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Im Winter 2015 schaute plötzlich die Welt auf den kleinen Ort Sumte in der Gemeinde Amt Neuhaus. Viele fürchteten die Einrichtung einer Notunterkunft für bis zu 750 Flüchtlingen. Foto: t&w

Sumte im Jahr danach — was bleibt?

Sumte. Es regnet schon seit Stunden, als Christian Fabel auf dem Hof der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft parkt. Wie eine Dunstglocke liegen die Wolken an diesem Tag über Sumte, das Dorf zwischen Elbwiesen scheint menschenleer. Fabel schlägt den Jackenkragen hoch, springt aus dem Wagen und eilt unter das Vordach des Haupteingangs. Im November 2015 stand der Unternehmer fast täglich hier und sprach mit Journalisten – Christian Fabel, der erste Mann in dem Dorf, auf das plötzlich die ganze Welt schaute.

Sieben Flüchtlinge auf jeden Einwohner, das hatte Sumte berühmt gemacht. Al-Dschasira und die New York Times schickten Reporter, TV-Sender aus Russland und China kamen, von einem Tag auf den anderen stand der kleine Ort im Fokus der Weltöffentlichkeit. Für viele schien die Katastrophe beschlossene Sache, doch es kam anders: Bis zu 750 Menschen aus 14 Nationen kamen, lebten ein Jahr lang in den Gebäuden des ehemaligen Inkassounternehmens und verschwanden wieder. Die Katas­trophe blieb aus und seit neun Monaten ist man in Sumte wieder unter sich: 102 Einwohner, darunter kein einziger Flüchtling mehr.

Was bleibt nach einem solchen Jahr? Wie 750 Flüchtlinge ein Dorf verändern? Fragen, die zuerst zu Christian Fabel führen, der als Ortsvorsteher bis Ende letzten Jahres mittendrin war im Geschehen. Die Suche nach Antworten führt zudem ins Rathaus der Gemeinde Amt Neuhaus, zu einer ehemaligen Mitarbeiterin der Notunterkunft, zu Sumtes Alt-Bürgermeister und einem Dorfbewohner, der im Winter 2015 anfing ein Online-Tagebuch zu schreiben über Sumte und die Flüchtlinge.

Organisation stellt Unterkunft vor

Der Ortsvorsteher

Christian Fabel trägt Schnurbart und Streifenhemd, der 57-Jährige sitzt seit Jahren für die CDU im Rat der Gemeinde und ist stellvertretender Bürgermeister. Auch er war erschrocken, als im Oktober 2015 bekannt wurde, dass in das ehemalige Bürodorf Hunderte Flüchtlinge einziehen sollen. „Niemand wusste, wie das funktionieren sollte.“ Doch Fabel jammerte nicht, sondern packte an, regelte, was er regeln konnte, vermittelte so gut wie es eben ging. Wenn die Rechten anriefen, legte er auf. „Mit denen wollten wir hier nichts zu tun haben.“
Fabel ist überzeugt: Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf. Aber er sagt auch ganz deutlich: „Das war nicht einfach für die Region.“ Die Entscheidung der Landesregierung, so viele Menschen in dem kleinen Ort unterzubringen, habe das Dorf herausgefordert. „Nicht jeder fand gut, was da passiert, auch hier fürchteten viele das Schlimmste.“ Gleichzeitig sei die Einrichtung der Notunterkunft eine Chance gewesen. „Für Leute aus der Region, die Arbeit suchten“, sagt er, „aber irgendwie auch für Menschen wie mich.“
Bis zum Winter 2015 hatte Fabel keinerlei Kontakt zu Flüchtlingen. „Und ich hätte mich freiwillig auch nie in einer der Willkommensinitiativen engagiert.“ Doch als die Menschen dann da waren, „habe ich sie kennengelernt, viel Zeit in der Unterkunft verbracht und mit einigen so etwas wie Freundschaft geschlossen“. Fabel nennt sie „seine Jungs“, einer von ihnen habe bis vor Kurzem sogar bei ihm gewohnt. Was ihm bleibt aus dieser Zeit? „Ich persönlich bin toleranter geworden, habe mehr Gelassenheit gelernt und mein Englisch ein bisschen verbessert.“ Wie viele andere im Dorf hat er sich am Ende gewünscht, dass es weitergeht mit Sumte und den Flüchtlingen. „Leider vergeblich.“

