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Über 90 Millionen Euro hat Amazon in den Standort Winsen investiert. (Foto: phs)

Hinter den Kulissen des Versand-Giganten

Winsen/Luhe. Das weitläufige Gelände ist hoch eingezäunt. Sicherheitskräfte in gelben Warnwesten überwachen den Eingangsbereich. Die Fahrzeugs chranke hebt und senkt sich, damit die Shuttlebusse passieren können, die Personal zu Hunderten pünktlich zum Schichtwechsel aufs Betriebsgelände bringen. Andere Mitarbeiter kommen zu Fuß vom entfernten Mitarbeiterparkplatz und marschieren zu dem blaugrauen Hallenkomplex, der sich auf einer Grundfläche von rund 64 000 Quadratmetern erstreckt. Wie vom Online-Riesen „Amazon“ angekündigt, hat das neue Logistikzentrum „HAM2“ im Winsener Gewerbegebiet Luhdorf zum Herbst 2017 seinen Betrieb aufgenommen. Es ist ein Dorf für sich: Rund 1800 Menschen sind hier im Dreischichtbetrieb beschäftigt. Betriebsleiter Norbert Brandau gewährte der LZ Einblicke ins Innere des Logistikzentrums.

Roboterballett im Logistikzentrum

15 Uhr, der Schichtwechsel steht an: Menschentrauben wandern über die am grauen Boden mit blauen Klebestreifen markierten Korridore der weiten, fensterlosen Hallen. Wie der Pendlerstrom am Bahnhof. Die einen kommen, die anderen gehen. Erste kleinere Gruppen bilden sich an den Pack- und Sortierstationen, Teamleiter führen Einsatzbesprechungen durch.

Vier Millionen Artikel auf drei Etagen

Der Bau des Hallenkomplexes wurde im Februar 2016 begonnen, er wird vom Immobilieninvestor IDI Gazeley an Amazon vermietet. „Die ersten vier Hallen reichten gerade, um die Sortierstraßen reinzubauen sowie Verpackungs- und Etikettierstraßen“, sagt Brandau, während er mit den Besuchern von der LZ durch den Komplex läuft. Die warme Luft ist erfüllt vom Rauschen der Belüftungsanlage, dem Rattern und Surren der gelb-schwarzen Förderbänder, die sich teilweise über zwei Ebenen, oben und unten, durch die Hallen ziehen.

Bei Amazon duzen sich alle, Mitarbeiter Lucas aus Winsen gefällt der neue Job an der Packstation. Foto: phs

Im Auftrag von Amazon baute IDI Gazeley zwei weitere Hallen hinzu. Sie sind notwendig für das automatisierte Lager: Auf drei Etagen seien hier mehr als vier Millionen Artikel vorrätig, sagt Brandau. Ziel sei die Einlagerung von elf Millionen Artikeln. Und es ist in Deutschland der erste Einsatzort für Amazons hauseigene Lagerroboter. In Schrittgeschwindigkeit gleiten die orangefarbenen Kisten über den Boden, setzen sich unter eines von Tausenden knallgelben Regalen, in denen verschiedene Artikel verstaut sind, und fahren beim sogenannten Picker vor.

Volumen soll verdreifacht werden

Mike Garbers ist so ein Picker. Dem Bleckeder werden auf einem Monitor die Artikel angezeigt, die gerade ein Kunde online bestellt hat. Die Roboter fahren die Regale mit den entsprechenden Artikeln heran und wieder weg. Garbers legt die Bestellung in eine Kiste. Die Artikel nehmen über Förderbänder ihren Weg zum Verpacken und zum Etikettieren, bevor sie zum Versand in einen Lkw verladen werden und zum Kunden irgendwo in Norddeutschland gebracht werden. Durch den neuen Standort Winsen sei es laut Brandau für Premium-Kunden in der Region möglich, bis Mitternacht zu bestellen und am nächsten Morgen die Ware zu erhalten.

Derzeit verlassen täglich rund 60.000 Pakete das Logistikzentrum in Winsen (Foto: phs)

50 000 bis 60 000 Pakete liefen derzeit pro Tag über die Bänder und Rollen der insgesamt zwölf Sortierstraßen. Brandau: „Wir sind noch ein Stück davon entfernt, wo wir hinwollen.“ Das Volumen solle vom aktuellen Stand aus gerechnet ungefähr verdreifacht werden. Und für das anstehende Weihnachtsgeschäftigt würden zusätzlich 500 bis 1000 Mitarbeiter benötigt.

