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„Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen muss man die Lüneburger auch mal beruhigen“, findet Christof Bosch und wirbt deshalb auf einem Parteiplakat: „Alles gut!“. Die Roten Rosen würde er am liebsten nach Uelzen abschieben. Foto: lz/t&w

Kleinere Parteien zur Bundestagswahl: Ohne Aussicht auf Erfolg

Lüneburg. Für den Mangel an Landärzten haben sie ein Rezept: Die Tierärzte sollten die medizinische Versorgung der Menschen abseits der Ballungsräume mit überne hmen. Allzu ernst sollte man diesen Vorschlag nicht nehmen von einer Partei, die postuliert, Erdogan nach Deutschland locken, gefangen nehmen und gegen Deniz Yücel austauschen zu wollen, und die sich statt für eine Mietpreisbremse für eine Bierpreisbremse starkmacht.

Diese Partei, die sich der Einfachheit halber nur „ Die Partei “ nennt und die einst von den Machern des Satire-Magazins „Titanic“ gegründet worden war, hat gerade noch rechtzeitig zur Bundestagswahl auch einen Lüneburger Ableger.

Die Sache ist Ernst

Dass „Die Partei“ keine Spaßpartei sei, sondern schon alles auch ernst meine, wie sie es sage, gehört quasi zur Show, die nun auch eine örtliche Bühne bekommen soll. Eine Gruppe von elf Personen war jüngst im Lokal Pons zusammengekommen, um einen Ortsverband zu gründen, Christof Bosch hat kommissarisch den Vorsitz übernommen, ehe am morgigen Freitag ab 19.30 Uhr ebenfalls im Pons dann ganz formal auch ein Vorstand gewählt wird.

Bosch ist 39 Jahre alt und arbeitet als Heilerziehungspfleger bei der Lebenshilfe. Er bezeichnet sich als politisch interessiert, doch bei den etablierten Parteien, die er einst auch selbst gewählt hat, sei nicht das Richtige dabei gewesen. Deshalb engagierte sich der langjährige Titanic-Leser erstmals vor zehn Jahren für „Die Partei“, die bewusst auf Populismus setze und „Inhalte überwinden“ will.

Die Frage „Meint Ihr das eigentlich ernst?“ bekommen er und seine Mitstreiter immer wieder mal zu hören, schließlich gibt es noch immer viele Menschen, die die etwas andere Partei nicht kennen, obwohl sie mit dem im Fernsehen durchaus präsenten Martin Sonnerborn inzwischen einen eigenen Abgeordneten im Europaparlament hat. Und nicht jeder kann etwas anfangen mit Satire.

„Eine Spaßpartei sind wir selbstverständlich nicht“, sagt Bosch trotzdem – und lächelt vielsagend. Das wolle der Ortsverband in naher Zukunft auch unter Beweis stellen. Mit einem eigenen Vorstand soll schon vor der Landtagswahl etwas mehr Wahlkampf gemacht werden, langfristig sei auch der Einzug in den Lüneburger Rat bei den Kommunalwahlen ein Ziel.

Rote Rosen nach Uelzen abschieben

Erste Ideen für eigene Ziele hat „Die Partei“ auch schon postuliert: „Rote Rosen nach Uelzen abschieben“ wäre so eines, oder „Heidepark ausbreiten – Für ein Lüneburg mit Achterbahnen statt Bussen“ ein anderes. Und Bosch, selbst gebürtiger Bardowicker, wirbt auch für eine Mauer um Bardowick – „selbstverständlich werden die Bardowicker die bezahlen müssen“.

Er kennt die Kritik, die gerade in den vergangenen Tagen wieder auf die Partei eingeprasselt ist: Politik sei gerade in Zeiten einer erstarkenden AfD viel zu ernst, um Schabernack zu treiben. Bosch lächelt sie weg: „Die Partei ist im Gespräch, das ist doch ein Erfolg. Und warum soll Politik nicht auch Spaß machen?“

Beim Internet-Netzwerk Facebook haben binnen kürzester Zeit schon mehr als 900 Nutzer ein „Gefällt mir“ für die Seite des Ortsverbandes gesetzt. Auch das sei ein schöner Erfolg, findet Bosch, wissend, dass Unterhaltung hier besonders gut funktioniert. Bei der Bundestagswahl dürfte die Zustimmung weitaus geringer sein, da macht sich auch Bosch nichts vor.