Die Reinigungskraft

Heidrun Albrecht ist 58, als sie erfährt, dass für eine Flüchtlingsunterkunft in Sumte Mitarbeiter gesucht werden. Die Pleite der Drogeriekette Schlecker hatte sie ihren Job gekostet, „und was Neues zu finden mit fast 60“, sagt sie, „das schien unmöglich.“ Die Arbeit in der Notunterkunft, „das war ’ne Chance, also bewarb ich mich“. Kurz darauf hatte Heidrun Albrecht den Job, „ein Traumjob“, sagt sie im Rückblick.

Heidrun Albrecht putzte in der Notunterkunft, „das war manchmal hart“, erzählt sie. Doch nicht das ist es, woran sie sich zurückerinnert. „Wenn wir fertig waren mit Putzen, kamen die Menschen und bedankten sich bei uns. Wenn ich morgens die Tür öffnete, liefen mir die Kinder schon mit offenen Armen entgegen.“ Sie liebte es, den ganzen Tag über die Kinderstimmen zu hören. „Die Unterkunft zu betreten, das war, als wenn sich Familie trifft“, sagt sie.

Geblieben sind Heidrun Albrecht aus dem Jahr neue Freundinnen aus der Putztruppe, „wunderbare Erinnerungen“ – und eine Beschäftigung auf 450-Euro-Basis. „Ich kümmere mich darum, dass in den Gebäuden alles in Ordnung bleibt, die Pflanzen nicht verkommen.“ Das sei besser als nichts, sagt sie. „Aber es macht mich auch traurig, die Leere in den Gebäuden zu sehen. Wir hatten so gehofft, dass es weitergeht.“

Die Bürgermeisterin

Grit Richter ist keine Politikerin, die große Reden schwingt. Das hat sie nicht getan, als das Land seine Pläne zur Einrichtung der Notunterkunft vorstellte. Und das tut sie heute nicht. „Wissen Sie“, sagt sie, „das hat sich einfach aufgelöst, erst wurden es immer weniger Flüchtlinge und dann waren sie ganz verschwunden aus Sumte.“

Die parteilose Verwaltungschefin bedauert das Aus für die Notunterkunft, „wir konnten den Aufschwung hier gut gebrauchen.“ Fast 70 Arbeitsplätze, Aufträge für die Unternehmen, „das ist Gold wert in einer strukturschwachen Region wie unserer“. Nun stünde das Bürodorf wieder leer. „Und was Neues ist nicht in Sicht.“

Gleichzeitig kommt die Bürgermeisterin ins Schwärmen, wenn sie von Sumte und den Flüchtlingen spricht. „Dass das so reibungslos geklappt hat, ist nicht selbstverständlich“, sagt sie, „da haben alle an einem Strang gezogen, einfach toll, dass in unserer Gemeinde so hilfsbereite Menschen leben.“ Richter ist überzeugt: Das Gefühl, die Herausforderung gemeinsam bewältig zu haben, wirkt nach. „Das stärkt die Gemeinschaft, bestenfalls auch heute noch.“

Der Blogger

Dirk Hammer ist Unternehmer in Sumte und einer der sagt, was er denkt. Als er im Oktober 2015 erfährt, dass 750 Flüchtlinge in sein Heimatdorf ziehen sollen, ist er skeptisch und schimpft beim Informationsabend, dass er ein Einbrechen des Internets und der Immobilienpreise fürchtet. Doch Hammers Rolle wird nicht die des Kritikers, er findet für sich einen anderen Platz. Acht Tage vor der Ankunft der ersten Flüchtlinge startet der Betreiber eines Fahrradladens einen Internet-Blog unter dem Namen „News aus Sumte“.

