Donnerstag , 18. Oktober 2018
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Die bessere Ausnutzung der bestehenden Stromleitungen ist das Ziel eines Projekts, das in Lüneburg startet. Foto: lz/t&w

Wie sieht das Stromnetz der Zukunft aus?

Lüneburg. Wie wirkt sich der Betrieb der Waschmaschine auf den Stromverbrauch aus? Wie viel Strom verbraucht das Staubsaugen? Aktuelle Verbrauchsdaten können Lüneburger künftig schnell übers Internet abfragen. Dahinter steckt eine Stromsteuerung, die bei der Nutzung Erneuerbarer Energien beispielsweise auch in der Nachbarschaft von Vorteil sein könnte: Der eine Nachbar verfügt über einen Warmwasserspeicher, der andere über eine Photovoltaikanlage, bei einer intelligenten Steuerung können sie voneinander profitieren.

Was alles möglich ist, soll das EU-Großprojekt „Interflex“ untersuchen, für Deutschland verantwortet die Avacon das Vorhaben, die sich für Stadt und Landkreis Lüneburg (ohne Bleckede und Amt Neuhaus) plus die Gebiete Salzhausen und Elbmarsch als Testregion entschieden hat. Sie hat jetzt 4500 Kunden angeschrieben und hofft auf 200, die mitmachen.

EU plant mit Interflex ein Großprojekt

Avacon-Abteilungsleiter Dr. Sven Reese sagt: „Wir wollen ausprobieren, wie das Stromnetz der Zukunft aussehen kann. Dabei geht es nicht um den Bau neuer Leitungen, im Gegenteil: Wir wollen die bestehenden Leitungen verstärkt nutzen und den Strom dort verbrauchen, wo er produziert wird.“ Erste Überlegungen zielen darauf ab, den Stromverbrauch in Spitzenzeiten zu senken oder Energiespeicher nur dann zu befüllen, wenn das Angebot an Strom aus erneuerbaren Energiequellen hoch ist.

Bewusst habe man sich für den Raum Lüneburg als Testgebiet entschieden: „Hier haben wir eine für das Projekt sehr gut passende Siedlungsstruktur: kleine und mittlere Kommunen sowie mit Lüneburg eine dichtbesiedelte Kernstadt.“

Bei den 4500 angeschriebenen Kunden ist laut Hartmut Jäger, Kommunalreferent der Avacon in Lüneburg, „alles dabei vom Normalverbraucher bis hin zum Unternehmen mit eigenem Blockheizkraftwerk“. Benötigt würden Teilnehmer, die entweder eine Photovoltaik-Anlage, einen Batteriespeicher, eine Elektroheizung, eine Wärmepumpe oder ein Elektrofahrzeug betreiben. Die Teilnehmer kostet es nichts, sie erhalten sogar noch jeweils 300 Euro in Form von Einkaufsgutscheinen und ein Geschenkpaket.

Teilnehmer bekommen intelligentes Messsystem

Die Kunden, die mitmachen, erhalten ein intelligentes Messsystem inklusive einer Steuerbox, das von Avacon installiert wird und den alten Stromzähler ersetzt. Die Avacon-Leitstelle wird um ein Steuerungselement erweitert, das diese Geräte ansprechen und deren Daten verarbeiten kann.

Ziel ist es, dass Avacon eine große Menge kleiner Einheiten steuern kann, dadurch wird die Netzführung effizienter und stärker automatisiert. Reese: „Wir erwarten, dass durch eine verbesserte Netzführung auch der notwendige Netzausbau verringert werden kann.“ Das Lüneburger Projekt ist zunächst auf zwei Jahre befristet.

Die Vorteile für die Testkunden sieht Reese so: „Durch die intelligenten Zähler erhalten sie mehr Transparenz, haben die Übersicht über ihren Verbrauch im Online-Portal. Dort wird schnell deutlich, wie sich Energiesparmaßnahmen bemerkbar machen. Die Ablesung wird komfortabler, erfolgt durch die automatische, sichere und zeitgenaue Datenübertragung, der Kunde braucht nicht mehr selbst abzulesen.

Nebenbei ermöglichen Kunden durch den Einsatz des neuen Zählers, dass die Nutzung der Erneuerbaren Energien effizienter erfolgen kann.“ Im besten Fall führe das Projekt zu günstigeren Tarifen für Kunden.

Wer zu den 4500 Angeschriebenen gehört und teilnehmen will, kann sich online bewerben. Es gibt zusätzlich zwei Informationsveranstaltungen: Heute sowie am Donnerstag, 5. Oktober, jeweils um 17 Uhr bei der Avacon an der Lindenstraße.

Von Rainer Schubert

Hintergrund: Das Forschungsprojekt Interflex
Interflex ist Teil des EU-Forschungsprogramms „Horizon 2020“ mit einem Gesamtvolumen von 23 Millionen Euro. Ziel ist es, neue Wege der Stromversorgung auf lokaler Ebene aufzuzeigen. Wieviel Geld die Avacon erhält, verrät Dr. Sven Reese von der Netztechnik nicht, sagt aber: „Wir selbst werden etwa in gleicher Höhe in das Projekt investieren.“

20 Projektpartner europaweit werden die Wechselwirkungen zwischen Marktakteuren und Verteilnetz untersuchen. Die Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Energiespeicherung, intelligente Ladeverfahren für E-Fahrzeuge, Lastüberwachung sowie der Integration verschiedener Energieträger wie Gas, Wärme und Strom.