Dienstag , 18. September 2018
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Zuckerrüben werden nahe Ebstorf von einem Rübenroder geerntet. Die Rübenernte hat jetzt begonnen und dauert vorausichtlich bis Mitte Januar. (Foto: phs)

Öko-Rübe auf dem Vormarsch

Lüneburg/Uelzen. Für die Zuckerrüben-Bauern beginnt schon in wenigen Tagen ein neues Zeitalter: Bislang waren Produktion und Verkauf von Zucker in der Europäischen Union (EU) streng reglementiert. Für die Zuckerrübe, aus der etwa 80 Prozent des Zuckers hierzulande stammen, galt ein fester Mindestpreis. Eine Quote bestimmte außerdem, wie viel Zucker insgesamt in Deutschland produziert werden durfte. Es war ein Markt ohne viel Bewegung. Doch zum 1. Oktober fallen diese Regelungen. Auch die Landwirte in der Region haben auf die neue Situation reagiert: „Die Anbaufläche ist im Vergleich zu den Vorjahren größer geworden“, beobachtet Georg Sander, Rübenmanager bei Nordzucker im Werk Uelzen. Rund 2,3 Million Tonnen Rüben wird Nordzucker in dieser Kampagne verarbeiten. Zur Qualität der Rübe sagt Sander: „Wir rechnen mit einem guten Durchschnitt.“

Verarbeiter suchen mehr Anbauer

Der durchwachsene Sommer machte den Rübenbauern kräftig zu schaffen: „Manche Standorte haben viel zu viel Regen abbekommen, so dass sich Staunässe gebildet hat. Das mögen auch die Rüben nicht“, sagt Sander. Der verregnete Sommer sei für die Landwirtschaft insgesamt ein Problem gewesen. Die Feldfrüchte haben alle gelitten, „da haben die Rüben den verregneten Sommer noch am besten weggesteckt“.

Wenigstens jetzt zeigt sich die Sonne. „Das ist auch gut so“, findet Sander. „Warme, sonnige Tage und kühle Nächte, das steigert auch jetzt noch die Qualität der Rübe.“ Schließlich sei die Zuckerrübe ein kleines Sonnenkraftwerk. „Bei Sonnenschein findet tagsüber Photosynthese statt, wichtig für die Zuckereinlagerung“, erläutert Sander.

„Die Zuckerrübe ist die Königin der Feldfrüchte“, lobt auch Christian Schulz vom Maschinenring Lüneburg. Er ist der Mann, der die Zuckerrübenernte kreisweit für die Landwirte koordiniert. Dazu bedarf es eines komplizierten Räderwerkes von Logistik, Absprache und Organisation. Just-in-Time-Lieferungen an die Fabrik verlangen eine punktgenaue Planung. 190 Rübenanbauer muss Schulz koordinieren – von der Rübenernte über die sogenannte Mietenpflege bis hin zum Abtransport. Mietenpflege heißt, dass die bereits aus der Erde geholten Rüben am Feldrand gelagert und notfalls auch mit einem Spezialvlies abgedeckt werden, das die Rüben vor Kälte schützen soll.

Öko-Zuckerrüben kommen zuerst

Während die Kampagne für die konventionell angebauten Zuckerrüben gerade erst begonnen hat und voraussichtlich noch bis Mitte Januar dauern wird, ist die Rodung der Öko-Zuckerrübe bereits erledigt. „Die Öko-Zuckerrüben werden als erstes vom Feld geholt und auch als erstes in der Fabrik verarbeitet“, erklären Sander und Schulz. Denn dann bestehe keine Gefahr, dass die Öko-Rüben mit konventionellen vermischt werden. Die Öko-Rüben werden auch nicht in Uelzen raffiniert, sondern im Werk Schladen. „Die Landwirte und auch das Werk müssen entsprechend zertifiziert sein“, erläutern Sander und Schulz.

Vorteil der Öko-Zuckerrüben: Beim Anbau der süßen Frucht werde auf den Einsatz von Chemie zur Unkrautbekämpfung verzichtet, „der Boden wird wieder wie vor 30 Jahren mechanisch bestellt, das Unkraut mit der Hacke beseitigt“, erläutert Christian Schulz – er führt aber auch die Nachteile des Öko-Anbaus auf: „Die Landwirte können das Wachstum der Rübe nicht voll ausnutzen, weil die Öko-Rüben als erstes aus dem Boden und in die Fabrik müssen.“

Nichtsdestotrotz sieht Sander hier in absehbarer Zeit einen Markt heranwachsen: „Die Nachfrage ist da“, beobachtet der Uelzener Zuckerexperte. „Wir sind als Zuckerfabrik daher sehr daran interessiert, noch mehr Landwirte zu finden, die Öko-Zuckerrüben anbauen wollen.“

Produktionsmengen werden steigen

Die Preise von Zuckerrüben und fertigem Zucker dürften künftig stärker schwanken. Nach Einschätzung der Industrie wird sich für den Endverbraucher jedoch kaum etwas ändern. „Bei den meisten Lebensmitteln ist der Anteil des Zuckers an den gesamten Rohstoffkosten gering“, erklärt eine Sprecherin der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. „Von daher erwarten wir keine spürbaren Effekte für die Verbraucherpreise dieser Lebensmittel.“ Nur etwa zehn Prozent der Produktion gehen als Haushaltszucker in den Markt.

Tendenziell könnten die Produktionsmengen in Deutschland künftig steigen – darin sind sich alle Beteiligten einig. „Ohne gesetzliche Beschränkungen hinsichtlich der Menge können Zuckererzeuger ihre Produktionskapazitäten optimieren und Produktionskosten für Zucker reduzieren“, heißt es in einem Statement der EU-Kommission. Auch auf dem Weltmarkt könne nun Zucker aus der EU verkauft werden.

Von Klaus Reschke