Hartes Unternehmen, gute Bezahlung

Immer wieder steht Amazon als Arbeitgeber in der Kritik. Doch gegenüber der LZ beklagte sich bei der Betriebsführung keiner der spontan angesprochenen Mitarbeiter über die Arbeitsbedingungen. Jedoch: Ein Mitarbeiter, der nach eigenen Angaben ver.di-Mitglied ist, meldete sich gestern nach der Betriebsführung telefonisch bei der LZ zu Wort. Er arbeite seit Anfang des Sommers im Logistikzentrum. Vorher sei er im Hotel- und Gaststättengewerbe tätig gewesen und habe sich nach „geregelten Arbeitszeiten gesehnt“. Er sagt: „Ich habe mich etwas von der Werbung verführen lassen. So toll ist das in Wirklichkeit alles nicht: Das ist ein hartes Unternehmen mit klaren Vorgaben.“ Und: „Man muss schon körperlich und seelisch sehr fit sein, sonst hält man das nicht durch.“

„Wir sind noch ein Stück davon entfernt, wo wir hinwollen.“
Norbert Brandau, Betriebsleiter

Brandau sagt: „Unsere Mitarbeiter sind nicht unterbezahlt und wir würden im Süden von Hamburg auch nicht 1800 Mitarbeiter finden, wenn wir schlechte Arbeitsbedingungen bieten würden.“ Der Stundenlohn fängt übrigens bei 11,15 Euro an. Und: „Ich bin für Mitarbeiterbeteiligung. Ich bin dafür, dass sich ein Betriebsrat nächstes Jahr gründet.“

Und auch sonst solle sich das Logistikzentrum in Transparenz üben: „Ich möchte nicht, dass wir die große unbekannte Konstante sind. Wir wollen uns öffnen und werden nächstes Jahr für Besucher professionelle Führungen anbieten.“

Gemischte Gefühle bei Gewerkschaft & Arbeitgeber

Matthias Hoffmann, Geschäftsführer des ver.di-Bezirks Lüneburger Heide, kam mit anderen Gewerkschaftern nicht weiter als bis zum Personendrehkreuz vor der Amazon-Halle. Am Dienstag verteilte er auf dem Betriebsgelände Flyer an die Beschäftigten des Logistikzentrums in Winsen/Luhe, um auf die Leistungen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft aufmerksam zu machen. Während die Gewerkschaft grundsätzliche Kritik an Amazon übt, zeigt sich der Arbeitgeberverband Lüneburg verhalten optimistisch über die Neuansiedlung.

Hoffmann sagt: „Amazon bietet vielen, vor allem ungelernten Arbeitskräften eine Chance. Und sie bezahlen über Mindestlohn. Aber aus unserer Sicht ist das zu wenig, denn es ist immer noch untertariflich.“

Die Gewerkschaft liegt mit dem Online-Händler seit über vier Jahren im Streit, ob für die Mitarbeiter der von ver.di geforderte Tarif für den Einzelhandel gilt oder der für die Logistikbranche. Hoffmann: „Aber im Vordergrund steht: Amazon weigert sich, mit uns überhaupt in Verhandlungen zu treten, obwohl wir flächendeckend mit Tausenden Mitarbeitern schon gestreikt haben.“

Verband begrüßt zusätzliche Arbeitsplätze

Bernd Wiechel, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Lüneburg, sagte auf LZ-Nachfrage: „Wir begrüßen es grundsätzlich, dass sich ein solches Unternehmern in der Region ansiedelt und hier Arbeitsplätze schafft. Wir sehen natürlich die Problematik, dass ein solch großes Weltunternehmen auch Auswirkungen auf andere Unternehmen in der Region hat und es zu einem Wettbewerb um Arbeitskräfte kommt. Aber wir hoffen, dass sich das in Zukunft in einem guten Miteinander in und um Lüneburg lösen wird.“

Von Dennis Thomas

One comment

  1. Schöne neue Arbeitswelt, Fensterlos bei hohem Geräuschpegel für 11,15€ und nebenbei wird Amazon dafür sorgen, dass die Innenstädte verweisen werden. Hauptsache das Konsumvieh kann auf möglichst bequeme Weise gefüttert werden und muss nicht vom Sofa aufstehen. Jeder bestellte Popel wird jetzt in ein Kartönchen gepackt und durch die Gegend zum Kunden kutschiert, natürlich mit unterbezahlten und überstrapazierten Paketfahrern. Mit qualifizierter Arbeit hat das auch nichts mehr zu tun, Fähigkeiten aus denen vielleicht wieder andere Tätigkeiten oder evtl. neue Qualifikationen und Innovationen entstehen sind nicht zu erwarten. Menschen, die sich einen eigenen Kopf machen sind nicht mehr gefragt, Hauptsache man passt ins Effizienzschema der durchgetackteten Abläufe. Da kann man von der stupiden Fließbandarbeit in der Autoindustrie nur träumen, die war wenigstens noch gut bezahlt. Die neue Arbeitswelt in Deutschland wird immer mehr so organisiert, dass man mit Idioten arbeiten kann, die wird man irgendwann auch nur noch haben. Qualifizierte Arbeit entsteht mittlerweile leider woanders.