Bei allem Spaß will er deshalb auch nicht von einem Einzug in den Bundestag sprechen. „Mit drei Prozent wäre ich schon richtig glücklich.“ Das Ergebnis dürfte für ihn ohnehin zweitrangig sein, er will weiter Politik machen – bierernst natürlich.

Bündnis Grundeinkommen

Die Einthemapartei „Bündnis Grundeinkommen“ feiert sich am Sonntag selbst, dazu wollen die sieben Parteimitglieder und rund 20 aktive Unterstützer auf dem Bauwagenplatz „Fango“ am Lüneburger Stadtrand an einer Feuerschale zusammensitzen. „Wir feiern, was wir geschafft haben“, sagt Ilka Eschricht, „das war eine anstrengende, aber auch sehr spannende Zeit“.

Das Bündnis, das ein Einkommen für alle ohne Bedingungen fordert, existiert seit September vergangenen Jahres. Der Lüneburger Stammtisch hat sich erst im Januar etabliert. Und in kürzester Zeit hat die Partei, die sich als Initiative sieht, in Deutschland so viele Unterschriften sammeln können, dass sie nun in allen Bundesländern auf dem Wahlzettel stehen wird.
Eschricht hält das Ziel schon für erreicht. „Wir sind mit so vielen Menschen in Kontakt gekommen, konnten das Thema voranbringen.“

Die Partei hat nicht nur Unterschriften gesammelt und zum Stammtisch geladen, sondern auch Veranstaltungen organisiert. Dadurch hätten viele überhaupt erst erfahren, was sich eigentlich hinter einem bedingungslosen Grundeinkommen verbirgt. Die Lüneburger werden nach der Wahl weiter für das Thema kämpfen, „es ist uns eine Herzensangelegenheit“.

Die ÖDP

Sechs Mitglieder hat die Kreisgruppe der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) in Lüneburg. Marc Anthony ist eines davon, er war früher Mitglied bei den Grünen, doch die Art und Weise, wie die Partei Probleme angeht, habe ihm irgendwann nicht mehr gefallen. „Uns geht es um eine ganzheitliche Betrachtung, wir denken nicht nur bis zur nächsten Wahl.“

Die ÖDP wolle den Menschen klaren Wein einschenken, sich kritisch mit dem Wirtschaftssystem aus­einandersetzen und darauf hinweisen, dass die Umwelt immer weniger auffangen könne. „Die etablierten Parteien präsentieren keine tragfähigen Lösungen.“

Mindestens 0,5 Prozent seien das Ziel bei der Bundestagswahl. „Uns geht es darum, ein Umdenken in den Köpfen der Menschen zu bewirken und sichtbarer zu werden.“ Auch sei die Rückkehr zu einer Debattenkultur erklärtes Ziel der ÖDP. „Die hat in Zeiten der Großen Koalition sehr gelitten.“

Erst seit diesem Frühjahr ist die Kreisgruppe aktiv, Anthony ist realisitisch: „Wir wissen, dass wir einen langen Atem brauchen. Unser Motor ist die Dringlichkeit unseres Anliegens“, betont er. Im Wahlkampf macht die Partei, die deutschlandweit rund 6000 Mitglieder und auch einen Abgeordneten im Europaparlament hat, durch Infostände, Flugblätter und Plakate auf sich aufmerksam. „Nach der Wahl möchten wir uns auch stärker in der Kommunalpolitik engagieren.“ Ob die ÖDP eine Wahlparty feiert? Anthony lacht: „Das entscheiden wir spontan.“

Von Alexander Hempelmann und Anna Paarmann