Donnerstag , 15. November 2018
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Dieter Hoffheinz leitet den Kursus zusammen mit Anette Groh, aktuell nehmen zehn Beschäftigte des Städtischen Klinikums im Alter von 30 bis 45 Jahren teil. Foto: lz/t&w

Analphabetismus: Wenn das Lesen und Schreiben schwerfällt

Lüneburg. „Schreib Dich nicht ab – lern lesen und schreiben.“ Mit diesem Slogan ruft der Bundesverband Alphabetisierung Menschen, die nicht lesen und schreiben können, dazu auf, sich diese zentralen Fähigkeiten anzueignen. Gelingen soll dies mit Angeboten, die unter anderem die Volkshochschule in Lüneburg und die Harburger Kreisvolkshochschule (KVHS) machen. Die Kurse richten sich an Menschen, denen es schwerfällt, Wörter oder einfache Sätze zu lesen oder zu schreiben, sowie an jene, die es zwar können, dabei aber viele Fehler machen.

Tanja Patzwald von der VHS Lüneburg ist eine der Koordinatorinnen des Regionalen Grundbildungszentrums (siehe Kasten). Durch ihre tägliche Arbeit mit funktionalen Analphabeten weiß sie: Es gibt auch in Lüneburg viele Betroffene. Gründe für Analphabetismus sind zum Beispiel Probleme in der Familie, häufige Umzüge oder andere Brüche in der Kindheit, zum Beispiel eine Krankheit oder die Scheidung der Eltern. Der Druck, der auf den Betroffenen lastet, sei immens: „Ich erlebe immer wieder, dass Betroffene unter Mobbing, Unterdrückung oder Erpressung am Arbeitsplatz zu leiden haben“, sagt Tanja Patzwald.

Viele Betroffene legten sich Techniken zu, „um sich rauszureden und durchzumogeln“. Patzwald nennt Beispiele: „Sie sagen, dass sie gerade keine Brille dabei hätten, wenn sie etwas ausfüllen müssen, oder in Eile sind und es deshalb mitnehmen möchten. Oder sie bringen sich extra eine Begleitung mit, die ihnen hilft. Hauptsache, es fliegt nicht auf.“ Diese Angst sollen die Grundbildungskurse den Betroffenen nehmen und ihnen gleichzeitig wichtige Zukunftsperspektiven bieten. Tanja Patzwald glaubt, dass eines der Probleme für die Analphabeten die zunehmende Digitalisierung ist: „Früher war der Arbeitsmarkt nicht so schreiblastig. Da kam man noch eher irgendwie damit durch. Heute muss jeder lesen und schreiben können.“ Das größte Problem aber: „Die Hemmschwelle, sich zu outen, ist für diese Menschen sehr groß.“

Entstanden ist einer der Grundbildungskurse, den die VHS Lüneburg derzeit anbietet, und zwar mit dem Jobcenter und der Service Plus Lüneburg GmbH, einem internen Dienstleister innerhalb der Gesundheitsholding Lüneburg. Diese „arbeitsplatzorientierte Grundbildung“ richtet sich speziell an die Service-Plus-Mitarbeiter, die im Lüneburger Klinikum unter anderem für die Versorgung der Patienten mit Speisen und Getränken, das Anliefern von Verbänden oder Sauerstoff sowie für die Reinigung zuständig sind. Der einjährige Grundbildungskursus – zweimal wöchentlich im Klinikum – soll ihnen den Joballtag erleichtern. „Für unsere Arbeitnehmer herrscht eine Dokumentationspflicht, sie müssen zum Beispiel Hygienerichtlinien lesen können“, verdeutlicht Ingrid Bunger, Leiterin für den Geschäftsbereich Reinigung bei Service Plus.

Derzeit nehmen zehn Beschäftigte im Alter von 30 bis 45 Jahren teil, Anette Groh und Dieter Hoffheinz leiten den Kursus: „Wir wollen keinen Frontalunterricht, sondern auf jeden individuellen Stand eingehen“, sagt Hoffheinz.

Auch die Harburger KVHS macht verschiedene Grundbildungsangebote, Informationen dazu gibt es unter www.kvhs-harburg.de. Informationen zu den Kursen der VHS in Lüneburg gibt es unter www.vhs.lueneburg.de oder unter (04131) 1566117.

Von Patricia Luft

Studie nennt Zahlen: Jeder Siebte betroffen

Laut einer Erhebung der Studie „Level one“ können 14,5 Prozent aller Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen und schreiben – darunter 750 000 in Niedersachsen und etwa 15 000 im Landkreis Lüneburg. Sie gelten als funktionale Analphabeten, ihre Lese- und Schreibkenntnisse liegen unterhalb der gesellschaftlichen Anforderungen.

Nach der Veröffentlichung der Studie wurden die acht Regionalen Grundbildungszentren (RGZ) in Niedersachsen ins Leben gerufen. Die Volkshochschule in Lüneburg war 2013 einer der ersten Standorte in Niedersachsen, die zum RGZ wurden. Gefördert wird das Projekt vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.