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Die Angeklagten mit ihren Verteidigern (v.l.): Dr. Hans-Joachim Gerst mit dem 43-jährigen Hamburger und dessen zweitem Verteidiger Moritz Klay, Dr. Jonas Henning mit der 41-jährigen Angeklagten sowie Dr. Sascha Böttner mit dem 34-jährigen Angeklagten. Foto: lz/be

Anabolika-Handel: Muskel-Mittel kamen mit der Post

Lüneburg. Die 1. große Strafkammer betrat den Saal des Lüneburger Landgerichts mit einer Ersatzrichterin, auch die Schöffen-Zahl wurde durch zwei Ersatzschöffen aufgestockt, die Anklagebehörde erschien mit gleich zwei Staatsanwälten. Alle sind vorbereitet auf einen Mammutprozess, der locker bis Mitte oder gar Ende 2018 dauern könnte – falls der Hauptangeklagte nicht überraschend ein Geständnis ablegt. Die Anklage wirft dem 43 Jahre alten Hamburger in 712 Fällen Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz vor. Er soll Anabolika in großem Stil hergestellt und verkauft haben, geschätzter Umsatz: 130 000 Euro. Mitangeklagt ist ein Ehepaar, das den Mann unterstützt haben soll.

Die Staatsanwaltschaft begann mit der Verlesung ihrer Vorwürfe, die Anklageschrift umfasst 148 Seiten. Untermauert werden soll sie durch die Aussagen von 149 Zeugen, die in dem Prozess gehört werden sollen, sowie durch 32 Gutachten von Behörden.
Anklage: „Kunden“ sollten zunächst Vorkasse leisten
Die Anklage geht davon aus, dass sich der heute 43-Jährige zwischen Sommer 2011 und Dezember 2012 gesetzeswidrig Produktionsstoffe aus China besorgt und die leistungssteigernden und beim Muskelaufbau helfenden Anabolika in sogenannten Untergrundlabors zunächst in Salzhausen und später in Hamburg hergestellt hat. Auf verschiedenen Internetplattformen habe er seine Mittel angeboten, danach Postpakete mit Kapseln und Injektionen befüllt und diese verschickt. Dabei hätten die „Kunden“ in der Regel Vorkasse leisten müssen, in einigen Fällen hätten sie dem Hersteller ihr Geld vorab per Post zugeschickt.

In jüngster Vergangenheit wurden einige Untergrundlabore ausgehoben, Richter Axel Knaack sagte, dass die Kammer damit so etwas wie juristisches Neuland betrete. Denn es gäbe keine Vergleiche, was die Herstellung in solchen Labors angehe. Vor einigen Jahren habe es am Landgericht zwar mal ein Verfahren gegeben, das Urteil lautete auf etwas mehr als drei Jahre Haft. Die Vorwürfe im aktuellen Fall spielten sich aber in ganz anderen Dimensionen ab.

Knaack ging auch auf die Gründe dafür ein, warum der Prozess erst fast fünf Jahre nach dem letzten Tatvorwurf läuft: Eine andere Strafkammer wollte die Geschichte nicht verhandeln, die Staatsanwaltschaft legte ihr Veto beim Oberlandesgericht Celle ein, das im Januar 2017 entschieden hatte: Eine andere Strafkammer am Landgericht muss verhandeln. So landete das Verfahren auf dem Tisch der 1. Kammer, die eine sogenannte Überlastungsanzeige stellte: Mit dem Verfahren gegen mutmaßliche Mitglieder der Russen-Mafia und dem um den Kaltenmoorer Doppelmord – beide stehen kurz vor ihren Abschlüssen – sei man mehr als ausgelastet.
Vorgespräche brachten keine Einigung über das Strafmaß

Inzwischen hatte die Kammer Vorgespräche mit Verteidigung und Staatsanwaltschaft geführt – ohne Einigung: Die Verteidiger sehen für den 43-Jährigen nur die Möglichkeit eines Freispruchs, die Staatsanwaltschaft allenfalls bei einem umfänglichen Geständnis eine Verbüßung im offenen Vollzug.
Schneller dürfte es für das mit­angeklagte Ehepaar gehen, gegen sie soll gesondert verhandelt werden. Die 41-Jährige soll dem Hauptangeklagten in einigen Fällen beim Abfüllen geholfen und Anabolika bei sich in zwei Baumarkt-Kartons aufbewahrt haben. Ihr Mann (34) soll einen Spind für die Lagerung der Muskel-Macher zur Verfügung gestellt haben.

Von Rainer Schubert