Hammer ist damals überzeugt: „Wenn das hier klappen soll, muss jemand vermitteln, sich kümmern, wenn es Probleme gibt, informieren – und zwar ehrlich.“ Bis März 2016 schreibt der Sumter regelmäßig darüber, was das bedeutet für ein Dorf: sieben Flüchtlinge auf jeden Dorfbewohner. Und er macht kein Geheimnis daraus, dass er will, dass es funktioniert, dass er sich als Christ verpflichtet fühlt, zu helfen. Bis Dezember schreibt er regelmäßig, dann schweigt er – und meldet sich per Video-Botschaft am 19. März ein letztes Mal zu Wort, Titel: „Warum ich in den letzten Monaten keine Beiträge geschrieben habe.“

Der Sumter berichtet von Freundschaften, die unter seinem Engagement gelitten hätten. Von dem Eindruck, dass es in seinem Geschäft ungewöhnlich ruhig geworden sei. Er nimmt Stellung zum Aufschwung der AfD, berichtet noch einmal über die Notunterkunft in seinem Dorf und schweigt seitdem. Zumindest online.

Fragt man Dirk Hammer heute danach, was von damals geblieben ist, sagt er: „Meine Tochter sitzt in der Grundschule neben Mohammed, ansonsten ist alles wie früher.“ Die Risse in der einen oder anderen Freundschaft seien längst wieder gekittet, die Aufregung habe sich lange gelegt. „Ich persönlich bin offener und toleranter geworden. Das war‘s.“

Der Alt-Bürgermeister

Wenn Reinhold Schlemmer aus dem Fenster blickt, kann er die Gebäude sehen, in denen bis zu 750 Menschen ein Zuhause auf Zeit fanden. Der 74-Jährige hat ein besonderes Verhältnis zu dem gigantischen Flachbau, der bis 2012 als Firmensitz eines Inkassounternehmens diente. „Als Bürgermeister habe ich das Bürodorf Anfang der 1990er nach Sumte geholt“, sagt er, „so viele Frauen hatten da Arbeit, trieben bundesweit Geld ein.“ Schlemmer ist noch immer stolz auf diesen Coup, dass er nun zusehen müsse, wie die Gebäude vor die Hunde gehen, sei furchtbar. „Aber so ist es wohl“, schimpft er, „jetzt sind wir eben wieder da: am Arsch der Welt.“

Im Winter 2015 ließ sich der 74-Jährige in Jogginganzug vor seinem Haus interviewen und erklärte den Journalisten: „Ich finde es gut, dass die Flüchtlinge kommen. Wir brauchen junge Leute, die hier arbeiten.“ Erfüllt hat sich seine Hoffnung nicht, fast alle Flüchtlinge haben die Gemeinde wieder verlassen. Was bleibt, ist Schlemmers Frust und das Gefühl, mal wieder abgehängt worden zu sein. „Ich hatte gehofft, dass es weitergeht, jemand das Objekt übernimmt“, sagt er. Stattdessen wuchert Unkraut.

Manchmal unterhält sich Schlemmer noch bei einem der Dorffeste über die Flüchtlinge. Doch viel, findet er, gebe es dazu gar nicht zu sagen. „Das waren liebe Leute, die kamen aus 14 Nationen und bis auf ein paar Meinungsverschiedenheiten mit der Polizei ist da nichts Schlimmes passiert.“ Wäre es nach ihm gegangen, wären die Flüchtlinge geblieben. „Die Kinder haben auf Deutsch Weihnachtslieder gesungen. Was wollen wir mehr?“

Von Anna Sprockhoff