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Der einjährige Podenco "Kalli" hat dank seiner Prothese keine Probleme mehr. Foto: t&w

Ein neues Bein für Kalli: Orthopädie-Technik aus Lüneburg

Lüneburg. Wenn Ewa Sliwa und Kalli spazieren gehen, ziehen sie alle Blicke auf sich. Regelmäßig wird die 49-Jährige auf ihren Hund mit dem wei ßen Fell und den großen braunen Ohren angesprochen. Der Grund: Kalli fehlt das rechte Hinterbein. Blutend und abgemagert hatten Tierschützer den Podenco als Welpen in Spanien auf der Straße gefunden, ihm drohte das Ende in einer der Tötungsstationen des Landes. Ewa Sliwa rettete ihn, holte Kalli zu sich nach Peine und päppelte ihn auf. Doch sein fehlendes Bein blieb ein Problem – bis ein Tierarzt Sliwa den Kontakt von Heino Lingner aus Lüneburg in die Hand drückte. Dank ihm kann Kalli heute wieder auf „vier“ Beinen gehen. Denn der Orthopädietechnik-Meister versorgt nicht nur Menschen mit Orthesen und Prothesen, sondern auch tierische „Notfelle“.

Nicht allen Tieren kann geholfen werden

Seit 2011 leitet Heino Lingner aus Salzwedel ein Sanitätshaus in Lüneburg, hat dort schon viele Menschen mit Or- und Prothetik versorgt. Vor rund vier Jahren dann die Idee: Warum nicht auch Tieren helfen? Bis heute hat der 48-jährige Orthopädietechniker, der eng mit den Tierkliniken in Lüneburg und Norderstedt sowie mit der tierärztlichen Hochschule Hannover zusammenarbeitet, bereits rund 60 Hunde versorgt. Die Diagnosen reichten von Fehlstellungen durch neurologische Erkrankungen oder Angst, Bandverletzungen und Überzüchtungen bis hin zu fehlenden Gliedmaßen.

Grundlage seiner Arbeit ist die jahrelange Erfahrung mit menschlicher Orthopädie und sein anatomisches Wissen. Trotzdem kann „man Mensch- und Tierorthopädie nicht vergleichen“, sagt Heino Lingner. Die Vorgehensweise sei zwar dieselbe, „aber jeder Fall ist anders. Es ist immer wieder aufs Neue ein individuelles Herantasten und ein Prozess.“ Die größte Herausforderung in der Tierorthopädie sei die Prothetik: „Nach Amputationen haben Hunde eine ganz andere Anatomie und Mobilität, das macht es schwierig. Hunde sind außerdem sehr mobil, eine Prothese muss immens viel aushalten. Wir hatten mal einen Greyhound, der Rennen gelaufen ist – unglaublich, was da für Kräfte wirken.“

Dank einer von Heino Lingner angefertigten Prothese kann Podenco „Kalli“ wieder rennen.

Eine weitere Schwierigkeit: die fehlende Interaktion. „Tiere können nicht sagen, wo es ihnen weh tut, und man kann ihnen auch nicht erklären, dass sie sich schonen müssen. Wir müssen also ganz viel beobachten und ausprobieren. Die Tiere zeigen einem dann, ob es passt oder nicht.“

Seine Werkstatt betreibt er mit seinen Kollegen Simeon Huber und Heiko Maxe. Bis zu drei Hunde versorgen sie im Monat, fertigen Gipsabdrücke, Prototypen und Testschafte, tüfteln an individuellen Lösungen für Orthesen und Prothesen. Es wird genäht, geklebt, erhitzt, verformt, geschraubt und gebohrt. Dazu gehört vor allem viel Improvisation, sagt Heiko Maxe. Denn nicht alle Materialien können auch für Tiere verwendet werden. „Manche Gelenke oder Schrauben passen einfach nicht, Menschen und Hunde haben ganz andere anatomische Strukturen. Das muss alles genau passen, sonst gibt es Druckstellen oder neue Fehlstellungen.“

Doch nicht jedem Tier können sie helfen. „Wenn dann ein Hund eingeschläfert werden muss, nimmt mich das immer mit“, sagt Lingner.
Ewa Sliwa hat bereits den zweiten Termin bei Lingner. Der Experte will Kallis Probeprothese kontrollieren und anhand seiner Entwicklung im letzten Monat weiter an einer Lösung für ihn feilen. Kalli steht seelenruhig da, streckt Heino Lingner und Simeon Huber seinen Stumpf hin, damit sie ihn untersuchen können. „Anfangs sind die Hunde verängstigt und laufen komisch. Aber dann merken sie schnell, dass es ihnen hilft und sie wieder mobil sind“, sagt Lingner.

