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Der Pomologe Jan Bade bestimmt derzeit Sorten von Obstbäumen in der Gemeinde Amt Neuhaus. Dabei gibt es Sorten, die nur in der Elbtalaue vorkommen. Foto: lz/phs

Äpfel und Birnen in der Region: Auf der Suche nach seltenen Sorten

Bitter. Für Jan Bade aus dem hessischen Kaufungen sind Äpfel und Birnen mehr als nur leckeres Obst. Die Früchte sind Leidenschaft, Hobby und seit zwölf Jahren auch sein Beruf. Der 50-Jährige ist Pomologe, einer von wenigen Obstkundlern in ganz Deutschland. Die Gemeinde Amt Neuhaus hat es ihm mit ihren unzähligen Obstbaumalleen daher besonders angetan. Um einen Überblick über die vorhandene Vielfalt alter Apfel- und Birnensorten zu bekommen, hat sich Bade jetzt zusammen mit Mitgliedern des Vereins „Konau 11 – Natur“ in der Region auf der rechtselbischen Seite des Landkreises Lüneburg umgeschaut – und dabei auch unbekannte Früchte entdeckt.

Klimawandel wirkt sich auch in der Elbtalaue aus

Vorsichtig streckt Jan Bade einen langen Obstpflücker hoch in einen alten Apfelbaum an der Kreisstraße 57 am Ortsausgang von Bitter in Richtung Kaarßen. Gefüllt mit ein paar rot-grünen Früchten setzt er ihn geschickt wieder ab. Er greift ein Messer, schneidet einen der Äpfel in der Mitte durch. Jan Bade guckt, probiert, dreht und wendet die zwei Hälften. Anhand von Form, Stiel- und Kelchbereich, dem Kernhaus und den Kernen kann der Pomologe innerhalb von Sekunden bestimmen, welche Sorte er in der Hand hält. Doch bei diesem besonderen Apfel steht der Obstkundler zunächst ratlos da. „Also ich habe eine Vermutung, aber ich weiß es jetzt noch nicht. Das muss ich in Ruhe kontrollieren.“ Julia Gerdsen und Cornelia Bretz vom Verein Konau 11, die Bade bei seiner Arbeit begleiten, notieren den Standort des unbekannten Apfelbaums sofort auf ihrer Karte.

Ausgestattet mit Gummistiefeln und Regenjacken haben sich der Pomologe und die Vereinsmitglieder auf die Suche gemacht in der Region Amt Neuhaus, in der es seit Jahrhunderten Obstbaumalleen mit rund 10 000 Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen gibt. Die Gruppe will einen Überblick gewinnen, wo welche Apfel- und Birnensorten zu finden, welche noch unbekannt sind. Zu diesem Zweck hat der Verein Konau 11 bereits in den vergangenen zwei Jahren von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung geförderte Kartierungen durchgeführt. In diesem Jahr nimmt die Gruppe die Früchte in einem rund 25 Kilometer langen Abschnitt an der K 57 zwischen Bitter und Rassau unter die Lupe.

„Es gibt Sorten, die wachsennur hier. Zum Beispiel der Rote Brasilienapfel.“
Jan Bade, Pomologe

Jan Bade kartiert als einer von wenigen Pomologen in Deutschland verschiedene Apfel- und Birnensorten bundesweit. In das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue kommt er dafür jedes Jahr – und zwar unheimlich gerne, wie er sagt. Denn unter anderem die Gemeinde Amt Neuhaus sei für ihn besonders spannend: „Es gibt Sorten, die wachsen nur hier. Zum Beispiel der Rote Brasilienapfel oder der Karl Peters. Manchmal gibt es für bestimmte Sorten noch nicht einmal einen Namen, weil noch nie etwas über sie überliefert wurde“, erzählt Bade.
Bei seinen derzeitigen Kartierungsarbeiten hat der Pomologe festgestellt, dass die Bäume in diesem Jahr besonders leer sind. „In den letzten 15 Jahren habe ich es noch nie erlebt, dass es bundesweit so wenige Früchte gibt, wie in diesem Jahr.“ Grund für die schlechte Apfelernte sind frostige Temperaturen, die ausgerechnet zur Blütezeit im Frühjahr geherrscht hatten (LZ berichtete). Die unbeständige Witterung der letzten Monate hatte den Bäumen teils schwer zugesetzt. Mit den Konsequenzen haben vor allem die Obstbauern in der Region zu kämpfen. Einer von ihnen ist Fred-Erhard Haul vom Apfelhof Haul in Bitter.

Am Sonntag, 24. September, hatte Haul seinen zehnten Apfeltag geplant – ein Fest, bei dem die Besucher ihr mitgebrachtes Obst von einer mobilen Mosterei aus Rostock zu frischem Apfelsaft pressen lassen können. Aufgrund der wenigen Früchte in diesem Jahr musste Haul den Apfeltag jedoch absagen. „Wir sind sehr traurig darüber, aber es hätte sich nicht gelohnt. Letztes Jahr haben wir rund zehn Tonnen Äpfel geerntet. Aber dieses Jahr haben wir einen Ausfall von 80 Prozent“, sagt der 60-Jährige.

Mit Blick auf die Zukunft und den Klimawandel ist es dem Pomologen Jan Bade ein besonderes Anliegen, sein Wissen über einzelne Obstsorten weiterzugeben. Deshalb bietet er außerhalb der Obstsaison, die von Mitte August bis Ende Dezember geht, unter anderem regelmäßig Fortbildungen an. „Es geht vor allem um den Austausch. Denn jeder Apfel hat andere Bedürfnisse, Eigenschaften und auch Anfälligkeiten für Krankheiten.“ Der Klimawandel habe erhebliche Auswirkungen auf die Obstsorten: „Ich beobachte in den letzten Jahren zum Beispiel einen zunehmenden Pilzdruck aufgrund der Erwärmung. Wir brauchen Sorten, die in Zukunft damit klarkommen“, betont Bade. Die alten Sorten seien viel anpassungsfähiger als neu gezüchtete.
Für die Obstbauern wie Fred-Erhard Haul bleibt nur, hoffnungsvoll auf die Ernte im nächsten Jahr zu warten. „Wir arbeiten mit der Natur, da müssen wir uns beugen. Die Bäume können sich jetzt dieses Jahr etwas ausruhen. Und im nächsten Jahr holen wir dann unseren Jubiläums-Apfeltag nach.“

Von Patricia Luft

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