen Lesewettbewerb teil und erfreuen ältere Menschen während der Adventszeit mit ihren Auftritten. Denn auch im Pflegebereich – das weiß Urte Gehrckens-Gärtner – hat die Sprache eine positive Wirkung: „Viele alte Leute mit Demenz oder nach einem Schlaganfall reagieren plötzlich wieder, wenn Platt mit ihnen gesprochen wird.“

Der Musiker Klaus Stehr war zu Gast in der Plattdeutsch-AG

Auch Klaus Stehr hat sich der alten Sprache verschrieben. Der Musiker aus Reppenstedt ist heute zu Gast in der Plattdeutsch-AG, will sich bei Urte Gehrckens-Gärtner Anregungen holen: Demnächst will er in seinem Heimatort ein ähnliches Schulprojekt starten. Platt gehört für den begeisterten Gitarristen zum Lebensgefühl, im wahrsten Sinne des Wortes zum guten Ton – wie in anderen Familien auch.

Oles Oma beispielsweise wohnt in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim. „Sie spricht Plattdeutsch, manchmal auch mit mir. Das finde ich gut“, sagt der Neunjährige. Das ist auch bei Finn so: „Meine Großeltern leben in Rechterfeld im Landkreis Vechta, sie reden Platt miteinander. Jetzt kann ich schon ein paar Wörter verstehen“, freut sich der Siebenjährige. In Matheas (8) Familie, die aus Kiel kommt, sprechen sogar alle noch die alte Sprache. In anderen, wie bei Julia, der Vater mit dem Opa. Das wird sich aber ja bald ändern: ein paar Monate noch Freitag-Plattdeutsch-AG, dann kann Julia das auch. Und die beiden müssen sich für ihre Geheimnisse wohl eine andere Sprache suchen.

Von Ute Lühr