Mit Kallis Entwicklung sind er und Ewa Sliwa mehr als zufrieden – und vor allem erstaunt über die schnellen Fortschritte. „Wir dachten, er bräuchte mehr Zeit, aber er ist von Anfang an darauf gelaufen wie ein Vierbeiner“, erzählt Sliwa. Als Kalli wenig später mit seiner Prothese durch den Lüneburger Kurpark tobt, strahlt sie. Der Hund, der noch vor wenigen Monaten nur Haut und Knochen war, strotzt vor Lebensfreude. Das sind Ewa Sliwa die 650 Euro für die Prothese wert. „Es ist einfach schön, dass man ihm damit etwas Gutes tun kann.“

Auch für Heino Lingner ist die Tierorthopädie vor allem eine Herzensangelegenheit. Die vielen zusätzlichen Stunden, in denen er sich den Kopf zerbricht und verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, berechnet er nicht. „Das wäre viel zu teuer“, sagt er. Zwar haben Hundehalter grundsätzlich die Möglichkeit, sich tierorthopädische Hilfsmittel von einer privaten Zusatzversicherung erstatten zu lassen, doch das klappt nicht immer. Eine Erfahrung, die unter anderem Marwe Knöst-Heier aus Hameln machen musste.

Seit sich ihr siebenjähriger Australian Shepherd Lucky vor einem Jahr beim Sprung über einen Graben die Bänder des rechten Vorderbeins gerissen hatte, war ein normales Gehen für ihn nicht mehr möglich. Dank Heino Lingner ist das heute kein Problem mehr: Eine Orthese dient Lucky als Stütze – und als Alternative zu einer Operation. „Ich bin froh, dass wir so eine OP vermeiden konnten, denn das ist ja für das Tier auch eine Belastung“, sagt Marwe Knöst-Heier.

Hundehalter sind bereit, viel Geld zu zahlen

Die Kosten von rund 550 Euro für die Orthese – einem Bruchteil der OP-Kosten – wollte ­Knöst-Heiers Zusatzversicherung allerdings nicht übernehmen. „Die haben sich da total quergestellt. Aber eine OP hätten sie gezahlt!“, ärgert sich die Hundehalterin. Dennoch bereut auch sie keinen Cent: „Ich bin froh zu sehen, dass es Lucky hilft – und das merkt er auch selbst. Er hat sich total gefreut, als er wieder wie früher rennen konnte. Und dafür fährt man auch mal 200 Kilometer. Das macht man für seinen Liebling.“

Auch für Heino Lingner ist es jedes Mal ein „tolles Gefühl, zu sehen, wie die Tiere wieder toben und dass es funktioniert hat“. Er erinnert sich an jeden einzelnen Hund, den er in den letzten vier Jahren versorgt und begleitet hat – vom kleinen Chihuahua bis hin zum 70-Kilo-Wolfshund-Mix. Er ist von der Dankbarkeit der Hunde immer wieder fasziniert. „Tiere können lachen. Sie haben dann so einen besonderen Blick. Und den haben sie, wenn sie wieder laufen können.“

Bis Kalli seine endgültige Prothese bekommt, dauert es noch. „Er muss noch mit seiner Probeprothese üben und Muskeln aufbauen.“ Dass Kalli wieder problemlos laufen kann, da ist sich Lingner sicher. „Er ist jung, gesund und lernt schnell“, sagt Lingner. „Und er hat es verdient!“, fügt Ewa Sliwa hinzu – während Kalli zum Pinkeln seine Prothese hebt.

Von Patricia Luft