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1985 war Dr. Thomas Struck in Sierra Leone, dann kamen Job und Familie. Jetzt geht der Lüneburger Kinderarzt für die „German Doctors“ erneut in das westafrikanische Land. Foto: lz/be

German Doctors: Sierra Leone statt Lüneburg

Lüneburg. Noch sind die Koffer nicht gepackt, aber viel wird es ohnehin nicht sein, was Dr. Thomas Struck mitnehmen wird. „Die Temperaturen sind hoch, außerdem werde ich wohl die meiste Zeit im Krankenhaus sein“, sagt der 56-Jährige. In anderthalb Wochen macht sich der Lüneburger Kinderarzt auf den Weg nach Sierra Leone, dem dritt­ärmsten Land der Welt. Sein Ziel dort ist Serabu, ein kleines Dorf mitten im Busch, in dem die Organisation „German Doctors“ vor vier Jahren den Wiederaufbau des im Bürgerkrieg zerstörten Krankenhauses unterstützte. Für den Lüneburger ist sein Einsatz dort nicht nur wichtige medizinische Hilfe, es wird auch ein Wiedersehen mit dem Land an Afrikas Westküste.

Vor mehr als 30 Jahren schon einmal dort gewesen

„Ich war 1985 schon mal dort, damals in dem kleinen Ort Kamakwie“, erzählt Struck. Zu der Zeit machte er gerade seine Famulatur, das für angehende Mediziner vorgeschriebene Praktikum. Zwei Monate verbrachte er mit seiner Frau Anja in Sierra Leone, sie sammelte dort Erfahrungen für ihre Examensarbeit zum Thema „Dritte Welt im Grundschulunterricht“. Für beide stand danach fest, in diesem Land künftig als Entwicklungshelfer arbeiten zu wollen, „aber zuvor sollte ich meinen Facharzt machen, empfahl meine Frau“, erzählt Struck, der seit 1984 in Lüneburg lebt. Als der Facharzt endlich geschafft war, waren auch drei Kinder da, aus den Entwicklungshelfer-Plänen wurde nichts.

Das Land und der Wunsch, dort helfen zu können, gingen Struck dennoch nicht aus dem Sinn, auch, weil er über die Jahre Kontakt zu dort stationierten Ärzten hielt. Hilfe organisierte er in dieser Zeit von Lüneburg aus. Struck, aktives Mitglied der in der Lüneburger Friedenskirche am Bockelsberg beheimateten Baptisten-Gemeinde, sammelte gemeinsam mit anderen Geld für den Bau von Lehmhäusern.

German Doctors arbeiten unentgeltlich

Vor fünf Jahren schaffte Struck dann den Sprung als Helfer ins Ausland. Für die German Doctors, eine international tätige Nichtregierungsorganisation, die unentgeltlich arbeitende Ärzte zu Projekten in Entwicklungsländern entsendet, ging er für zwei Monate auf die Philippinen. Das hatte er im vorigen Jahr wieder vor – in Sierra Leone. Weil dort 2015 aber die Ebola-Epidemie ausbrach, wurde aus den Plänen wieder nichts, „die Organisation schickte dort vorübergehend keine Ärze mehr hin“.

Umso mehr freut sich Struck, dass es nach Ausklang der Epidemie – „es gibt nur noch vereinzelt Fälle“ – nun endlich losgehen kann. Am 27. September geht es mit dem Flieger in die Hauptstadt Freetown, „danach acht Stunden über Schlaglochpisten nach Serabu“. Zwei Monate lang unterstützt er dort Kollegen, die ebenfalls von „German Doctors“ vorübergehend eingesetzt sind, „man wechselt sich ab“. Aktuell arbeiten in Serabu fünf deutsche Ärze, die auch das gesamte Ärzteteam des Krankenhauses bilden. „Einheimische Ärzte gehen leider nicht in die Provinz, sie arbeiten meist nur in der Hauptstadt“, erklärt Struck. Gründe seien Angst vor Ebola, aber auch „ein gewisser Standesdünkel, man ist sich zu fein fürs Land“.

Als Kinderarzt ist er dort besonders gefragt, „die Kindersterblichkeit ist erschreckend hoch“. Jedes fünfte Kind sterbe vor dem fünften Lebensjahr, jede achte Frau überlebt die Geburt ihres Kindes nicht. Vor allem der Bekämpfung von Infektionskrankheiten will er sich dort widmen, „als Arzt ist man aber auch für alles andere mit zuständig“.

„Ich tue das auch für mich selber“

Befürchtungen, selbst noch Opfer des lebensbedrohlichen Ebola-Fiebers werden zu können, habe er nicht, auch einer möglichen Malaria-Infektion habe er vorgebeugt. Viel Gelegenheit, sich außerhalb des Krankenhauses aufzuhalten, werde er vermutlich ohnehin nicht haben, „es gibt viel zu tun, das Dorf ist klein und bietet bis auf zwei Kneipen wenig“. Für Zerstreuung und Abwechslung will er das eine oder andere Gesellschaftsspiel mitnehmen „und viel Schwarzbrot, das Verlangen danach ist bei den deutschen Ärzten groß“.

Struck, der sich für die Dauer seines Aufenthalts in Sierra Leone von einem Hamburger Kollegen in der Lüneburger Gemeinschafts­praxis vertreten lässt, sagt, es seien nicht nur altruistische Motive, die ihn nach Afrika hinziehen. „Es ist auch in ganz großem Maße etwas, das ich für mich selber tue.“ Sich aus dem Alltagstrott herausziehen und auf sich rückbesinnen zu können, schätze er sehr. Regelmäßig ziehe er sich dafür auch jetzt schon ein bis zwei Mal im Jahr in ein Kloster zurück. Ein bisschen Abenteuerlust komme aber auch dazu, „man weiß nie, was dort alles passieren wird“.

Von Ulf Stüwe